Ein einziger Satz aus dem US-Finanzministerium hat die Märkte in dieser Woche in Atem gehalten und wirkt bis zum heutigen Freitag nach. Er hat die Anleihenmärkte kurzfristig beruhigt, die Aktienmärkte zeitweise befeuert und einen Kurssprung bei Bitcoin ausgelöst, den viele Marktteilnehmer so nicht erwartet hatten. Gleichzeitig sorgen Neuigkeiten von der IPO-Front für Gesprächsstoff: Es bahnt sich möglicherweise der größte Börsengang aller Zeiten an. Auch die Quartalszahlen von Walmart und Alibaba lieferten in dieser Woche bemerkenswerte Einblicke in den Zustand der Weltwirtschaft.
DAX unter Druck, Wall Street schwach
Die Stimmung an den Märkten hat sich in den vergangenen Tagen spürbar eingetrübt. Der DAX verlor vier Handelstage in Folge und rutschte unter die Marke von 26.000 Punkten – der niedrigste Stand seit Anfang des Monats. Vom Rekordhoch der Vorwoche bei rund 26.573 Zählern ist der deutsche Leitindex damit ein gutes Stück entfernt. Für den heutigen Freitag zeichnet sich in der Frühbörse zwar eine Stabilisierung ab, ob daraus vor dem Wochenende eine klare positive Richtung wird, bleibt jedoch offen.
Zwei Faktoren belasten derzeit die Stimmung: zum einen die deutlich gestiegenen Anleihenrenditen, zum anderen der Ölpreis, der wegen der ungelösten Iran-Krise wieder in Richtung 100 Dollar je Fass geklettert ist.
An der Wall Street war der Donnerstag ebenfalls ein schwacher Handelstag. Der Dow Jones fiel um 1,3 Prozent und rutschte unter die Marke von 53.000 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 verlor 0,9 Prozent, der Nasdaq 100 gab um 0,7 Prozent nach.
Walmarts schwärzester Handelstag seit über vier Jahren
Im Zentrum des schwachen Handelstags stand Walmart. Die Aktie stürzte um rund 9 Prozent ab – der größte prozentuale Tagesverlust seit Mai 2022 und der schwärzeste Handelstag des Konzerns seit über vier Jahren. Bemerkenswert daran: Die eigentlichen Zahlen fielen keineswegs schlecht aus. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um 3,5 Prozent und lag damit über den Erwartungen. Der bereinigte Gewinn pro Aktie kam auf 81 Cent, deutlich über dem Analystenkonsens von 74 Cent. Das Online-Geschäft wuchs weltweit um 23 Prozent, das Werbegeschäft um 38 Prozent. Walmart hob daraufhin die Jahresprognose an.
Der Kurseinbruch hatte einen konkreten Grund: Das Wachstum der vergleichbaren Umsätze im US-Geschäft verlangsamte sich auf nur noch 2,6 Prozent – die schwächste Rate seit Anfang 2020. Analysten hatten mit rund 3,8 Prozent gerechnet. Ein Teil dieses schwachen Zuwachses geht auf gedeckelte Medikamentenpreise infolge der Preisverhandlungen unter der Regierung Biden zurück, die Walmarts Gesundheitssparte belasten. Der Konzern rechnet damit, dass dieser Effekt bis ins nächste Jahr hineinreicht. Selbst ohne die Gesundheitssparte stiegen die vergleichbaren Umsätze nur um 3,4 Prozent. Verbraucher werden demnach vorsichtiger und geben pro Einkauf weniger aus – ein Zeichen für den Stress, unter dem der amerikanische Konsument in diesem Sommer steht, besonders in einkommensschwächeren Haushalten, die unter hohen Spritpreisen leiden.
Hinzu kommt ein zweiter Aspekt: Walmart erhält derzeit milliardenschwere Zollrückerstattungen von der US-Regierung, verbucht dieses Geld aber nicht als Gewinn, sondern investiert es gezielt in niedrigere Preise. Der Vorstandschef bekräftigte diese Strategie auf der Analystenkonferenz ausdrücklich. Über 11.000 Artikel wurden im Quartal im Preis gesenkt – mehr als das Doppelte der üblichen Menge. Der Konzern verzichtet damit kurzfristig auf Marge, um langfristig Marktanteile zu gewinnen. Das operative Ergebnis legte dennoch um mehr als 17 Prozent zu, da das Wachstum die Kosten übertraf.
Von den 45 Analysten, die Walmart covern, empfehlen weiterhin 38 die Aktie zum Kauf. Der Quartalsbericht gilt als solide mit gemischten Details. Strategisch mag das Vorgehen nachvollziehbar sein, die Börse reagierte jedoch kurzfristig und wertete den Bericht als Enttäuschung – zumal Walmart als Gradmesser für den gesamten US-Konsum zeigt, dass Verbraucher zurückhaltender agieren.
Alibaba: Erste Enttäuschung, dann Kurswende
Bei Alibaba verlief die Reaktion nach einem ähnlichen Muster, allerdings mit anderem Ausgang: Die erste Börsenreaktion fiel negativ aus, am Ende konnte sich die Aktie jedoch deutlich erholen. Der Gewinn brach im vergangenen Quartal um mehr als 75 Prozent auf umgerechnet rund 1,6 Milliarden Dollar ein – Analysten hatten mit dem Doppelten gerechnet. Der Umsatz stieg zwar um 9 Prozent, der Gewinneinbruch resultierte jedoch aus massiven Investitionen. Die Investitionsausgaben schossen auf fast 10 Milliarden Dollar in einem einzigen Quartal, das Geld fließt in Chips, Rechenzentren und Künstliche Intelligenz. Alibaba plant, über drei Jahre mehr als 380 Milliarden Yuan (umgerechnet rund 45 Milliarden Euro) zu investieren, um im globalen KI-Wettlauf gegen die amerikanischen Schwergewichte zu bestehen.
