Liebe Leserinnen und Leser,
Rheinmetall bleibt massiv unter Druck. Am Donnerstag verlor die Aktie weitere 0,65 % und fiel auf 950,12 Euro. In den ersten Minuten des heutigen Handelstages hat die Aktie zwar wieder etwas zugelegt. Nennenswerte Gewinne jedoch gehen nicht über die Marke von aktuell 955 Euro hinaus. Das Bild hat sich in keiner Weise verändern können.
Damit notiert der Titel erneut klar unter der Marke von 1.000 Euro und steckt sowohl charttechnisch als auch technisch tief im Abwärtstrend. Charttechniker halten es für möglich, dass bei weiteren Kursverlusten deutlich unter die Grenze von 950 Euro ein weiterer Absturz ansteht. Eine Erholung würde dann nicht mehr ohne weiteres möglich sein. Dies wäre eine große Enttäuschung beim vermeintlichen Platzhirschen in der Rüstungsindustrie.
Rheinmetall hat derzeit einen weiten Weg an den Börsen vor sich
Rheinmetall Aktie Chart
Zum GD100 fehlen inzwischen 13,9 %, zur 200 Tage Linie sogar 29,4 %. Auch über zwölf Monate hat Rheinmetall inzwischen mehr als 50 % verloren. Solche Abstände sind vor allem für technische Handelssysteme relevant und liefern dort weiterhin klare Verkaufssignale. Auch die 200-Tage-Linie ist weit entfernt. Hier wird der Abstand auf die rettende Marke auf 29 % taxiert.
Das Problem des Abwärtstrends betrifft inzwischen weite Teile der Rüstungsindustrie. Auch ein Unternehmen wie RENK hat ohne große wirtschaftliche Anlässe deutliche Abschläge hinnehmen müssen und den vermeintlichen Vorsprung vor einem Absturz weitgehend verspielt.
Rüstungsindustrie kommt nicht mehr hinreichend schnell auf die Beine
Der Markt stellt nicht mehr grundsätzlich infrage, dass Europa und andere westliche Staaten erheblich mehr Geld für Verteidigung ausgeben werden. Die aktuellen Pläne sind bekannt und angeblich seit langem eingepreist, so die Kritiker. Die weitere Wachstumswelle, die vonnötigen sei, wäre nicht mehr sichtbar.
Die entscheidende Frage lautet inzwischen vielmehr, wie schnell Rheinmetall die gewaltigen Auftragsvolumina tatsächlich in Umsatz, Ergebnis und Cashflow verwandeln kann. Sprich: Ob der Umsatz schnell genug steigt (weil es bereits Zweifel gab), infolgedessen das Ergebnis entsprechend klettert und hinreichend schnell neue Zahlungsmittelzuflüsse produziert werden können.
Hier liegen die Zweifel. Verzögerungen bei Projekten und Schwierigkeiten bei der Abwicklung haben zuletzt für Diskussionen gesorgt. Hier hatte sich in einem prominenten Fall einmal die Bundeswehr beschwert.
FCF war im 2. Quartal bereits negativ
Hinzu kommt der negative Free Cashflow im zweiten Quartal. Rheinmetall begründet diesen unter anderem mit dem Aufbau von Vorräten und zeitlichen Verschiebungen bei Projekten und Zahlungen. An der Börse reicht diese Erklärung derzeit nicht aus. Die Sorgen sind geblieben, weil Cash hier die wichtigste Größe für das nötige Wachstum des Unternehmens an den Börsen ist.
Das liegt auch an der enormen Erwartungshaltung, die zuvor aufgebaut worden war. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine war Rheinmetall an der Börse nur wenige Milliarden Euro wert. Auf dem Höhepunkt des Rüstungsbooms erreichte die Marktkapitalisierung zeitweise mehr als 90 Milliarden Euro. Die Aktie selbst stieg in der Spitze auf mehr als 1.900 Euro im laufenden Jahr und gleich über 2.000 Euro im Allzeithoch.
Damit hatte der Markt bereits gewaltiges Wachstum eingepreist. Genau diese Erwartungen werden inzwischen überprüft.
Wächst das Unternehmen überhaupt schnell genug?
Für das laufende Jahr rechnet Rheinmetall nach der Anpassung wegen des gestrichenen F126 Projekts durch die Bundesregierung im Juni des laufenden Jahres mit einem Umsatz von 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro. Die operative Marge soll bei rund 19 % liegen. Daraus ergibt sich ein operatives Ergebnis in einer Größenordnung von etwa 2,6 bis 2,7 Milliarden Euro. Beim Nettoergebnis liegen die Erwartungen deutlich darunter. Selbst nach dem absoluten Kurssturz wird der Konzern mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von mehr als 28 bewertet. Höhere Kurse sind in aller Regel dann (wenn nicht die Gewinne aus dem Nichts erheblich steigen würden) mit einem KGV von 40 bis 50 assoziiert. Das wäre auch historisch zu viel.
Bewertung ist derzeit etwas fairer
Die Bewertung ist durch den Kurssturz inzwischen erheblich zurückgekommen. Die Erwartungen (hier bezogen auf das KGV) bleiben allerdings nur dann überzeugend, wenn Rheinmetall seine hohen Wachstumsraten in den kommenden Jahren tatsächlich erreicht.
Das Unternehmen selbst hat bis 2030 Umsätze von bis zu 50 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Sollte Rheinmetall dieses Wachstum schaffen und gleichzeitig hohe Margen halten, sähe die heutige Bewertung erheblich günstiger aus. An dieser Stelle scheiden sich derzeit die Geister.
Die Analysten glauben weiterhin an die Wachstumsstory. Ihre durchschnittlichen Kursziele liegen bei rund 1.600 Euro und damit weit oberhalb des aktuellen Börsenkurses. Im Einzelnen sind sogar Kursziele von über 2.000 Euro benannt.
Der Markt glaubt diese Geschichte derzeit offensichtlich nicht. Unter 1.000 Euro, mit großen Abständen zu GD100 und GD200 und nach einem Absturz von den Rekordständen zählt zunächst der Kurs. Hohe Zinsen, schwache Nachrichten hinsichtlich des Kapazitätsaufbaus und der negative Cashflow haben den hohen Rkordauftragsbestand von über 80 Mrd. Euro in der Bewertung übertrumpft. Daher steht es Spitz auf Knopf gegenüber den Kurszielen.
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