Manchmal erzählt ein einziges Unternehmen die ganze Geschichte eines Zeitalters. Oracle ist dieses Unternehmen gerade für die KI-Infrastruktur-Ära: Ein Softwarekonzern, der sich in Windeseile zum Schuldner-Riesen für Rechenzentren gemausert hat – und dessen Aktie diese Wette in Echtzeit auspreist.
Die Wette hinter der Wette
Wer heute auf Oracle blickt, sieht ein Papier, das binnen 30 Tagen um 28 Prozent zugelegt hat, während es seit Jahresbeginn noch immer mit 21 Prozent im Minus steht.
Diese Spanne ist kein Zufall, sie ist die Handschrift eines Marktes, der zwischen zwei Erzählungen schwankt: der einen, in der Oracle mit seiner Cloud-Infrastruktur zum verlässlichen Zulieferer der KI-Revolution wird, und der anderen, in der die schiere Höhe der Investitionen das Unternehmen finanziell überfordert.
Die Zahlen aus dem abgelaufenen Geschäftsjahr liefern reichlich Stoff für beide Lager. Oracle hat seine Investitionsausgaben von 21,2 Milliarden auf 55,7 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt und dafür 43 Milliarden Dollar am Anleihemarkt sowie fünf Milliarden Dollar über eine Aktienplatzierung eingesammelt.
Für das laufende Jahr rechnet der Konzern mit weiteren rund 40 Milliarden Dollar an Fremd- und Eigenkapital. Das ist keine Randnotiz, das ist die zentrale Wette des Managements: Wachstum um jeden Preis, finanziert auf Pump, in der Hoffnung, dass die Nachfrage nach KI-Rechenleistung diese Wette rechtfertigt.
Sparen, wo es geht – wachsen, wo es zählt
Parallel zur Investitionsoffensive schrumpft die Belegschaft. Um 13 Prozent beziehungsweise 21.000 Stellen ist die Mitarbeiterzahl im vergangenen Geschäftsjahr gefallen, auf etwa 141.000. Berichten von Business Insider zufolge, die sich auf interne Dokumente und mit den Plänen vertraute Personen stützen, plant Oracle für diesen Monat eine weitere Runde von Stellenkürzungen – mit dem Ziel, die Personalkosten noch vor dem Start des zweiten Fiskalquartals am 1. September zu senken.
Wer Milliarden in Rechenzentren pumpt, muss offenbar anderswo den Gürtel enger schnallen. Das ist die Kehrseite der KI-Goldgräberstimmung: Kapital wandert dorthin, wo Rechenleistung entsteht, nicht dorthin, wo Menschen sitzen.
Auf der Auftragsseite liefert Oracle unterdessen genau jene Beweise, die die Wachstumsgeschichte stützen sollen. Das US-Kriegsministerium hat dem Konzern im Rahmen der Enterprise Software Initiative einen Zehnjahresvertrag zugesprochen, mit einem Basisvolumen von 3,31 Milliarden Dollar für die ersten fünf Jahre und einem möglichen Gesamtwert von 6,99 Milliarden Dollar, sollten alle Optionsjahre gezogen werden.
Solche Behördenverträge sind das Rückgrat, auf dem Oracle seine Cloud-Ambitionen aufbaut – verlässlich, langfristig, aber eben auch ein Beleg dafür, wie sehr der Konzern öffentliche Aufträge braucht, um seine Investitionen zu rechtfertigen.
Wenn Analysten von Kapitulation sprechen
Vor rund zwei Wochen setzte Citigroup-Analyst Tyler Radke Oracle auf eine 90-tägige Beobachtungsliste für positive Kurskatalysatoren. Radke sprach von einer der extremsten Verwerfungen und Kurseinbrüche in der Geschichte der Aktie, ausgelöst durch Investorenkapitulation und technische Verkaufsfaktoren wie ausgeweitete Kreditspreads und Aktienplatzierungen am Markt.
Citi beließ das Kursziel bei 330 Dollar und hob zugleich die Umsatz- und Gewinnprognosen für die Geschäftsjahre 2028 bis 2030 an, mit Verweis auf starke KI-Nachfrage und sich stabilisierende Kreditkennzahlen.
Der Blick der Anleger dürfte sich nun auf den nächsten Quartalsbericht am 7. September und den für Ende Oktober angesetzten Investorentag richten – zwei Termine, die zeigen sollen, ob die Wette aufgeht.
Dass Oracles Cloud-Sparte technologisch mithält, unterstreicht auch eine aktuelle Branchenauszeichnung: Gartner kürte die Fusion Cloud Supply Chain & Manufacturing von Oracle zum Marktführer im Magic Quadrant 2026 und platzierte das Angebot in mehreren Anwendungsfällen an erster Stelle.
Solche Anerkennungen sind kein Selbstzweck – sie sollen Unternehmenskunden überzeugen, dass sich der Wechsel zu Oracle lohnt, während der Konzern gleichzeitig beweisen muss, dass seine Schuldenlast tragbar bleibt. Zwischen Stellenabbau und Milliardenverträgen, zwischen Kapitulation und Kurskatalysator entscheidet sich in den kommenden Wochen, welche Erzählung sich durchsetzt.
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