Dass die Aktie im Handelsverlauf drehen konnte, lag vor allem am Cloud-Geschäft: Die externen Umsätze wuchsen hier um 45 Prozent. Der Vorstandschef sprach davon, dass das KI-Geschäft zunehmend in der Lage sei, sich selbst zu tragen. Alibaba steht mit diesem Muster aus hohen Ausgaben und schrumpfenden Gewinnen nicht allein: Tencent hat seine KI-Ausgaben mehr als verdoppelt, Baidu meldete einen Gewinneinbruch um fast 70 Prozent.
Die Alibaba-Aktie konnte im laufenden Quartal um 36 Prozent zulegen und führte damit den chinesischen Tech-Index an. Das Unternehmen verspricht, dass sich die Investitionen innerhalb von drei Jahren amortisieren und der Cloud- und KI-Umsatz binnen fünf Jahren verfünffachen soll – Versprechungen, die noch keine Gewissheiten sind.
Anthropic: Möglicherweise der größte Börsengang der Geschichte
Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgt der bevorstehende Börsengang von Anthropic, dem Unternehmen hinter dem KI-System Claude. Er könnte der größte Börsengang aller Zeiten werden. Zum Vergleich: SpaceX sammelte im Juni bei seiner Finanzierungsrunde 75 Milliarden Dollar ein. Anthropic sicherte sich im Mai in einer privaten Runde 65 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar und überholte damit den Rivalen OpenAI, der im März bei 852 Milliarden Dollar stand.
Trotz dieser hohen Bewertung verbrennt Anthropic gewaltige Summen, bedingt durch den enormen Bedarf an Rechenleistung. Zudem erwägt Anthropic sogenannte Supervoting-Aktien, die dem Firmenchef und seinen Mitgründern die Kontrolle sichern würden, obwohl er selbst nur rund zwei Prozent der Anteile hält. Als Banken sind Morgan Stanley, Goldman Sachs, JP Morgan und Citigroup an dem Vorhaben beteiligt.
Ein Börsengang oberhalb der SpaceX-Bewertung würde 2026 zum Rekordjahr für das US-IPO-Volumen machen. Bis zum 19. August haben neu notierte Unternehmen bereits über 160 Milliarden Dollar eingesammelt, der bisherige Rekord aus dem Jahr 2021 lag bei 195 Milliarden Dollar. Sollte Anthropic im Herbst an die Börse gehen, würde das Unternehmen das Rennen gegen OpenAI gewinnen, das seine Notierung auf 2027 verschoben hat.
China: IPOs mit enormen Kurssprüngen
In China schießen Börsengänge derzeit förmlich aus dem Boden. Der Roboterbauer Unitree legte am Mittwoch am ersten Handelstag um mehr als 460 Prozent zu. Der Speicherchip-Hersteller CXMT war bereits Ende Juli um fast 500 Prozent nach oben geschossen. Chinesische Börsengänge mit einem Volumen von mindestens 100 Millionen Dollar verzeichneten in diesem Jahr im Durchschnitt einen Kursgewinn von 345 Prozent am ersten Handelstag. Als Gründe werden eine fieberhafte heimische Nachfrage, eine verbesserte Regulierung sowie eine bewusst konservative Preisgestaltung der Emittenten genannt. Für Anleger aus Deutschland sind chinesische IPOs derzeit noch schwer erreichbar, da es meist um den Binnenmarkt geht.
Bitcoin: Kräftiger Satz nach oben
Zum Wochenschluss richtet sich der Blick auf Bitcoin: Nach schwachen Monaten sprang die Kryptowährung von zeitweise unter 64.000 Dollar auf aktuell über 75.000 Dollar. Auslöser war die Ankündigung des US-Finanzministeriums, die Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen auf mindestens 4 Milliarden Dollar pro Operation zu verdoppeln. Dies drückte die Renditen am Anleihenmarkt und schuf zusammen mit einem schwächeren Dollar ein Umfeld, in dem risikoreiche Anlagen zulegen konnten.
Verstärkt wurde die Bewegung durch einen Short Squeeze: Bitcoin hatte sieben Wochen lang in einer engen Spanne zwischen 65.000 und 67.000 Dollar pendelt. Als der Kurs nach oben ausbrach, mussten Short-Positionen im Wert von über 1,5 Milliarden Dollar liquidiert werden. Ein dritter Faktor war ein Treffen von US-Präsident Trump mit Führungskräften der Krypto-Industrie, darunter die Chefs von Coinbase, Ripple und Robinhood. Trump warb dabei dafür, digitale Vermögenswerte als Rohstoff und nicht als Wertpapier einzustufen. Die Coinbase-Aktie legte im Zuge dessen um mehr als 7 Prozent zu.
Der geplante „Clarity Act“, der Rechtssicherheit für die Kryptobranche schaffen soll, scheiterte vor der Sommerpause am Widerstand der Demokraten. Ein wichtiger Verfahrensschritt steht Mitte September an.
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