Manchmal lohnt es sich, eine Bilanz nicht als Zahlenwerk zu lesen, sondern als Wette. Oracle hat sich in eine der größten Wetten der Tech-Branche verstrickt: den Ausbau von Rechenzentren für künstliche Intelligenz, finanziert mit Geld, das der Konzern sich erst noch leihen muss. Wer verstehen will, warum die Aktie seit Jahresbeginn 22 % verloren hat und trotzdem in den vergangenen 30 Tagen um 26 % gestiegen ist, muss diese Wette verstehen.
Wachstum, das mehr kostet als es einbringt
Die Zahlen zum vierten Geschäftsquartal, die Oracle im Juni vorlegte, waren auf den ersten Blick beeindruckend: Der Umsatz kletterte um 21 % auf 19,2 Milliarden Dollar, die Cloud-Erlöse legten um 47 % zu, das Segment Cloud-Infrastruktur wuchs sogar um 93 %.
Der Gewinn pro Aktie stieg auf 2,11 Dollar non-GAAP. Auch der Auftragsbestand explodierte: Die Remaining Performance Obligations, also die vertraglich gesicherten künftigen Erlöse, wuchsen im Quartal um 85 Milliarden auf 638 Milliarden Dollar.
Doch hinter diesem Wachstum steckt ein Kapitaleinsatz, der Anleger nervös macht. Die Investitionen sprangen im vergangenen Geschäftsjahr um 162 % auf 55,7 Milliarden Dollar, nach 21,2 Milliarden im Jahr davor. Das Ergebnis: ein Mittelabfluss von 23,7 Milliarden Dollar mehr, als das Geschäft selbst erwirtschaftete.
Um die Lücke zu schließen, nahm Oracle 43 Milliarden Dollar an Schulden auf und sammelte weitere 5 Milliarden über Aktienverkäufe ein. Für das laufende Jahr rechnet der Konzern mit rund 40 Milliarden Dollar zusätzlichem Kapitalbedarf, aufgeteilt auf Anleihen und neue Aktien.
Das ist der Kern der Geschichte: Oracle baut heute die Infrastruktur, von der es hofft, dass sie morgen bezahlt wird. Die Frage, die sich jeder Anleger stellen muss, lautet nicht, ob das Wachstum echt ist – die Auftragsbücher sprechen dafür –, sondern ob der Konzern die Zeit bis zur Refinanzierung durchsteht, ohne dass die Kapitalmärkte kalte Füße bekommen.
Stellenabbau als Kehrseite der Investitionsoffensive
Genau in dieses Bild passt eine Meldung von Anfang der Woche: Oracle plant Medienberichten zufolge eine neue Runde von Stellenkürzungen noch in diesem Monat, während der Konzern gleichzeitig zweistellige Milliardenbeträge an Fremdkapital für den Ausbau der KI-Rechenzentren aufnimmt.
Führungskräfte sollen betroffene Mitarbeiter identifizieren, mit Wirkung vor Beginn des zweiten Geschäftsquartals am 1. September. Über das gesamte vergangene Geschäftsjahr schrumpfte die Belegschaft bereits um 21.000 Stellen, ein Rückgang von 13 %, auf nunmehr rund 141.000 Mitarbeiter.
Es ist eine bemerkenswerte Gleichzeitigkeit: Ein Unternehmen, das Milliarden für Wachstum aufnimmt, spart zugleich am Personal. Für Anleger ist das ambivalent zu lesen – als Disziplin im Kostenmanagement einerseits, als Symptom eines Konzerns, der jeden verfügbaren Dollar in die Infrastrukturwette steckt, andererseits.
Verträge, die Vertrauen schaffen
Nicht jede Nachricht der vergangenen Wochen war mit Zweifeln verbunden. Ende Juli sicherte sich Oracle einen Zehnjahresvertrag im Rahmen der Enterprise Software Initiative des US-Kriegsministeriums, mit einem Basiswert von 3,31 Milliarden Dollar für die ersten fünf Jahre und einem Gesamtwert von bis zu 6,99 Milliarden Dollar, sollten die Optionsjahre gezogen werden.
Solche Aufträge aus dem öffentlichen Sektor liefern genau die Art von planbaren, langfristigen Einnahmen, die eine kapitalintensive Wachstumsstrategie absichern können.
Für das laufende Geschäftsjahr bestätigte Oracle im Juni seine Umsatzprognose von 90 Milliarden Dollar und hob die Gewinnprognose auf 8,05 Dollar non-GAAP an. Für das erste Quartal erwartet der Konzern ein Umsatzwachstum von 27 bis 29 % und ein Cloud-Wachstum von 58 bis 64 %. Am 12. September wird sich zeigen, ob diese Ziele tragfähig sind – dann legt Oracle die nächsten Quartalszahlen vor.
Die eigentliche Frage bleibt offen
Der Kurs notiert derzeit bei 130,08 Euro, gut 56 % unter dem Hoch vom 10. September 2025, aber rund 29 % über dem Tief vom Juli. Diese Spannbreite zeigt, wie unsicher der Markt die Wette einschätzt.
Oracle hat sich für aggressives Wachstum entschieden, finanziert auf Pump, getragen von der Hoffnung, dass die KI-Nachfrage lange genug anhält, um die Rechnung zu begleichen. Ob das aufgeht, wird sich nicht an einem einzelnen Quartal entscheiden, sondern daran, ob die Auftragsbücher schneller wachsen als die Schuldenberge.
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