Rekordrückstände, Klagen, Kapitalerhöhung — fünf Rüstungswerte im Cashflow-Dilemma

Trotz historischer Auftragsbestände leiden Rheinmetall, Hensoldt & Co. unter negativem Cashflow und Klagen. Der Markt fordert operative Beweise.

Auf einen Blick:
  • Rheinmetall mit 73 Mrd. Euro Auftragsbestand
  • DroneShield sichert sich Pentagon-Verträge
  • OHB SE kämpft mit Verwässerungsängsten
  • AeroVironment trotz Auftrag unter Klagedruck

Europas Verteidigungsausgaben haben sich seit 2021 um 75 % auf geschätzte 381 Milliarden Euro erhöht. Die Auftragsbücher der Branche quellen über. Und trotzdem notieren mehrere der prominentesten Rüstungsaktien weit unter ihren Jahreshochs. Die Kluft zwischen Auftragsrekorden und tatsächlicher Wertschöpfung für Aktionäre ist das bestimmende Thema dieses Sommers — bei Rheinmetall, DroneShield, OHB SE, Hensoldt und AeroVironment gleichermaßen.

Rheinmetall: 73 Milliarden Euro Auftragsbestand, aber negativer Cashflow

Der Auftragsbestand hat ein historisches Hoch von 73 Milliarden Euro erreicht. Die bestätigte Umsatzprognose für 2026 liegt bei 14 bis 14,5 Milliarden Euro — ein Wachstum von bis zu 45 % im Jahresvergleich. Klingt nach einer Erfolgsstory. Das Problem sitzt tiefer.

Im ersten Quartal 2026 erzielte Rheinmetall Konzernerlöse von 1,94 Milliarden Euro. Das lag rund 15 % unter den Analystenerwartungen und löste im Mai einen scharfen Kursrückgang aus. Noch schwerer wiegt: Der freie Cashflow rutschte auf minus 285 Millionen Euro. Hohe Investitionen und steigende Working-Capital-Anforderungen belasten die Bilanz erheblich.

Der Kurs schloss am Freitag bei 1.190 Euro — gut 40 % unter dem 52-Wochen-Hoch und seit Jahresbeginn fast 26 % im Minus. UBS-Analyst Sven Weier hat sein Kursziel von 2.200 auf 1.600 Euro gesenkt, hält aber an der Kaufempfehlung fest. Jefferies-Analystin Chloe Lemarie ging von 2.220 auf 1.890 Euro herunter, ebenfalls mit „Buy“-Rating. Der Analystenkonsens liegt bei rund 1.889 Euro — also gut 58 % über dem aktuellen Kurs. Entscheidend wird der Halbjahresbericht am 6. August, wenn das Management beweisen muss, dass die versprochene Wachstumsbeschleunigung im zweiten Quartal greift.

DroneShield: Pentagon-Verträge als Türöffner

Gleich zwei frische US-Regierungsverträge hat DroneShield in den vergangenen Wochen eingefahren. Der gewichtigere: ein Auftrag über 24,9 Millionen US-Dollar für die Joint Interagency Task Force 401, das zentrale Koordinierungsorgan der US-Streitkräfte für Drohnenabwehr. Der Initialwert beträgt 19,3 Millionen Dollar, ergänzt um Optionen über weitere 5,6 Millionen Dollar über fünf Jahre. Mindestens 10 Millionen Dollar sollen noch im Geschäftsjahr 2026 umsatzwirksam werden.

Ein zweiter Vertrag über 13,8 Millionen Dollar liefert Counter-UAS-Fähigkeiten an die Joint Task Force-Southern Border zur Unterstützung der US-Grenzschutzbehörden. Analysten sehen den eigentlichen Wert dieser Aufträge weniger in den Dollarbeträgen selbst als in der Signalwirkung: Wer beim Pentagon unter Vertrag steht, öffnet Türen bei zehn weiteren potenziellen Kunden.

