Die neue Handelswoche startet mit einer bemerkenswerten Ausgangslage. Der DAX hat erst vor wenigen Tagen ein Rekordhoch markiert, auch die Wall Street eilt von einem Höchststand zum nächsten. Trotzdem sind längst nicht alle Anleger sorglos. Im Hintergrund laufen zwei Entwicklungen, die für Diskussionsstoff sorgen: Zum einen haben tausende institutionelle Investoren offengelegt, welche Aktien sie in ihren Depots halten. Zum anderen beginnt der Anleihenmarkt, kritische Fragen zu stellen – ausgerechnet zu Nvidia und dessen milliardenschweren Finanzierungspläne rund um künstliche Intelligenz.
Konjunkturdaten, Fed-Protokoll und Unternehmenszahlen prägen die Woche
Die Woche bringt eine Fülle an Terminen: Konjunkturdaten, das Protokoll der US-Notenbank zur letzten Sitzung sowie eine Reihe wichtiger Unternehmenszahlen aus den USA und Deutschland. Die Grundstimmung bei großen deutschen Häusern ist zunächst freundlich. Die DZ Bank hält die hohen Bewertungen trotz der Rallye für tragfähig, da die Unternehmensgewinne weiterhin kräftig wachsen. Die Landesbank Baden-Württemberg sieht keinen überschäumenden Optimismus, weil die Firmengewinne im bisherigen Jahresverlauf stärker gestiegen sind als die Aktienkurse – die Aktien werden damit im Verhältnis sogar günstiger, obwohl die Indizes auf Rekordniveau notieren. Gleichzeitig mahnen dieselben Häuser, dass positive Impulse von Unternehmensseite seltener werden, weshalb die typische saisonale Schwäche mit Verspätung bevorstehen könnte.
Der September gilt statistisch als einer der schwächsten Börsenmonate, auch der Oktober hat einen zweifelhaften Ruf – man denke an die Crashs von 1929 und 1987. Aus dem Analystenlager kommt deshalb der Rat, Depots robuster aufzustellen, etwa über breiter gestreute ETF-Positionen. Ein Detail liefert dazu der Blick auf den S&P 500: Die gleichgewichtete Variante des Index liegt in diesem Jahr mit rund 15 Prozent Plus vor der klassischen, marktkapitalisierungsgewichteten Version mit rund 13 Prozent. Das deutet darauf hin, dass die Rallye breiter geworden ist und nicht mehr nur von einer Handvoll Technologiekonzernen getragen wird.
Der Wochenauftakt ist datenseitig überschaubar. In den USA steht der Empire State Manufacturing Index an, hierzulande könnte der Finanzkonzern Wüstenrot & Württembergische mit einer Kapitalveranstaltung Aufmerksamkeit finden. Am Rande: McDonald’s startet in den USA den Verkauf von Energydrinks zusammen mit Red Bull.
Am Dienstag legen Home Depot und der chinesische Suchmaschinenkonzern Baidu ihre Zahlen vor. Die Optionsmärkte erwarten bei Pony.ai und Klarna kräftige Kursaufschläge. Zudem rückt Reddit in den S&P 500 auf, nachdem die Aktie bereits in der Vorwoche deutliche Kursgewinne verbucht hatte.
Der Mittwoch bringt mit der Veröffentlichung des Fed-Protokolls zur Sitzung von Ende Juli den wichtigsten Termin der Woche auf der Zinsseite. Die Finanzmärkte gehen aktuell davon aus, dass die Fed Mitte September stillhält, einige Investoren halten jedoch eine Bewegung für möglich.
Am Donnerstag meldet mit Walmart der größte Einzelhändler der Welt, der als Seismograph für die Konsumlaune der amerikanischen Verbraucher gilt – in 15 der vergangenen 16 Quartale hat der Konzern die Gewinnerwartungen übertroffen. Ebenfalls am Donnerstag legt der chinesische E-Commerce-Riese Alibaba Zahlen vor. Zum Wochenschluss stehen weltweit die Einkaufsmanagerindizes im Fokus, deren magische Marke von 50 Punkten über Expansion oder Kontraktion entscheidet.
In Deutschland melden unter anderem Heidelberger Druckmaschinen, DocMorris sowie am Donnerstag CTS Eventim und Tonies ihre Zwischenberichte. Zur Geopolitik: Der Iran-Konflikt schwelt weiter, ohne dass eine Lösung in Sicht ist. Bemerkenswert ist die Gelassenheit der Märkte, ablesbar an gesunkener Volatilität – dies erhöhe allerdings das Rückschlagspotenzial bei negativen Überraschungen.
13F-Meldungen: Ein Blick in die Depots der Großinvestoren
Ein Thema, das derzeit für Gesprächsstoff sorgt: Warren Buffett hat massiv Alphabet-Aktien gekauft, während andere große Investoren ihre Positionen bei Nvidia, Microsoft oder Meta reduziert haben. Grundlage dafür sind sogenannte 13F-Meldungen, mit denen die US-Börsenaufsicht SEC institutionelle Investmentmanager mit meldepflichtigen Wertpapieren im Wert von mindestens 100 Millionen Dollar zur vierteljährlichen Offenlegung ihrer Bestände verpflichtet – allerdings erst bis zu 45 Tage nach Quartalsende. Die aktuellen Meldungen zeigen daher den Stand zum 30. Juni.
