Rekordjagd bei sinkenden Bewertungen: Märkte trotzen schwachen US-Jobdaten, TSMC liefert Beweis für KI-Boom

Trotz enttäuschender US-Arbeitsmarktdaten steigen die Kurse weltweit. TSMC meldet starke Umsätze und untermauert den KI-Hype, während die Bewertungen sinken.

Auf einen Blick:
  • DAX behält Rekordhoch im Blick
  • TSMC meldet 45 Prozent Umsatzplus
  • Tesla verliert nach Quartalszahlen 15 Prozent
  • Seltene Erden: Monopol Chinas bröckelt

Die Woche an den Börsen beginnt mit Rückenwind aus den USA. Der DAX behält sein Rekordhoch von 26.445 Punkten weiterhin im Blick, während die Wall Street am vergangenen Freitag einen der stärksten Handelstage der jüngeren Vergangenheit verzeichnete. Ausgelöst wurde die Rally von US-Arbeitsmarktdaten, die deutlich schwächer ausfielen als erwartet – die US-Wirtschaft verlor im Juli unter dem Strich Stellen. Paradoxerweise reagierten die Aktienmärkte darauf positiv: Schwache Konjunkturdaten nehmen der Notenbank den Druck, die Zinsen rasch anheben zu müssen, und genau diese Sorge hatte die Märkte zuvor belastet.

Die Wochenbilanz fällt entsprechend deutlich aus. Der Dow Jones legte um fast drei Prozent zu und erreichte den dritthöchsten Schlussstand seiner Geschichte. Der S&P 500 gewann 3,6 Prozent, der Nasdaq sogar 5,2 Prozent.

Steigende Kurse, sinkende Bewertungen

Bemerkenswert ist ein Detail, das auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt: Trotz der Kursgewinne wird der Markt optisch günstiger. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 auf Basis der erwarteten Gewinne fiel von 22,1 auf nun 20 – obwohl der Index in den vergangenen zwölf Monaten kräftig gestiegen ist. Der Grund: Die Unternehmensgewinne wachsen schneller als die Kurse. In der laufenden Berichtssaison übertrafen 86 Prozent der Unternehmen die Erwartungen, die Gewinne der S&P-500-Firmen lagen im Schnitt um mehr als 50 Prozent über dem Vorjahreswert.

Allerdings mahnen einige Analysten zur Vorsicht. Die Gewinnschätzungen seien mittlerweile so optimistisch, dass sich eine gewisse Sorglosigkeit eingeschlichen habe. Zudem verweisen manche Beobachter darauf, dass die Verbuchung der milliardenschweren KI-Investitionen die Gewinnentwicklung kurzfristig schmeichelhaft aussehen lässt, insbesondere bei den Anbietern der Ausrüstung, deren Umsätze schneller verbucht werden als die entsprechenden Kosten bei den Käufern. Die Gewinnstärke reicht dabei jedoch weit über den KI-Sektor hinaus – auch klassische Bereiche wie Basiskonsumgüter lieferten überzeugende Zahlen.

Tesla mit spektakulärem Freitag

Besondere Aufmerksamkeit verdient Tesla. Die Aktie verzeichnete am Donnerstag einen Kursrückgang von rund 15 Prozent, den stärksten Tagesverlust seit März 2025. Auslöser waren die Quartalszahlen vom Mittwochabend. Dass die Aktie danach stark nachgab, spricht dafür, dass pessimistische Anleger ihre Wetten gegen das Papier ausgebaut haben.

Eine kritische Einordnung bleibt dennoch angebracht: Privatanleger kauften seit dem Börsengang quer durch die gesamte Verlustphase zu, nach Analystenschätzungen flossen mindestens 3,6 Milliarden Dollar an privaten Geldern in die Aktie, zu einem durchschnittlichen Kaufkurs von rund 150 Dollar. Rechnet man die zugeteilten Stücke aus dem Börsengang hinzu, sitzen Privatanleger unterm Strich auf einem Verlust von etwa 4,5 Milliarden Dollar. Institutionelle Investoren verkauften im selben Zeitraum tendenziell zu höheren Kursen. Der Kursrückgang am Donnerstag ändert nichts am strukturellen Thema, dass Millionen Aktien aus dem Umfeld früherer Investoren nun schrittweise handelbar werden.

