Wall Street ist gespalten — und die Bullen werden lauter. Palantir hat im laufenden Jahr rund 19 Prozent an Wert verloren und notiert gut 35 Prozent unter seinem Allzeithoch. Trotzdem halten 60 Prozent der von CNN Business befragten Analysten die Aktie für kaufenswert. Einige Kursziele implizieren ein Aufwärtspotenzial von bis zu 86 Prozent.
Agentic AI als nächster Wachstumstreiber
Das Herzstück der Bullen-These ist die aufkommende Welle sogenannter agentischer KI. Palantirs Plattform funktioniert wie ein Betriebssystem: Sie analysiert die Daten einer Organisation, erkennt Muster und koordiniert KI-Agenten — digitale Arbeiter, die zunehmend menschliche Aufgaben übernehmen. Palantir überwacht und steuert diese Agenten direkt innerhalb seiner Softwareumgebung.
Der Markt für Enterprise Agentic AI könnte laut Grand View Research jährlich um mehr als 46 Prozent wachsen und bis Ende des Jahrzehnts 24,5 Milliarden Dollar erreichen. Für Palantir wäre das ein struktureller Rückenwind.
Kundenbindung entscheidet
Das Geschäftsmodell folgt einem klaren Muster: erst gewinnen, dann ausbauen, dann skalieren. Palantir löst zunächst ein spezifisches, schwieriges Problem beim Kunden — etwa die Integration unstrukturierter Daten. Ist der Mehrwert bewiesen, beginnt die Expansionsphase.
Zuletzt erreichte die Net Dollar Retention 150 Prozent — ein Anstieg um 1.100 Basispunkte gegenüber dem Vorquartal. Das zeigt, wie stark bestehende Kunden ihre Ausgaben ausweiten. Kritiker warnen allerdings: Je reifer die AIP-Einführung wird, desto schwieriger wird es, dieses Tempo zu halten. Inkrementelle Expansion hat Grenzen.
Starke Zahlen, teures Papier
Die operativen Kennzahlen sind beeindruckend. Im ersten Quartal 2026 erzielte Palantir einen Umsatz von 1,63 Milliarden Dollar — ein Plus von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr, die höchste jemals gemessene Wachstumsrate. Der bereinigte Gewinn je Aktie kletterte um 154 Prozent auf 0,33 Dollar. Es war das elfte Quartal in Folge mit beschleunigtem Umsatzwachstum.
Für das Gesamtjahr 2026 peilt Palantir einen Umsatz von 7,66 Milliarden Dollar an — ein Wachstum von 71 Prozent. Der bereinigte freie Cashflow lag im ersten Quartal bei 925 Millionen Dollar, entsprechend einer Marge von 57 Prozent. Das Unternehmen hält 8 Milliarden Dollar in Kasse und Staatsanleihen, ohne einen Cent Schulden.
Trotzdem bleibt die Bewertung das zentrale Streitthema. Die Aktie wird mit dem 67-fachen Umsatz und dem 155-fachen Gewinn gehandelt. Analysten erwarten zwar ein jährliches Gewinnwachstum von mehr als 50 Prozent über die nächsten drei bis fünf Jahre. Bären halten dagegen: Historisch hat kein großes Technologieunternehmen ein Kurs-Umsatz-Verhältnis über 30 dauerhaft gehalten.
Der RSI liegt aktuell bei 82 — ein Niveau, das auf eine technisch überkaufte Situation hindeutet, obwohl die Aktie mit 115,66 Euro bereits deutlich unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 138,44 Euro notiert. Ein Widerspruch, der die Unsicherheit im Markt gut beschreibt.
Nächster Test: Q2-Zahlen im August
Bis zur Veröffentlichung der Quartalsergebnisse im August bestimmt vor allem der Analystendisput die Stimmung. Die entscheidende Frage ist, ob Palantir das Interesse an KI in langfristige, wachsende Kundenverträge ummünzen kann — oder ob die Bewertung schlicht keinen Spielraum für Enttäuschungen lässt.
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