Berkshire Hathaway hielt Ende März rund 57,8 Millionen Alphabet-Aktien, drei Monate später waren es knapp 106 Millionen – ein Aufbau um 83 Prozent. Zum Quartalsende war die Position rund 38 Milliarden Dollar wert und damit die drittgrößte im Berkshire-Portfolio hinter Apple und American Express. Insgesamt kaufte Berkshire im zweiten Quartal Aktien für rund 23,5 Milliarden Dollar, während nur für 3,7 Milliarden verkauft wurde – nach 14 Quartalen als Netto-Verkäufer ein deutliches Signal.
Andere Investoren agierten gegenteilig: Tiger Global reduzierte seine Alphabet-Position um gut 45 Prozent, die Nvidia-Position um knapp 7 Prozent, Microsoft um gut 9 Prozent, Meta um etwa 8,5 Prozent, die Broadcom-Position wurde ungefähr halbiert. Gleichzeitig baute der Fonds seine Intel-Position mehr als das Doppelte aus und stieg neu bei AMD ein.
Der Hedgefonds Third Point trennte sich im zweiten Quartal komplett von Nvidia und Broadcom sowie von den Chipausrüstern KLA und Lam Research, stockte im Gegenzug seine TSMC-Position auf. Besonders viel Gesprächsstoff lieferte AMD: Der Chipkonzern kaufte rund 4,1 Millionen Aktien des Softwareanbieters Nutanix sowie 3,3 Millionen Anteile an Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX, dazu kleinere Positionen bei Xanadu Quantum und Cerebras, während eine Position bei Marvell reduziert wurde. Kritiker sehen darin ein Geflecht, das an eine Art Kreislauffinanzierung erinnert, wenn ein Chipdesigner Geld in Unternehmen steckt, die möglicherweise wiederum seine eigenen Chips kaufen.
Eine Auswertung von 13F-Meldungen über 6.000 institutioneller Investoren zeigt ein uneinheitliches Bild: Bei den „Magnificent Seven“ reduzierten knapp 44 Prozent der Investoren ihre Positionen, während rund 42 Prozent neu einstiegen oder aufstockten. Bei Halbleiteraktien waren rund 48 Prozent Netto-Käufer, nur etwa ein Drittel Netto-Verkäufer.
Wichtige Einschränkungen bei der Interpretation von 13F-Daten: Die Informationen sind bis zu anderthalb Monate alt, Short-Positionen werden nicht ausgewiesen, und bei Wertveränderungen sollte auf Stückzahlen statt auf den Dollarwert geachtet werden, da Kursbewegungen den ausgewiesenen Wert verzerren können. Sinnvoll genutzt werden können die Meldungen, indem man auf komplett neue Positionen, massive Aufstockungen, mehrere Quartale im Verlauf sowie die Gewichtung einer Position im Gesamtportfolio achtet.
Anleihenmarkt blickt kritisch auf Nvidias Finanzierungskonstruktionen
Der Bau von Rechenzentren für KI verschlingt gigantische Summen, ein Großteil davon wird schuldenfinanziert. Investoren machen sich Gedanken über rund 70 Milliarden Dollar an sogenannten Schattenverbindlichkeiten – Verpflichtungen, die in den Bilanzen der KI-Konzerne nicht auftauchen, aber im schlechtesten Fall real werden könnten. Nvidia hat eine Finanzierungspartnerschaft im Volumen von 500 Milliarden Dollar angekündigt, bei der sechs große US-Investmenthäuser, darunter BlackRock und Goldman Sachs, Finanzierung für die KI-Infrastruktur von Nvidias Kunden bereitstellen wollen. Nvidia ist bereit, für einen Teil der Geschäfte eine Restwertabsicherung zu übernehmen.
Das Prinzip: Eine Zweckgesellschaft nimmt einen Kredit auf, um Chips zu kaufen, abgesichert durch Einnahmen aus einem Vertrag mit dem chipnutzenden Unternehmen. Zahlt dieses nicht mehr, werden die Chips weitervermietet oder verkauft – bleibt eine Lücke, springt Nvidia ein. Auch Meta und Broadcom nutzen ähnliche Strukturen; Meta schreibt, Zahlungen seien nicht wahrscheinlich, weshalb keine Verbindlichkeiten verbucht wurden. Broadcom sichert unter anderem ein Geschäft für das KI-Unternehmen Anthropic ab.
Aus dem Analystenlager kommt der Vergleich, Nvidia schreibe faktisch eine Verkaufsoption – ein Risiko, das in guten Zeiten nichts kostet, in einem heftigen Abschwung aber teuer werden kann. Die DZ Bank argumentiert dagegen, die hohen KI-Investitionen hätten sich bereits im Umsatz niedergeschlagen. Befürworter der Konstruktion verweisen darauf, dass die Chip-Nachfrage das Angebot über Jahre übersteigen dürfte und die Finanzierungen über rund fünf Jahre getilgt werden, passend zum schnellen Wertverfall der Technologie, während die großen Rechenzentrums-Deals über Jahrzehnte laufen.
Die Kreditausfallversicherungen auf Nvidia haben sich nach der Ankündigung der Finanzierungspartnerschaft sogar etwas verengt, was auf Vertrauen der Anleihenmärkte hindeutet. Auffällig bleibt dennoch die Diskrepanz: Am Aktienmarkt herrscht Euphorie, am Anleihenmarkt eher Vorsicht – ein Spannungsfeld, das Beobachter in den kommenden Wochen weiter im Blick behalten dürften.
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