Anleihemarkt und Finanzminister Bessent

Für Nervosität sorgt weiterhin der Anleihenmarkt: Die langfristigen US-Zinsen kletterten auf den höchsten Stand seit 19 Jahren, was die Kosten für Häuslebauer und Unternehmenskredite erhöht. US-Finanzminister Bessent hat sich mehrfach eingeschaltet, unter anderem mit der ersten Währungsintervention zur Stützung des japanischen Yen seit 1998, sowie mit einer kleinen, aber vielsagenden Änderung in der Kommunikation seines Ministeriums zu Anleiheauktionen: Statt von möglichen Erhöhungen bei den Emissionen ist nun von möglichen Änderungen die Rede. Institutionelle Investoren deuten dies als Signal, dass der nächste Schritt bei den 30-jährigen Papieren eine Verringerung sein könnte.

Der Hintergrund bleibt heikel: Die Zinsen steigen, weil die Inflation hartnäckig bleibt und die USA jährliche Haushaltsdefizite von fast zwei Billionen Dollar auftürmen, was den Nachschub an neuen Schulden stetig wachsen lässt. Die Schritte des Finanzministeriums dürften nur begrenzte Wirkung haben, zeigen aber, dass Washington alle verfügbaren Instrumente einsetzen will, um die langfristigen Zinsen im Zaum zu halten.

Geopolitik: Straße von Hormus weiter ungeklärt

Ein diplomatischer Durchbruch bei der Wiedereröffnung der Straße von Hormus zeichnet sich nicht ab. Der iranische Außenminister erklärte am Wochenende, es gebe keine Verhandlungen mit den USA, man tausche lediglich Botschaften über Vermittler aus. Der Iran stellt für eine Öffnung der Meerenge eine lange Liste an Forderungen, darunter den Abzug amerikanischer Streitkräfte. US-Präsident Trump zeigt sich gelassen und vergleicht die Lage mit einer Schachpartie – er kann es sich leisten, da die USA beim Öl weiterhin Netto-Exporteur sind. Die Sorte Brent notiert aktuell bei rund 83 Dollar je Barrel. Solange die Straße von Hormus nicht nachhaltig geöffnet wird, dürfte der Ölpreis weiterhin Kapriolen schlagen.

TSMC liefert den Beweis für den KI-Boom

Der taiwanesische Auftragsfertiger Taiwan Semiconductor (TSMC) meldete am Montagmorgen frische Umsatzzahlen für Juli. Der Umsatz stieg im Jahresvergleich um 45 Prozent auf gut 467 Milliarden Taiwan-Dollar. Für das laufende Quartal rechnen Analysten im Schnitt mit einem Plus von 46,8 Prozent. TSMC gilt als zentraler Indikator für die Realität des KI-Booms, da der Konzern nicht an Erwartungen, sondern an tatsächlich bestellten und ausgelieferten Chips verdient – für Kunden wie Nvidia, Apple, AMD und Broadcom.

Das Management hatte bereits im Vormonat seine Umsatz- und Investitionsprognose angehoben und erwartet nun Investitionen zwischen 60 und 64 Milliarden Dollar in diesem Jahr sowie ein Umsatzwachstum von über 40 Prozent. Untermauert wird das durch die Ausgabenpläne der großen Rechenzentrumsbetreiber: Alphabet, Meta, Microsoft und Amazon haben zusammen KI-Verpflichtungen von fast 2,4 Billionen Dollar für die kommenden Jahre angekündigt.

Die TSMC-Aktie notiert derzeit rund 5 Prozent unter ihrem Hoch von Ende Juni, seit Jahresbeginn steht aber weiterhin ein Plus von 50 Prozent. Die seit knapp 14 Tagen laufende Erholung dürfte zeigen, ob neue Kursmarken erreichbar sind. Zusätzliche Fantasie liefern Gespräche mit dem japanischen Elektronikkonzern Sony über eine gemeinsame Investition von rund einer Billion Yen, umgerechnet 6,4 Milliarden Dollar, in eine Bildsensorfabrik in Japan. Die Produktion soll 2029 anlaufen, Zielmärkte sind Bildsensoren für KI-fähige Roboter und autonomes Fahren.

