Liebe Leserinnen und Leser,
die neue Woche wird für die gesamte Rüstungsindustrie erneut eine große Herausforderung. Sowohl die Aktie von Rheinmetall als auch die Aktie von Renk stehen massiv unter Druck. Bei Rheinmetall allerdings sehen Analysten inzwischen deutlich mehr Potenzial, als die Märkte dem Unternehmen derzeit zusprechen.
Es gibt sogar erste Aufforderungen, die Notierung zu kaufen. In einer Schlagzeile in den Finanzmedien heißt es, mutige Anleger sollten jetzt zugreifen. Andere Schlagzeilen verweisen dagegen auf einen weiterhin bestehenden Albtraum für die Aktie. Dieser Widerspruch lässt sich vergleichsweise schnell erklären.
Schwacher Freitag
Rheinmetall sollte nach dem Handel am vergangenen Freitag immer noch mit einiger Vorsicht betrachtet werden. Die Notierungen liegen bei 956,90 Euro und damit weiterhin deutlich unter der Marke von 1.000 Euro. Das ist enttäuschend. Vor allem Chartanalysten zeigen sich irritiert.
Hier gibt es zwei Ebenen. Zum einen sollte die Aktie die Unterstützung bei 940 Euro halten. Ein Bruch dieser Marke könnte ein neues Drama auslösen. So jedenfalls sehen es Chartanalysten, die vor einem Rutsch unter diese Unterstützung warnen.
Zum Zweiten bleibt die Marke von 1.000 Euro das große Hindernis. Selbst wenn Rheinmetall wieder über 1.000 Euro laufen würde, wäre damit noch kein Befreiungsschlag gelungen. Allerdings dürften die Börsen dann zumindest weniger nervös werden. Insofern befindet sich Rheinmetall weiterhin in einer schwierigen Lage.
Statistik lässt nichts Gutes erahnen
Rheinmetall Aktie Chart
Auch statistisch lässt sich dies leicht erkennen. Die Notierungen sind im laufenden Jahr um mehr als 40 % nach unten gelaufen. Die Aktie hat damit einen Abwärtstrend bestätigt, den in dieser Dimension für das laufende Jahr wohl kaum jemand erwartet hatte.
Dabei war die wirtschaftliche Ausgangsposition vergleichsweise einfach. Rheinmetall hatte für das vergangene Jahr einen Umsatz von 9,94 Milliarden Euro gemeldet. Für das laufende Jahr war im Verteidigungsgeschäft ein weiterer kräftiger Umsatzanstieg erwartet worden, der auch eintreten wird.
Die Umsätze werden deutlichst steigen
Selbst nach der Korrektur wegen eines bestimmten Auftrags, der nicht gewonnen wurde, der F126 Fregatte der Bundeswehr, bleiben die Erwartungen hoch. Rheinmetall korrigierte seine Umsatzschätzung für das laufende Jahr. Statt zuvor circa 14 bis 14,5 Milliarden Euro werden nun 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro erwartet.
Der Vergleich zeigt die Dimension: Gegenüber dem Vorjahresumsatz von 9,94 Milliarden Euro wäre damit immer noch ein Anstieg von circa 40 % zu erwarten. Das überschreitet eine moderate Entwicklung deutlich. Rheinmetall würde massiv wachsen.
Im Laufe des Jahres wurde zudem bekannt, dass Rheinmetall selbst davon ausgeht, bis 2030 einen Umsatz von bis zu 50 Milliarden Euro erreichen zu können. Der Umsatz würde sich damit innerhalb weniger Jahre noch einmal ungefähr verdreieinhalbfachen. Umsatztechnisch geht es dem Unternehmen also ausgesprochen gut.
Profitabilität soll steigen
Wenig Vertrauen hat der Markt offenbar in die Profitabilität. Anders lässt sich die Kursentwicklung aus wirtschaftlicher Sicht kaum erklären. Allerdings befindet sich auch die Profitabilität derzeit in einer komfortablen Ausgangssituation.
Im ersten Quartal war eine Marge von 15 % gemeldet worden. Im zweiten Quartal waren es bereits 17,1 %. Im vergangenen Jahr lag die Marge bei 18,5 %. Rheinmetall selbst geht davon aus, bis zum Jahresende insgesamt eine Marge von 19 % zu erreichen.
Das heißt: Die Profitabilität hat sich zumindest nicht verschlechtert. Sie dürfte sich im Vergleich zum vergangenen Jahr sogar verbessern. Die Gewinne würden damit nicht nur absolut steigen, sondern auch relativ. Das passt kaum zu dem Misstrauen, das sich in einem Kursabschlag von mehr als 40 % im laufenden Jahr zeigt.
Cashflow ein Problem?
Ernstzunehmender sind die Sorgen um die Cashflow Position. Im zweiten Quartal wurde ein negativer Free Cashflow gemeldet. Rheinmetall verwies darauf, zum einen in Vorleistung investiert zu haben und zum anderen Buchungen für Aufträge erst später vornehmen zu können. Die Börsen haben diesen Punkt offensichtlich deutlich ernster genommen.
