Liebe Leserinnen und Leser,
Rheinmetall musste in den vergangenen Tagen deutliche Kursverluste hinnehmen. Auch am Donnerstag ging es um 1,51 % nach unten. 1.070 Euro werden derzeit auf den Börsentafeln angezeigt. Damit bleibt die Aktie klar im Abwärtstrend. Gleichzeitig rückt eine psychologisch und charttechnisch wichtige Marke näher: Bis zu 1.000 Euro beträgt der Abstand nur noch 70 Euro. Die Angst davor, dass die Aktie nun auch noch diese Unterstützung verfehlen wird, ist erstaunlich groß. Denn die Notierungen waren doch an sich über die Quartalszahlen, die jüngst gemeldet worden waren, deutlich stärker erwartet worden. Und doch: Der Markt zeigt klar, in welche Richtung es jetzt geht, gleich, welche Nachrichten die Düsseldorfer für ihre Aktionäre auch parat haben.
Rheinmetall Aktie Chart
Die technischen Kennzahlen bestätigen die Schwäche. Rheinmetall liegt rund 8,7 % unter dem GD100 und 23,6 % unter der 200-Tage-Linie. Auch der RSL130 liefert mit lediglich 0,85 ein schwaches Signal. Ein neutraler Wert würde bei 1 liegen.
Das sind die Zahlen des Schreckens für ein Unternehmen, das zumindest nicht schwach ist
Die jüngste Bilanz fällt entsprechend ernüchternd aus. Innerhalb einer Woche verlor Rheinmetall fast 9 %, in vier Wochen 7,7 %. Seit Jahresbeginn summiert sich der Rückgang statistisch betrachtet inzwischen auf 31,5 %. Damit stellt sich vor allem die Frage, ob die Marke von 1.000 Euro hält.
Bemerkenswert ist, dass die wirtschaftlichen Daten wesentlich besser aussehen als der Aktienkurs. Rheinmetall hatte zuletzt einen Auftragsbestand von mehr als 80 Milliarden Euro ausgewiesen. Gegenüber dem Vorjahr entsprach dies einem Zuwachs von ungefähr 44 %. Damit verfügt der Konzern über einen Auftragsbestand, der für mehrere Jahre erhebliche Umsätze absichert.
Auch das zweite Quartal lieferte starke Zahlen. Der Umsatz stieg um 6,69 % auf 3,29 Milliarden Euro. Der operative Gewinn erreichte rund 562 Millionen Euro und übertraf damit die durchschnittlichen Erwartungen um annähernd 20 %.
Nun kommt es zu einem Großauftrag. Auch der spielt kurzfristig offenbar keine Rolle
Zusätzlich steht ein möglicher Großauftrag aus dem Bundeswehr-Programm Arminius im Raum. Die finalen Verhandlungen laufen. Rheinmetall rechnet damit, den Auftrag gemeinsam mit KNDS gewinnen zu können. Das potenzielle Gesamtvolumen liegt bei rund 12,4 Milliarden Euro.
Die Börse reagiert auf solche Aussichten derzeit kaum. Stattdessen stehen andere Punkte im Vordergrund. Rheinmetall hatte seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr wegen des stornierten F126-Programms um ungefähr 300 Millionen Euro reduzieren müssen. Die neue Spanne liegt bei 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro. Diese Anpassung ist seit Wochen bekannt und sollte inzwischen weitgehend verarbeitet sein.
Die Börsen haben Angst vor einem Problem mit den Zahlungsmitteln
Mehr Aufmerksamkeit erhält der Free Cashflow. Im zweiten Quartal lag dieser bei ungefähr minus 1,6 Milliarden Euro. Rheinmetall begründete den hohen Mittelabfluss unter anderem mit Investitionen in Vorräte. Das Unternehmen geht damit in Vorleistung, um die erwarteten Aufträge abarbeiten und die notwendigen Kapazitäten bereitstellen zu können.
Genau dieser Kapazitätsaufbau scheint die Börse derzeit skeptisch zu beurteilen. Hinzu kommt die Entwicklung bei Wolfram. Der für die Rüstungsindustrie wichtige Rohstoff wird knapper. Konkrete Auswirkungen auf das Geschäft lassen sich daraus bislang nicht beziffern. Rheinmetall selbst hat dazu keine entsprechende Warnung ausgesprochen. Deshalb dürfte diese Nachricht an den Märkten eigentlich keine große Rolle spielen, wenn sie noch nicht einmal das laufende Geschäft berührt. Und dennoch lassen sich die Märkte derzeit nicht in die Karten blicken: Vielleicht ist es auch genau dieser Faktor, der seinen Schatten hinterlassen hat.
Die Rahmenbedingungen haben sich aber noch nicht entscheidend geändert, meinen einige der Beobachter mit Verweis darauf, dass auch dieses Faktum schon seit einiger Zeit durchaus bekannt ist.
Analysten haben ihre Einschätzung zur Rheinmetall eigentlich nicht geändert
Auch die Analysten haben ihre grundsätzliche Einschätzung nicht entscheidend verändert. Im Durchschnitt werden weiterhin Kursziele von mehr als 1.650 Euro genannt. Vom aktuellen Niveau bei 1.070 Euro wäre das ein erheblicher Aufschlag. Dies wäre aktuell ein Gewinn von deutlich mehr als 60 %, der noch immer möglich scheint.
Damit entsteht eine ungewöhnliche Situation: Der Kurs fällt seit Wochen, der Auftragsbestand liegt bei mehr als 80 Milliarden Euro, das operative Ergebnis übertraf zuletzt die Erwartungen und ein weiterer potenzieller Großauftrag über rund 12,4 Milliarden Euro steht im Raum.
Am Donnerstag hat sich daran nichts geändert. Mehrere Rüstungsaktien werden derzeit verkauft, ohne dass neue Aufträge oder mögliche Großprojekte den Kursen nennenswert helfen. Bei Rheinmetall bleibt deshalb zunächst die Marke von 1.000 Euro entscheidend. Oberhalb davon könnte sich jederzeit eine Gegenbewegung entwickeln. Fällt diese Grenze, würde sich das ohnehin schwache charttechnische Bild noch einmal verschlechtern.
Wirtschaftlich präsentiert sich Rheinmetall wesentlich stärker, als es der aktuelle Kursverlauf vermuten lässt. Wann die Börse diese Zahlen wieder stärker berücksichtigt, bleibt die entscheidende Frage. Analysten sind vielleicht für Investoren der letzte Trost: Die wissen es offenbar mit ihren hohen Kurszielen noch einmal besser.
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