Ein Angebot von 60,50 US-Dollar je Aktie, eine Bewertung von rund 53 Milliarden Dollar, und PayPal winkt trotzdem ab. Was auf den ersten Blick wie eine verpasste Chance wirkt, lese ich als geschicktes Pokerspiel eines Managements, das seinen eigenen Wert höher einschätzt als der Markt es aktuell tut.
Stripe und der Finanzinvestor Advent sollen laut Berichten vom Dienstag über eine Übernahme verhandeln, PayPal hat das Gebot zurückgewiesen, die Gespräche laufen aber weiter. Für mich ist das kein Nein, sondern ein „noch nicht genug“.
Ein Bieter mit eigener Wachstumsdynamik
Bemerkenswert an der Konstellation ist, wer da eigentlich anklopft. Stripe finalisierte am selben Tag eine Übernahme des KI-Modellrouting-Anbieters OpenRouter für mehr als 7 Milliarden Dollar und wird selbst mit rund 159 Milliarden Dollar bewertet.
Ein Unternehmen, das gerade in KI-Infrastruktur investiert und gleichzeitig über den Kauf eines deutlich größeren, etablierten Zahlungsdienstleisters verhandelt, wirkt auf mich wie ein Käufer, der sich seiner Finanzkraft sehr sicher ist. Das spricht dafür, dass ein Nachbesserung des Angebots wahrscheinlicher ist als ein Rückzug.
Gleichzeitig baut Stripe gemeinsam mit Visa, Mastercard, BlackRock, Coinbase und mehr als 140 weiteren Firmen den Stablecoin Open USD auf, gestartet auf der Solana-Blockchain. Der Stablecoin-Markt wird mit etwa 310 Milliarden Dollar beziffert.
Wer als PayPal-Aktionär auf eine Übernahme spekuliert, sollte diesen zweiten Handlungsstrang nicht ausblenden: Stripe positioniert sich branchenweit als Infrastrukturanbieter für digitale Zahlungen der nächsten Generation. Ein PayPal-Zukauf würde in dieses Bild passen, weil er Reichweite und Kundenbasis auf einen Schlag hinzufügen würde.
Was der Kursverlauf über die Erwartungshaltung verrät
Der Blick auf den Kurs stützt meine Lesart, dass der Markt eine Fortsetzung des Bieterwettstreits erwartet. PayPal notierte am Dienstag bei 52,35 Euro und liegt damit binnen 30 Tagen bereits 5,1 Prozent im Plus, seit Jahresbeginn 3,4 Prozent.
Der Relative-Stärke-Index von 67,4 signalisiert eine spürbare Kaufneigung, ohne bereits in überkauftes Terrain zu kippen. Zum 52-Wochen-Tief von 32,42 Euro, erreicht im Februar, beträgt der Abstand mittlerweile 61 Prozent — eine deutliche Erholung, die für mich stark mit der Übernahmefantasie zusammenhängt.
Zum bisherigen Jahreshoch von 70,78 Euro aus dem Oktober fehlen der Aktie aber noch rund 26 Prozent. Diese Lücke halte ich für den eigentlichen Prüfstein: Solange sie so groß bleibt, bewertet der Markt ein höheres Gebot offenbar noch nicht als sicher, sondern lediglich als plausibel.
Der neue CEO Enrique Lores, seit März im Amt, verstärkt die Unsicherheit zusätzlich mit angekündigten Plänen für einen Stellenabbau von 20 Prozent binnen zwei bis drei Jahren — ein Schritt, der eher zu einem Unternehmen passt, das sich auf Eigenständigkeit vorbereitet, als zu einem, das kurz vor dem Verkauf steht. Diese Ambivalenz macht die Lage für mich spannend, aber keineswegs eindeutig.
Fazit: Zwei Szenarien, eine Grundhaltung
Unterm Strich sehe ich zwei plausible Wege. Entweder Stripe und Advent legen nach, PayPal lässt sich zu einem höheren Preis überzeugen, und die Aktie nähert sich wieder ihrem Jahreshoch. Oder die Gespräche verlaufen im Sand, Lores treibt seinen eigenständigen Restrukturierungskurs mit dem geplanten Stellenabbau konsequent weiter, und der Markt muss PayPal wieder rein operativ bewerten.
Für mich überwiegen derzeit die Argumente für Szenario eins: Ein finanzstarker, wachstumshungriger Käufer, der parallel in Stablecoin-Infrastruktur investiert, gibt selten nach dem ersten Nein auf. Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob PayPal seinen Verhandlungshebel tatsächlich in einen höheren Preis ummünzen kann.
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