Cash ist für Rheinmetall eine wichtige Größe. Die Kapazitäten müssen aufgebaut werden, damit die hohen Umsatzerwartungen tatsächlich realisiert werden können. Die hohen Auftragsvolumina müssen schließlich in Umsätze verwandelt werden.
Dabei hat der Auftragsbestand im zweiten Quartal mit mehr als 80 Milliarden Euro einen neuen Rekord erreicht. Das waren noch einmal rund 7 Milliarden Euro mehr als nach dem ersten Quartal. Bereits damals war mit 73 Milliarden Euro ein Rekordauftragsbestand gemeldet worden.
Der CEO erwartet sogar, dass der Auftragsbestand bis zum Jahresende auf 100 Milliarden Euro steigen könnte. Das wäre ein Rekord in einer ganz anderen Dimension und neben dem ohnehin kräftig steigenden Umsatz ein weiteres Argument dafür, Rheinmetall wirtschaftlich in einem starken Umfeld zu sehen.
Bereinigtes EPS war nicht hoch
Auch die Zahlen des zweiten Quartals liefern dafür Argumente. Der Umsatz erreichte 3,29 Milliarden Euro. Erwartet worden waren lediglich 3,16 Milliarden Euro. Das bereinigte EPS lag allerdings nur bei 2,66 Euro. Die Schätzungen hatten bei 6,59 Euro gelegen. Hier ist tatsächlich ein Schwachpunkt zu sehen. Der bereinigte Gewinn je Aktie war zu niedrig.
Das operative Ergebnis konnte dagegen überzeugen. Es sprang im zweiten Quartal um 115 % auf 562 Millionen Euro. Die Marge wurde, wie beschrieben, auf 17,1 % ausgebaut. Die Erwartungen für das operative Ergebnis hatten auf Analystenseite bei weniger als 500 Millionen Euro gelegen. Im Großen und Ganzen ist damit auch gewinntechnisch vieles im Lot.
Es bleibt vor allem die Angst davor, die benötigten Kapazitäten nicht oder nicht schnell genug aufbauen zu können. Hinzu kommt die Sorge, dass dieser Ausbau zu teuer werden könnte.
Steigende Zinsen sind eine Belastung
Die steigenden Zinsen an den Märkten sind dabei für die Rüstungsindustrie insgesamt eine Belastung. Zum einen wird es für die Unternehmen teurer, sich selbst zu finanzieren und ihre Kapazitäten auszubauen. Zum Zweiten stellt sich die Frage, in welchem Umfang die Staaten weitere Auftragsvolumina freigeben können, die bislang noch gar nicht erwartet worden sind. Mit steigenden Zinsen erhöhen sich schließlich auch die Finanzierungskosten der Staaten.
Wirtschaftlich betrachtet ist bei Rheinmetall dennoch kein Minus zu verbuchen. Die Analysten halten die Aktie deshalb für deutlich mehr wert. Die durchschnittlichen Kursziele liegen nach einer Berechnung bei 1.603 Euro. Andere Schätzungen kommen sogar auf noch höhere Werte. Die verschiedenen Modelle liefern unterschiedliche Zahlen. Rund 1.600 Euro bleiben allerdings eine Größenordnung, mit der Rheinmetall bei den Analystenschätzungen in das letzte Quartal des laufenden Jahres gehen kann, auch wenn die Realisierung solcher Kursziele länger dauern sollte.
Die Märkte haben dagegen den Daumen gesenkt. Dazu passen auch die schwachen technischen Trends. Der Abstand zur 100-Tage-Linie beträgt minus 12,84 %, zum GD200 sind es sogar minus 28,5 %. Das sind deutliche Belege dafür, dass sich die Aktie technisch in einem Abwärtstrend befindet.
Die Situation ist damit ziemlich eindeutig: Technisch befindet sich Rheinmetall in einem desolaten Zustand. Die Aktie sollte mindestens die Marke von 1.000 Euro überwinden, um überhaupt wieder etwas Luft zu bekommen.
Analysten sehen hier aus gutem Grund steigende Kurse
Wirtschaftlich betrachtet hat sich dagegen relativ wenig verschlechtert. Lediglich die Rahmenbedingungen sind durch die steigenden Zinsen ungünstiger geworden. Rheinmetall selbst liefert weiterhin starke Zahlen und Entwicklungen.
Dabei sind mögliche neue Großaufträge noch gar nicht berücksichtigt. Rheinmetall wartet bis zum Jahresende auf einen Auftrag mit einem Volumen von mehr als 12 Milliarden Euro für das Arminius Projekt. Dann könnte bereits eine Vorauszahlung von mehr als 3 Milliarden Euro für das laufende Geschäftsjahr wirksam werden, so heißt es. Das würde die Cash Position sicherlich noch einmal deutlich verbessern.
Die Auftragslage wird zusehends besser. Insofern ist zumindest plausibel, worauf die Analysten mit ihren hohen Kurszielen setzen: Wirtschaftlich spricht weiterhin einiges für Rheinmetall. Jetzt muss nur noch die Aktie wieder liefern.
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