Eine verzögerte Gaspipeline in New Mexico hat am Freitag gereicht, um Oracle-Aktionäre nervös zu machen: Die Papiere fielen um 4,1 Prozent. Der Auslöser wirkt auf den ersten Blick banal – doch für mich zeigt genau dieser Vorfall, wie fragil das gesamte KI-Versprechen von Oracle derzeit konstruiert ist.
Die Green-Chile-Pipeline, betrieben von einer Tochtergesellschaft von Energy Transfer, sollte das gigantische Projekt Jupiter mit Erdgas versorgen – ein Rechenzentrumskomplex, dessen Volumen mit 165 Milliarden Dollar veranschlagt wird.
Der Betreiber teilte in einer Regulierungsmitteilung mit, dass sich der Inbetriebnahmetermin um sechs Monate auf den 1. Februar 2027 verschiebt. Sechs Monate klingen nach einer Randnotiz. Für mich sind sie ein Warnsignal, weil Oracles gesamte Wachstumsstory auf pünktlicher, massiver physischer Infrastruktur beruht – Chips allein bauen keine Rechenzentren, Energie schon gar nicht sofort verfügbar.
Warum eine Pipeline die Bilanz berührt
Oracle hat sich in eine Position manövriert, in der Verzögerungen teuer werden. Das Unternehmen plant für das laufende Geschäftsjahr Investitionen von 70 Milliarden Dollar, finanziert über rund 40 Milliarden Dollar an neuem Fremd- und Eigenkapital, darunter eine bereits angekündigte Aktienausgabe über 20 Milliarden Dollar.
Die Gesamtverschuldung liegt bei 164 Milliarden Dollar, das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital bei etwa 3,9 – Oracle schuldet inzwischen weit mehr, als Aktionäre wirtschaftlich besitzen. Wer in diesem Umfeld auf pünktliche Fertigstellung von Rechenzentren angewiesen ist, kann sich Verzögerungen bei kritischer Infrastruktur eigentlich nicht leisten.
Zugleich bleibt die operative Substanz beeindruckend. Im abgeschlossenen Geschäftsjahr 2026 stieg der Umsatz um 17 Prozent auf einen Rekordwert von 67,4 Milliarden Dollar, die Cloud-Erlöse legten um 39 Prozent auf 34,0 Milliarden Dollar zu.
Die Auftragsbestände (Remaining Performance Obligations) schossen um 363 Prozent auf 638 Milliarden Dollar nach oben, größtenteils getrieben von großen KI-Verträgen. Für das laufende Geschäftsjahr stellt Oracle 90 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht, ein Plus von 34 Prozent auf konstanter Währungsbasis. Das ist die Seite der Medaille, die Optimisten antreibt.
Die andere Seite: Der freie Cashflow war im vergangenen Geschäftsjahr mit minus 23,7 Milliarden Dollar tief negativ, verursacht durch die massiven Investitionen in Cloud-Infrastruktur.
Insider haben in den vergangenen drei Monaten Aktien im Wert von 63,7 Millionen Dollar verkauft, ohne dass Käufe gegenüberstanden. Das muss kein Alarmsignal sein, doch es passt schlecht zu einer Aktie, die Anlegern gerade Geduld mit einer verlustreichen Wachstumsphase abverlangt.
Diversifizierung als Gegengewicht
Bemerkenswert ist, wie Oracle parallel versucht, Abhängigkeiten zu streuen. Die Ausweitung der Partnerschaft mit Amazon Web Services – Oracle AI Database@AWS ist inzwischen in 22 Regionen verfügbar, mit nutzungsbasierter Abrechnung für Exadata-Leistung – erschließt Kunden, die ihre Oracle-Workloads innerhalb der AWS-Umgebung modernisieren wollen.
Die mehrjährige Kooperation mit Quantinuum bringt Quantencomputing in die Oracle Cloud Infrastructure; Kunden erhalten Zugriff auf den kommerziell im November gestarteten Rechner Helios. Ein 400-Millionen-Dollar-Vertrag mit CACI zur HR-Modernisierung und die Ausweitung von Oracle Health auf Hospitäler in Ontario runden das Bild zusätzlicher Standbeine ab.
Gleichzeitig baut Oracle Personal ab, um Kosten zu senken – Berichten zufolge könnten einzelne Teams zweistellige Kürzungen erleben, mit Blick auf den Start des zweiten Fiskalquartals am 1. September. Das passt zu einem Unternehmen, das an mehreren Fronten gleichzeitig spart und investiert.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich in der Pipeline-Verzögerung kein isoliertes Ereignis, sondern ein Symptom. Oracle jongliert enorme Wachstumszahlen, einen negativen Cashflow und eine Bilanz, die kaum noch Spielraum für weitere Rückschläge lässt.
Die Diversifizierung über AWS, Quantinuum und neue Vertragspartner spricht dafür, dass das Management Risiken erkennt und gegensteuert. Doch solange physische Infrastruktur wie Gaspipelines den Takt vorgibt, bleibt die Aktie anfällig für genau solche externen Verzögerungen – unabhängig davon, wie stark die Auftragsbücher wachsen.
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