Im ersten Quartal 2026 erzielte DroneShield einen Umsatz von 155 Millionen US-Dollar — das zweithöchste Quartalsergebnis der Firmengeschichte. Der operative Cashflow war zum vierten Mal in Folge positiv, die Barreserven liegen bei über 200 Millionen Australischen Dollar. Der Aktienkurs notiert mit 1,78 Euro allerdings rund 51 % unter dem 52-Wochen-Hoch. Ein belastender Faktor: Die australische Wertpapieraufsicht ASIC ermittelt seit November 2025 wegen möglicher Verstöße bei der Offenlegungspflicht. Der Zeitplan dieser Untersuchung liegt außerhalb der Kontrolle des Managements und drückt auf die Bewertung.

OHB SE: Operativer Boom trifft auf Verwässerungsangst

Kaum eine Aktie im Sektor hat 2026 eine wildere Achterbahnfahrt hinter sich. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von über 200 %. Vom Allzeithoch bei 688 Euro, erst Mitte Mai erreicht, ist der Kurs allerdings innerhalb weniger Wochen auf 372,50 Euro eingebrochen — ein Minus von 46 %. Die Volatilität ist mit annualisiert über 142 % extrem.

Operativ läuft es bei dem Bremer Raumfahrt- und Rüstungsunternehmen blendend:

  • Gesamtleistung Q1 2026: 279,3 Millionen Euro (+15,2 %)
  • EBITDA: 25,7 Millionen Euro (+48 %)
  • Nettoergebnis: 9,94 Millionen Euro (+150 %)
  • Auftragsbestand: 3,354 Milliarden Euro (Rekord)

Die Mittelfristziele sehen eine Gesamtleistung von 1,4 Milliarden Euro in 2026, 1,7 Milliarden in 2027 und über 2 Milliarden in 2028 vor, bei einer EBITDA-Marge von 11 %.

Was den Markt nervös macht, ist die bevorstehende Hauptversammlung. Dort steht eine Ermächtigung zur Ausgabe von Wandelanleihen und Genussrechten mit einem Gesamtnennbetrag von bis zu 1,2 Milliarden Euro zur Abstimmung — gültig bis 2031. Abgesichert werden soll das Programm durch eine bedingte Kapitalerhöhung um rund 3,84 Millionen Aktien, was die bestehenden Anteile um etwa 20 % verwässern würde.

Parallel dazu plant Großaktionär KKR, seinen Anteil von rund 29 % auf einen einstelligen Prozentbereich zu reduzieren. Rund 20 Prozentpunkte sollen noch im Juni platziert werden. Das würde den Streubesitz von mageren 6 % auf rund 26 % katapultieren. Langfristig könnte das Liquidität und institutionelles Interesse stärken — kurzfristig drückt die Platzierungsangst auf den Kurs. Die Aktionärsschutzvereinigung DSW empfiehlt zudem, gegen Tagesordnungspunkte zur Vorstandsvergütung zu stimmen, da OHB weiterhin keine individuelle Höchstgrenze in Euro für einzelne Vorstandsmitglieder festlege. Ein Verstoß gegen den Deutschen Corporate Governance Kodex, wie die DSW moniert.

Zusätzliches Augenmerk verdient das Joint Venture „KIRK“ mit Helsing, Kongsberg und Hensoldt zur Entwicklung eines KI-gestützten Satellitenüberwachungssystems. Auf der ILA Berlin vom 10. bis 14. Juni werden weitere Missionen und möglicherweise neue Vertragsabschlüsse präsentiert.

Hensoldt: Cashflow-Prognose angehoben, Markt reagiert kaum

Der Sensorik-Spezialist hat seine Prognose für den bereinigten freien Cashflow 2026 nach oben korrigiert: Statt rund 40 % sollen nun etwa 50 % des bereinigten EBITDA als freier Cashflow anfallen. Grund sind höhere Kundenvorauszahlungen, die aus beschleunigten Beschaffungsprozessen in Deutschland resultieren. Der restliche Ausblick — Umsatz von rund 2,75 Milliarden Euro — wurde bestätigt.

Der Auftragseingang explodierte im ersten Quartal auf 1,483 Milliarden Euro, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Der Auftragsbestand schwoll auf 9,8 Milliarden Euro an. Das Book-to-Bill-Verhältnis von 3,0 signalisiert massives zukünftiges Umsatzpotenzial. Das Unternehmen plant, in diesem Jahr rund 1.600 neue Mitarbeiter einzustellen und hat für den Zeitraum 2025 bis 2027 Investitionen von rund einer Milliarde Euro für den Ausbau deutscher Produktionskapazitäten eingeplant.

