Liebe Leser,
Rheinmetall steht nach der Bekanntgabe der Quartalsergebnisse mit dem Rücken zur Wand. Wer die Entwicklung des Papipers der Düsseldorfer Konzerns verfolgt, sieht einen gewaltigen Unterschied zu den Daten, die aus dem Unternehmen selbst kommen. Analysten sehen gleichfalls noch einmal etwas anderes als der Markt: Hier gehen die Kursziele bis zu über 2.035 aufwärts. Was also passiert hier eigentlich?
Der Konzern verbreitert seine industrielle Basis massiv, sprich: Baut sein Geschäft aus. Währenddessen waren nun die reinen Quartalszahlen kurzfristig hinter den hohen Erwartungen zurückbleiben. Der deutliche Kursrückgang am Donnerstag auf 1.341,60 Euro (was einem Minus om Umfang von 6,94 % entspricht) ist eine Reaktion auf die Umsatzentwicklung. Die war zu schwach und auch deutlich schwächer als von Analysten vermutet. Die Verzögerungen bei der Umsatzentwicklung gegenüber den Erwartungen sind klar bestraft worden.
Doch hinter den aktuellen Wahrnehmungen als Momentaufnahme verbirgt sich durchaus mehr als nur die schwache Umsatzentwicklung.
Die Bilanz und der Faktor Zeit
Die Veröffentlichung der vorläufigen Daten für das erste Quartal 2026 hat an den Märkten erneut in Erinnerung gerufen, dass aktuell noch nicht alles Gold ist, was glänzt. So konnte Rheinmetall zwar das operative Ergebnis aus dem laufenden Geschäft um 17 % auf 224 Millionen Euro steigern und die Marge auf 11,6 % verbessern, doch der Umsatz blieb mit 1,94 Milliarden Euro enttäuschte. Der Konsens der Analysten war hier von gut 2,3 Milliarden Euro ausgegangen.
Dieser Rückgang war insofern dennoch nicht gravierend, als lt. Management schlicht einige Auslieferungen aus dem 1. Quartal in das 2. Quartal verschoben worden waren. Deshalb wird die Rechnungsstellung etwas verzögert. Im Gesamtjahr hinterließe dies keine Spuren. Die Rheinmetall korrigierte ihre Erwartungen an den Umsatz im Gesamtjahr ausdrücklich nicht.
Der Markt jedoch nahm schlicht die Umsatzentwicklung zum gegebenen Anlass, um das Unternehmen abzustrafen. Dies ist Teil der aktuellen Bewertung und Betrachtung der Rüstungsunternehmen insgesamt. Schlechte Nachrichten und vermeintlich schwache Zahlen wirken fast wie vorgeschobene Möglichkeiten, Aktien zu verkaufen. Rheinmetall, Hensoldt und Renk waren schon seit längerer Zeit auf Talfahrt.
Rheinmetall Aktie Chart
Maritime Expansion als neuer Pfeiler
Dennoch hat sich das Geschäftsmodell der Rheinmetall mutmaßlich verändert und sogar verbessert. Vor geraumer Zeit gaben die Düsseldorfer an, dass sie nur noch auf Rüstung setzen würden. Mittlerweile ist auch deutlich geworden, dass dies nicht nur die bisherigen klassischen Felder der Rheinmetall umfasst.
So hat die Rheinmetall für die German Naval Yards Kiel ein Angebot abgegeben. Damit tritt der Konzern direkt in Konkurrenz zu Thyssenkrupp Marine Systems. Ziel ist es, in Zukunft komplett eigenständig Überwasserschiffe zu bauen und damit auch im Marine-Sektor eine stärkere Figur abzugeben. Das ist nachvollziehbar, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt. So ist der Auftragsbestand im Segment Naval Systems beeindruckend.
Schon jetzt liegt das Volumen der Aufträge bei 5,5 Milliarden Euro. Das ist für die Rheinmetall nicht unerheblich, auch wenn sie selbst aktuell bereits ein Auftragsvolumen von frisch gemeldeten 73 Mrd. Euro hat. Dies ist ein neuer Rekord, der an den Börsen indes in den vergangenen Tagen keine Rolle zu spielen schien.
Das Auftragsvolumenen ist dennoch binnen Jahresfrist um 31 % gestiegen. Der Erwerb der Kieler Werft wäre hierbei der fehlende Baustein, um Großaufträge künftig autark abzuwickeln.
