POET Technologies Aktie: Celestial-AI-Bruch belastet

Sammelklage und Vertrauensverlust belasten POET Technologies schwer. Trotz hoher Barreserven leidet die Aktie unter juristischen und operativen Risiken.

Auf einen Blick:
  • Sammelklage wegen angeblichen Vertraulichkeitsbruchs
  • Aktie verliert über 35 Prozent im Monat
  • Hohe Cash-Reserven von 429 Millionen Dollar
  • Umsatz von nur 1,41 Millionen Dollar

Noch im Frühjahr galt POET Technologies als Geheimtipp im KI-Infrastruktur-Rennen. Die patentierte Optical-Interposer-Technologie sollte das Unternehmen an die Spitze der Co-Packaged-Optics-Bewegung katapultieren. Jetzt kämpft die Aktie nicht mehr um Wachstumsfantasie, sondern um Vertrauen vor Gericht.

Am Freitag schloss das Papier bei 6,09 Euro, ein Tagesverlust von 8,83 Prozent. Auf Monatssicht steht ein Absturz von fast 35 Prozent zu Buche. Vom Jahreshoch im Mai bei 18,84 Euro trennen die Aktie mittlerweile mehr als zwei Drittel.

Der Celestial-AI-Bruch als Auslöser

Im Zentrum der Krise steht eine eskalierende Sammelklage. Kläger werfen dem Management vor, den steuerlichen Status als Passive Foreign Investment Company falsch dargestellt zu haben. Schwerer wiegt ein zweiter Vorwurf: ein Bruch der Vertraulichkeit im Zusammenhang mit einer stornierten Order.

Der Kunde dahinter: Celestial AI, ein Unternehmen mit Verbindungen zu Marvell. Die Stornierung aller Aufträge hatte Ende April bereits einen Intraday-Crash von über 45 Prozent ausgelöst. Für ein Unternehmen, dessen gesamte Wachstumsstory auf Partnerschaften mit Branchenriesen fußt, ist der Verlust eines solchen Kunden ein Schlag ins Kontor. Die juristische Nachwirkung macht daraus jetzt ein Dauerproblem.

Genau hier liegt das eigentliche Risiko für Anleger: Wenn ein Vertraulichkeitsbruch gerichtlich bestätigt wird, könnte das Vertrauen weiterer potenzieller Großkunden dauerhaft beschädigt sein. Ein Wachstumsunternehmen, das auf Hyperscaler-Deals angewiesen ist, kann sich einen Ruf als unzuverlässiger Partner kaum leisten.

Viel Cash, wenig Umsatz – ein trügerisches Bild

Parallel zur Rechtsklage hat POET im Mai die eigene Kapitalstruktur aggressiv verändert. Über eine Direktplatzierung von 19 Millionen Aktien sammelte das Unternehmen 400 Millionen Dollar ein – zu einem Kurs, der deutlich über dem heutigen Niveau lag. Die Kasse wuchs dadurch auf rund 429 Millionen Dollar, allerdings zulasten bestehender Aktionäre.

Das Ergebnis ist ein auffälliges Missverhältnis. Die Marktkapitalisierung liegt bei 417,74 Millionen Euro und damit fast exakt auf Höhe der Cash-Reserven. Normalerweise wäre das ein Signal für Unterbewertung. Bei einem Jahresumsatz von gerade einmal 1,41 Millionen Dollar und deutlichen Verlusten liest der Markt die Zahlen jedoch anders.

Die Sorge: Das Geld fließt in Anwaltskosten und einen zähen Kommerzialisierungsprozess, statt in Wachstum zu münden. Ein volles Konto schützt nicht vor einem ausbleibenden Geschäftsmodell.

Charttechnik bestätigt den Vertrauensverlust

Die technischen Signale untermauern die fundamentale Skepsis. Die Aktie notiert 11,04 Prozent unter der 200-Tage-Linie bei 6,85 Euro – ein Bruch, der den seit Ende 2025 bestehenden Aufwärtstrend infrage stellt. Der RSI liegt bei 36,2 und nähert sich überverkauftem Terrain, ohne dass bislang Käufer zugreifen. Die annualisierte Volatilität von über 93 Prozent zeigt: Hier tummeln sich aktuell Spekulanten, keine langfristig orientierten Investoren.

Die Lücke zwischen Technologie und Umsetzung

Die eigentliche Technologie bleibt relevant. Während Nvidia und andere Branchengrößen verstärkt auf Co-Packaged Optics setzen, passt POETs Ansatz – Elektronik und Optik auf Wafer-Ebene zu verschmelzen – exakt in diesen Trend. Das Problem liegt nicht in der Idee, sondern in der Umsetzung.

Der Rückzug von Langzeit-CFO Thomas Mika und weitere Personalwechsel an der Spitze hinterlassen zusätzlich eine Führungslücke, genau zu einem Zeitpunkt, an dem Stabilität am dringendsten gebraucht würde. Reicht ein technologischer Meilenstein am malaysischen Standort aus, um diese Vertrauenskrise zu überwinden?

Bislang deutet wenig darauf hin. Damit die Aktie wieder Richtung ihres 52-Wochen-Hochs von 18,84 Euro laufen kann, braucht es mehr als neue Fertigungsfortschritte. Nötig wäre eine klare juristische Entlastung – erst dann dürfte der Markt das 429-Millionen-Dollar-Polster wieder als Stärke statt als Risikoquelle lesen.

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