Ein Rekordauftragsbestand von 7,4 Milliarden Euro klingt zunächst nach einer Erfolgsgeschichte. Doch wie belastbar diese Zahl wirklich ist, sorgt unter Analysten für Uneinigkeit – und genau diese Frage bestimmt am Mittwoch die Debatte um die Renk-Aktie.
MWB Research warnt vor zu viel Optimismus
Am vergangenen Donnerstag meldete sich MWB Research mit einer kritischen Einordnung zu Wort. Die Analysten bestätigten ihr Hold-Rating und setzten das Kursziel bei 48 Euro an – nur wenig über dem aktuellen Kursniveau.
Der Kern der Kritik: Von den 7,4 Milliarden Euro Auftragsbestand seien lediglich 38 Prozent fest vereinbarte Aufträge, weitere 13 Prozent entfielen auf Rahmenverträge. Der Rest bestehe aus weniger belastbaren Positionen. Wer allein auf die Rekordsumme schaue, überschätze damit möglicherweise die kurzfristig realisierbare Auftragsqualität.
Diese Einordnung steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu den Zahlen, die Renk selbst vorgelegt hatte: Der Auftragseingang im ersten Halbjahr lag bei rund 1,2 Milliarden Euro und damit 30 Prozent über dem Vorjahreswert – mehr als in den ersten neun Monaten 2025 zusammen.
Die Book-to-Bill-Ratio kletterte auf 1,9 gegenüber 1,5 im Vorjahr, ein Indikator dafür, dass mehr Aufträge hereinkommen, als gleichzeitig abgearbeitet werden. Für Anleger bleibt die Frage, wie viel von diesem Momentum sich tatsächlich in Umsatz und Gewinn der kommenden Jahre übersetzen lässt.
Konzernzahlen zeigen solides, aber kein spektakuläres Wachstum
Operativ entwickelt sich Renk moderat. Der Umsatz im ersten Halbjahr stieg um 2,7 Prozent auf 637 Millionen Euro, das bereinigte EBIT legte um 10 Prozent auf 98 Millionen Euro zu – die Marge verbesserte sich also stärker als der Umsatz.
Für das Gesamtjahr hält der Konzern an seiner Prognose fest: mehr als 1,5 Milliarden Euro Umsatz und ein bereinigtes EBIT zwischen 255 und 285 Millionen Euro, in der Mitte also rund 270 Millionen Euro.
Konkrete Aufträge liefern dabei die Substanz hinter den Zahlen. Im Bereich Fahrzeugtechnik verlängerte Renk einen Rahmenvertrag mit Rheinmetall für das Getriebe des Schützenpanzers KF41 Lynx um rund 270 Millionen Euro, hinzu kommen Optionen über weitere 63 Millionen Euro. Bei der US-Armee sicherte sich Renk im zweiten Quartal einen Mindestauftragswert von etwa 121 Millionen Euro für das HMPT-800-Getriebeprogramm THOR-IV.
Übernahmefantasie belastet die Diskussion zusätzlich
Am vergangenen Freitag hatte JPMorgan-Analyst David Perry sein Kursziel von 75 Euro bekräftigt und Renk als attraktives Übernahmeziel für größere Branchenkonkurrenten bezeichnet – die Aktie büßte seither dennoch rund 2,5 Prozent ein. Die Skepsis von MWB Research dürfte diese Zurückhaltung des Marktes nun verstärken, da sie die fundamentale Bewertungsbasis der Rüstungsaktie infrage stellt, auf der auch Übernahmespekulationen fußen.
Am Kapitalmarkt spiegelt sich die Unsicherheit in einer breiten Spanne wider. Der Kurs schloss am Dienstag bei 47,09 Euro und liegt damit rund 48 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 90,20 Euro, das im Oktober vergangenen Jahres markiert wurde. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 13 Prozent zu Buche.
Der große Abstand zwischen Kurszielen wie den 75 Euro von JPMorgan und den 48 Euro von MWB Research zeigt, wie unterschiedlich die Substanz des Auftragsbestands derzeit interpretiert wird – eine Bewertungsspanne, die sich erst mit weiteren Geschäftszahlen auflösen dürfte.
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