Die EU-Kommission hat sich mit einer Vorab-Anfrage an Oracle gewandt und prüft die Lizenzierungspraxis des Softwarekonzerns. Die Prüfung befindet sich in einem frühen Stadium der Informationssammlung, ein förmliches Verfahren ist damit noch nicht eröffnet. Für Anleger ist die Nachricht dennoch relevant, weil sie einen zusätzlichen regulatorischen Unsicherheitsfaktor in eine ohnehin ereignisreiche Phase für Oracle bringt.
Als Vergleichsfall wird auf SAP verwiesen, das sich mit Zusagen aus einem ähnlichen Verfahren befreien und damit eine Strafe von 10 Prozent des Umsatzes vermeiden konnte. Ob Oracle einen ähnlichen Weg einschlagen wird, ist offen. Die Kommission sammelt zunächst Informationen zur Lizenzierung von Oracle-Software – ein Schritt, der erfahrungsgemäß Monate bis Jahre vor einer möglichen Entscheidung liegt.
Kursrally trifft auf regulatorischen Gegenwind
Die Oracle-Aktie hat zuletzt kräftig zugelegt: Innerhalb von drei Handelstagen stieg der Kurs um rund 12,6 Prozent, getrieben von der positiven Aufnahme des neuen OpenAI-Modells ChatGPT-6 Astra, das laut einem Morningstar-Analysten in Benchmarks das Konkurrenzmodell Anthropic Fable übertrifft.
Oracle ist über seine Cloud-Infrastruktur eng mit dem KI-Ökosystem von OpenAI verzahnt, mit dem der Konzern einen milliardenschweren Fünfjahresvertrag verbindet.
Die aktuellen Marktdaten zeigen die Erholung deutlich: Der deutsche Schlusskurs lag am Dienstag bei 139,88 Euro, nach einem Plus von 11 Prozent innerhalb von sieben Tagen. Damit notiert das Papier rund 15 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 121,84 Euro – ein Zeichen für den kurzfristigen Schwung.
Zum bisherigen Jahresverlauf bleibt die Aktie mit minus 16 Prozent seit Jahresbeginn dennoch deutlich im Minus, und der Abstand zum 52-Wochen-Hoch beträgt weiterhin 53 Prozent.
Diese Gegensätzlichkeit – kurzfristige Erholung versus langfristiger Kursverlust – markiert die eigentliche Spannung vor den morgigen Quartalszahlen. Die EU-Prüfung könnte diesen fragilen Optimismus dämpfen, sollte sie sich zu einem formellen Verfahren ausweiten.
Analysten bleiben trotz Bedenken zuversichtlich
Guggenheim-Analyst John DiFucci bezeichnete Oracle vor der Berichtssaison als seine „Best Idea“ und bekräftigte ein Kursziel von 400 US-Dollar. Morgan Stanley hob sein Kursziel auf 210 Dollar an, während der Analystenkonsens bei 242,69 Dollar liegt – deutlich über dem aktuellen Kursniveau.
Gleichzeitig warnte das Analysehaus Oppenheimer trotz erwarteter starker Quartalszahlen vor einem „Finanzierungs-Overhang“, eine Anspielung auf die stark gestiegene Verschuldung des Konzerns.
Die EU-Vorprüfung fügt sich in ein Bild ein, in dem Oracle zwischen enormem KI-getriebenem Wachstum – der Auftragsbestand RPO wuchs im vergangenen Fiskaljahr um 363 Prozent auf 638 Milliarden Dollar – und wachsenden externen Risiken navigieren muss.
Neben der Kartellprüfung zählen dazu die im Juli erfolgte Herabstufung durch S&P auf BBB- sowie die stark gestiegenen Verbindlichkeiten. Wie stark diese Faktoren das Bild überlagern, dürfte sich mit den morgigen Quartalszahlen zeigen.
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