Es gibt Aktien, bei denen der Kurs die Geschichte erzählt. Bei Palantir ist es umgekehrt: Die Geschichte erzählt den Kurs. Und diese Geschichte hat inzwischen so viele Kapitel, dass man kaum noch weiß, ob man einen Softwarekonzern, einen Rüstungsdienstleister oder eine Blackbox der Überwachungsindustrie vor sich hat. Genau diese Unschärfe treibt die Aktie – und genau sie sollte Anleger nachdenklich stimmen.
Zunächst die nackten Zahlen, denn die sind beeindruckend genug, um die Rally zu erklären. Palantir steigerte den Umsatz im zweiten Quartal um 93 Prozent auf 1,94 Milliarden Dollar. Das US-Geschäft mit Regierungsbehörden legte um 90 Prozent auf 809 Millionen Dollar zu, das kommerzielle US-Geschäft sogar um 149 Prozent auf 764 Millionen Dollar.
Für das Gesamtjahr peilt der Konzern einen Umsatz zwischen 8,15 und 8,16 Milliarden Dollar an. Der Baird-Analyst William Power bekräftigte nach einer Tech-Demo seine Outperform-Einstufung und sein Kursziel von 200 Dollar – eine von mehreren bullishen Stimmen, zu denen auch Citigroup mit einem Ziel von 245 Dollar zählt.
Maven als Testfall für die Zukunft
Der eigentliche Spannungsbogen liegt aber nicht in den Vergangenheitszahlen, sondern in einem einzigen Programm: Maven. Das Militärprojekt, über das Palantir KI-gestützte Zielaufklärung liefert, könnte laut der Investmentbank William Blair auf eine jährliche wiederkehrende Umsatzbasis von einer Milliarde Dollar zusteuern.
Bis Ende September wird erwartet, dass Maven offiziell den Status eines „Program of Record“ erhält – Fachjargon für: Aus dem Pilotprojekt wird ein dauerhafter Bestandteil der Streitkräfte. Regierungsverträge machen bereits rund 42 Prozent des Quartalsumsatzes aus. Wer auf Palantir setzt, wettet also im Kern auf die fortschreitende Verzahnung von Militär und kommerzieller KI-Software.
Diese Verzahnung reicht inzwischen weit über das Pentagon hinaus. Josh Harris, Eigentümer der Philadelphia 76ers, nutzt Palantir-Technologie für Hochfrequenzhandel – ein Beispiel dafür, wie die Analyseplattform des Unternehmens längst in Bereiche vordringt, die mit nationaler Sicherheit nichts zu tun haben.
Zugleich holt die Vergangenheit das Unternehmen ein: Berichten zufolge teilte die US-Einwanderungsbehörde ICE unrechtmäßig Medicaid-Daten mit Palantir, dessen ELITE-Anwendung zur Verfolgung von Nichtbürgern eingesetzt wird.
Demokratische Generalstaatsanwälte klagten dagegen, ein Richter erlaubte allerdings eine teilweise Datenweitergabe – und die Behörde konnte nicht garantieren, dass sämtliche Kopien der Daten gelöscht wurden.
Zwei Gesichter, ein Aktienkurs
Hier zeigt sich das Dilemma, das Palantir von anderen Softwarewerten unterscheidet: Wachstumsstory und Kontroverse sind nicht voneinander zu trennen, sie sind ein und dasselbe Geschäftsmodell.
Je tiefer der Konzern in staatliche Infrastruktur, Grenzüberwachung und Verteidigung vordringt, desto größer wird der adressierbare Markt – und desto lauter die Kritik an der Rolle, die Datenanalyse-Firmen in Demokratien spielen dürfen. Diese Debatte wird nicht verschwinden, solange Behörden wie ICE auf solche Werkzeuge setzen.
An der Börse zeigt sich diese Ambivalenz bislang nicht in Zurückhaltung, im Gegenteil: Die Aktie hat sich in den vergangenen 30 Tagen um 46 Prozent verteuert. Mit einem RSI von 67,6 nähert sich das Papier zwar überkauften Zonen, doch die fundamentale Wachstumsdynamik liefert der Rally bislang eine Erzählung, die stärker wiegt als technische Warnsignale.
Am Ende bleibt die Frage, die diese Kolumne eingangs stellte: Kauft man bei Palantir Software oder kauft man eine Wette auf die Zukunft der staatlichen Überwachung? Für Analysten mit Kurszielen von 200 bis 245 Dollar scheint die Antwort klar – Wachstum schlägt Bedenken.
Für den kritischen Beobachter bleibt der Konzern das vielleicht deutlichste Symbol dafür, wie eng technologischer Fortschritt und gesellschaftliche Kontrollfragen inzwischen miteinander verwoben sind. Diese Spannung dürfte die Aktie noch lange begleiten – ganz gleich, wie die nächste Quartalszahl ausfällt.