Seltene Erden: Ein Monopol bröckelt

Ein strategisches Rohstoffthema rückt wieder in den Fokus: Seltene Erden, aus denen Hochleistungsmagnete für Elektromotoren, Windräder, Roboter, Kampfjets oder Lenkwaffen gefertigt werden. China hat diesen Markt jahrelang kontrolliert und die Kontrolle im Handelsstreit als Druckmittel eingesetzt. Nun deutet sich eine Verschiebung an.

Der US-Produzent MP Materials, der einzige integrierte Betreiber in den USA mit der Mine Mountain Pass in Kalifornien, meldete für das zweite Quartal einen Umsatz von 108,5 Millionen Dollar – über den Erwartungen und deutlich über dem Vorjahreswert von 57,4 Millionen Dollar. Das Unternehmen wandelt sich vom Bergbaubetrieb zum Zulieferer für die kritische US-Fertigung: Im vierten Quartal sollen Magnete an General Motors gehen, ab 2027 an Apple. Hinzu kommt ein Vertrag über mehrere hundert Millionen Dollar mit einem ungenannten Rüstungskonzern zur Lieferung von Gadolinium für Triebwerke und Laser.

Aufschlussreich ist ein Detail aus der Preisschutzvereinbarung von MP Materials: Im zweiten Quartal erzielte das Unternehmen daraus 17,6 Millionen Dollar, nach 42,3 Millionen im ersten Quartal. Der Rückgang deutet darauf hin, dass sich die Preise für Neodym auf jenes Niveau eingependelt haben, das das US-Verteidigungsministerium angestrebt hatte – ein Hinweis darauf, dass der bisherige Marktpreis lange von China gesteuert war.

Als größter Produzent außerhalb Chinas gilt das australische Unternehmen Lynas Rare Earths, das die Mine Mount Weld in Westaustralien sowie Verarbeitungsanlagen in Malaysia und Kalgoorlie betreibt. Lynas meldete für das Quartal einen Rekordumsatz von fast 289 Millionen australischen Dollar, ein Plus von 70 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Das Unternehmen ist derzeit der einzige Produzent außerhalb Chinas, der die schweren Seltenen Erden Dysprosium und Terbium in getrennter kommerzieller Form liefern kann, und produziert seit März zusätzlich Samariumoxid.

Der kanadische Konzern Neo Performance Materials, der am hochwertigen Ende der Wertschöpfungskette bei Magneten und Magnetpulver sitzt, meldete für das erste Quartal einen Umsatz von rund 155 Millionen Dollar und hob die Ergebnisprognose für das Jahr deutlich an – von zuvor 75 bis 80 Millionen auf 140 bis 150 Millionen Dollar operatives Ergebnis, getrieben durch die Expansion in Europa.

Als dritter Wert gilt USA Rare Earth als wachstumsstärkster westlicher Produzent, gestützt durch ein Finanzierungspaket und eine Beteiligung der US-Regierung. Das Unternehmen verfügt über einen milliardenschweren Vertrag für eine Tonlagerstätte in Brasilien. Damit rückt ein geologisches Argument in den Vordergrund: Die lange geltende Annahme, schwere Seltene Erden gebe es nur in Südchina, bröckelt. Vorkommen wurden inzwischen auf mehreren Kontinenten bestätigt, darunter in Madagaskar, Malawi, Uganda, Chile, Australien, Malaysia, Thailand, Vietnam und Finnland.

Ein regulatorischer Treiber verschärft die Nachfrage zusätzlich: Zum 1. Januar 2027 tritt in den USA eine Vorschrift in Kraft, die die Nutzung von Magneten chinesischen Ursprungs in Verteidigungssystemen einschränkt. Chinas Staatskonzerne bleiben zwar weiterhin die volumenstärksten Produzenten, doch während vor 15 Jahren nahezu alle Seltenen Erden in China abgebaut wurden, findet inzwischen fast ein Drittel der weltweiten Förderung außerhalb Chinas statt – ein deutlicher struktureller Wandel in einem Markt, der lange als chinesisches Monopol galt.

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