Cashflow-Entwicklung und Vorratshaltung
Die Börsen haben schon seit längerer Zeit bei den Rüstungsunternehmen bemängelt, dass das Wachstum Geld kostet, sprich vorfinanziert wird. Dies ist bei der Rheinmetall nicht naders. Der operative freie Cashflow liegt bei -285 Millionen Euro.
Der Abfluss resultiert aus einem gezielten Aufbau von Lagerbeständen. Rheinmetall kauft Material und Komponenten im großen Stil vorab ein, um die Produktion für die Jahre 2026 und 2027 abzusichern.
Der Markt hat dies auf der einen Seite kritisch begleitet. Auf der anderen Seite ist diese Strategie durchaus vorteilhaft: Die Lieferketten sind gerade durch den Iran-Krieg massiv geschädigt oder drohen weiter an Zuverlässigkeit zu verlieren. Damit ist diese Form der Vorfinanzierung wirtschaftlich betrachtet eine sinnvolle Absicherung um vorhandene Aufträge bearbeiten zu können. Die Bilanz verrät über diese Motivlage nichts. Die Börsen haben sich faktisch lediglich die Buchungen angesehen.
Der Börsenabsturz ist aktuell noch immer temporär
So überraschend es klingen mag: Die Rheinmetall ist auch an den Börsen dennoch nicht dauerhaft unter die Räder gegangen. Der GD100 wie auch der GD200 als wichtige Trendindikatoren sind zweifellos überrundet worden. Und dennoch lohnt der Blick zurück:
Seit Jahresbeginn hat die Aktie lediglich 14,2 % verloren, was wiederum enttäuschend, bis dato aber noch immer nicht vernichtend ist. In den vergangenen drei Jahren liegt die Aktie mit einem Aufschlag von über 400 % noch immer stark im Rennen.
Ein Trost ist dies für Investoren sicher nicht. Der Trend zeigt tatsächlich deutlich abwärts. Die Indikatoren wie auch verschiedene Momentum-Signale zeigen abwärts. Auch Chartanalysten warnen aktuell: Die Notierungen sollten nicht auf weniger als 1.300 Euro fallen, dann würde die letzte Unterstützung und Bastion entfallen. Dann sei aus dieser Sicht ein Absturz auf 1.000 Euro zumindest möglich.
Aber: Noch ist die Aktie trotz aller Missstimmung langfristig nicht untergegangen. Das scheint auch die Fraktion der wirtschaftlich orientierten Analysten und Investoren so zu sehen. Die Analysten sind aktuell noch immer sehr zuversichtlich und werden dabei auch institutionelle Investoren im Blick haben.
Die sehen die Verbesserung der Eigenkapitalrendite und die weiterhin stabile und leicht kletternde operative Marge. Die Rheinmetall konnte auch im abgelaufenen Quartal die operative Marge von 10,6 % auf 11,5 % verbessern. Die Botschaft hier: Die Umsätze steigen (teils erst später kräftig) und der Anteil der Gewinne an den Umsätzen klettert gleichzeitig.
Analysten bleiben zuversichtlich
Trotz der aktuellen Kursverluste bleibt das Urteil der Analysten in aller Regel und bei den meisten Häusern positiv. Die UBS setzte das Kursziel auf 2.200 Euro, während Goldman Sachs mit 2.300 Euro weiterhin massiven Spielraum nach oben sieht.
Viele Experten werten die Umsatzlücke im ersten Quartal als vorübergehenden Effekt, der die fundamentale Wachstumsstory am Ende aus den genannten Gründen (u.a. die spätere Verbuchung) nicht gefährdet. Das mittlere Kursziel der Analystenliegt stabil bei knapp über 2.050 Euro.
Warum, zeigen deren Annahmen. Für das Geschäftsjahr 2027 prognostizieren Analysten einen Umsatzsprung auf über 17,2 Milliarden Euro, während es im nun laufenden Jahr (bei einem Anstieg um 40 % bis 45 % auf 14 bis 14,5 Mrd. Euro nach oben gehen soll). Das Ergebnis je Aktie (EPS) soll laut Markterwartungen von aktuell geschätzten 42,50 Euro auf über 68 Euro im Jahr 2028 klettern.
Diese Annahmen zeigen, dass der Markt davon ausgeht, dass Rheinmetall die Skalierung seiner Produktion mit steigenden Umsätzen und entsprechenden Gewinnmargen tatsächlich entwickeln wird. Die aktuelle operative Marge von 11,5 % sei dabei wohl nur ein Zwischenschritt. Das langfristige Ziel liegt letzlich bei 18 % oder etwas höher. Daraus resultieren die hohen Schätzungen der Kursziele.
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