Zwei Themen prägen dieser Tage das Bild von Oracle, und sie passen kaum zusammen: Auf der einen Seite ein Konzern, der mit seiner Cloud-Infrastruktur so schnell wächst wie kaum ein anderer Anbieter, auf der anderen Seite die EU-Kommission, die sich für die Lizenzpraktiken des Softwareriesen zu interessieren beginnt.
Für mich ist genau dieses Nebeneinander der eigentliche Stoff, aus dem sich die Bewertung der Aktie in den kommenden Monaten entscheidet – nicht die reine Wachstumsstory allein.
Brüssel schaut genauer hin
Die EU-Kommission sammelt seit Anfang September Informationen zu Oracles Softwarelizenzierung, wie Reuters berichtete. Von einer förmlichen Untersuchung ist noch keine Rede, es handelt sich um eine vorläufige Prüfung.
Trotzdem sollte man diese Entwicklung nicht kleinreden. Lizenzmodelle sind seit Jahren ein wunder Punkt für Oracle, und Kunden beklagen sich regelmäßig über Komplexität und Kostenintransparenz.
Wenn Brüssel hier tiefer bohrt, könnte das mittelfristig echte Risiken bergen – für ein Unternehmen, dessen Geschäftsmodell stark auf langfristigen Lizenz- und Supportverträgen fußt. Ich sehe darin keinen Grund zur Panik, aber einen Belastungsfaktor, der in keiner Bewertung fehlen sollte, solange die Sache offen ist.
Technologisch bleibt Oracle in der Offensive
Parallel dazu treibt Oracle sein KI-Angebot unbeirrt voran. Im September brachte der Konzern eine Reihe technischer Neuerungen, darunter die Unterstützung für den Import des Moonshot-AI-Modells Kimi K3, erweiterte Optionen für Modellimporte sowie neue Verfügbarkeit in Regierungs- und Verteidigungs-Clouds.
Ergänzt wurde das um neue NL2SQL-Funktionen und Erweiterungen der Autonomous AI Database, samt Integrationen für Rust und LangChain.js. Für sich genommen sind das technische Detailmeldungen, die selten Schlagzeilen produzieren.
In der Summe zeigen sie aber, dass Oracle sein Ökosystem systematisch ausbaut und Entwickler an die eigene Plattform bindet – ein strategischer Vorteil, den ich nicht unterschätzen würde, gerade weil er nicht spektakulär, sondern kontinuierlich wirkt.
Die Kostenseite bleibt ein Thema
Nicht zu vergessen: Die Restrukturierung, über die bereits vielfach berichtet wurde, bleibt real und wird teurer als geplant. Die zusätzlichen rund 700 Millionen Dollar, die die Kosten im laufenden Geschäftsjahr auf etwa 2,8 Milliarden Dollar treiben, sind kein einmaliger Ausreißer, sondern Teil eines fortlaufenden Umbaus samt Stellenabbau.
Wer die jüngsten Zahlen mit ihrem kräftigen Wachstum bei der Cloud-Infrastruktur feiert, sollte diese Kehrseite nicht ausblenden. Wachstum und Umbaukosten laufen bei Oracle derzeit parallel – das ist typisch für ein Unternehmen im Übergang von einem klassischen Lizenzgeschäft zu einer Cloud-first-Ausrichtung, kostet aber eben auch Geld und Nerven.
Was der Markt daraus macht
Der Kurs spiegelt diese Gemengelage bereits wider. Mit einem Rückgang von 22 Prozent seit Jahresbeginn und einem Minus von 51 Prozent auf Zwölfmonatssicht notiert die Aktie weit unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 288,95 Euro, erreicht Anfang September.
Der Abstand von 55 Prozent zu diesem Hoch zeigt, wie stark die Euphorie der vergangenen Monate inzwischen wieder eingepreist wurde. Zugleich liegt der Kurs mit rund 6 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt – ein Hinweis darauf, dass sich zumindest kurzfristig eine gewisse Stabilisierung andeutet, auch wenn der Titel weiterhin unter dem 200-Tage-Durchschnitt verharrt.
Unterm Strich sehe ich Oracle an einem Scheidepunkt, an dem operative Stärke und regulatorische sowie finanzielle Belastungen gegeneinander abgewogen werden müssen. Das Cloud-Geschäft liefert die Argumente für die Wachstumsstory, die Brüsseler Vorprüfung und die steigenden Restrukturierungskosten liefern die Gegenargumente.
Für Anleger heißt das: Wer auf die technologische Substanz setzt, sollte die regulatorischen Risiken im Blick behalten – beide Erzählstränge gehören für mich untrennbar zusammen, wenn man die Aktie derzeit einordnen will.
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