Parallel wurde die Übernahme von Nedinsco abgeschlossen. Das niederländische Unternehmen mit Sitz in Venlo ist auf opto-mechatronische Subsysteme für gepanzerte Fahrzeuge spezialisiert — Periskope, Fahrersichtsysteme, Sensoreinheiten. Die Akquisition stärkt Hensoldts Optronik-Sparte und erweitert die Fähigkeiten im Bereich Fahrzeugoptronik und Situationsbewusstsein.

Trotz all dieser positiven Signale: Der Kurs bei 78,20 Euro liegt rund 32 % unter dem 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresbeginn steht ein mageres Plus von gut 2 %. Der Analystenkonsens tendiert Richtung Kauf, wobei einzelne Analysten nach der 675 Millionen Euro schweren ESG-Übernahme auf Bilanzrisiken verweisen. Nächster Termin: Halbjahreszahlen am 31. Juli.

AeroVironment: 117-Millionen-Dollar-Vertrag trifft auf Wertpapierklage

Eine Auftragsvergabe der US-Army über 117,31 Millionen Dollar für 82 P550-Drohnensysteme markiert einen gewichtigen Neuzugang im Auftragsbestand. Gleichzeitig investiert AeroVironment 15 Millionen Dollar in den Ausbau seiner Produktionskapazitäten in Ohio, mit zwei neuen Standorten und rund 4.100 Quadratmetern Fläche für fortschrittliche Biotechnologie-Materialien.

Technologisch sorgte im Mai ein Meilenstein für Aufsehen: Das LOCUST-Hochenergielasersystem bewies bei einem Test auf der White Sands Missile Range seine Fähigkeit, den nationalen Luftraum gegen Drohnenbedrohungen zu verteidigen. Die Kosten pro Einsatz liegen unter fünf Dollar — die energiebasierte Natur des Systems bietet ein praktisch unbegrenztes Magazin, begrenzt nur durch die verfügbare Stromversorgung.

Die Schattenseite: AeroVironment steht vor einer Bundeswertpapierklage. Der Vorwurf lautet, dass Unternehmen und Führungskräfte im Zusammenhang mit einem 1,7 Milliarden Dollar schweren Space-Force-Vertrag wesentlich falsche und irreführende Aussagen getroffen hätten. Frist für die Sammelklage ist der 27. Juli 2026. Der Kurs ging am Freitag bei 161,20 Euro aus dem Handel, über 54 % unter dem 52-Wochen-Hoch. Der durchschnittliche Analystenkonsens liegt bei rund 319 Dollar — fast doppelt so hoch wie der aktuelle Kurs. KeyBanc Capital Markets senkte das Kursziel zuletzt von 330 auf 295 Dollar, behielt aber das „Overweight“-Rating bei.

Rekordaufträge allein reichen dem Markt nicht mehr

Was alle fünf Titel verbindet: Die Auftragsbücher sind praller denn je. Rheinmetall mit 73 Milliarden, Hensoldt mit 9,8 Milliarden, OHB mit 3,35 Milliarden Euro — historische Höchststände überall. DroneShield und AeroVironment liefern kontinuierlich frische US-Regierungsverträge ab. Und trotzdem notieren vier der fünf Aktien deutlich unter ihren Jahreshochs.

Der Markt verlangt den Beweis, dass aus Vertragsrekorden auch Cashflow wird. Bei Rheinmetall ist der freie Cashflow negativ, bei OHB droht Verwässerung, bei AeroVironment belastet eine Klage. Hensoldt hebt zwar die Cashflow-Prognose an, wird dafür aber kaum belohnt. DroneShield kämpft mit einer Aufsichtsuntersuchung. Die strukturelle Wachstumsstory im Verteidigungssektor ist intakt. Für die zweite Jahreshälfte 2026 wird sich entscheiden, ob operative Stärke endlich auch auf der Bilanz sichtbar wird — oder ob die Geduld der Anleger weiter strapaziert wird.

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