Zwei Jahrzehnte lang stand Oracle für das Gegenteil von Offenheit. Wer sich einmal in die Datenbank-Welt des Konzerns begab, kam kaum wieder heraus. Jetzt reißt das Unternehmen genau diese Mauern ein – und baut sich damit eine neue Rolle im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.
Vom Bollwerk zum Bindeglied
Oracle hat die eigene Strategie in den vergangenen zwei Jahren komplett gedreht. Statt Kunden in geschlossene Systeme zu zwingen, integriert der Konzern seine Datenbank-Technologie direkt in die Rechenzentren früherer Erzrivalen. Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud zählen mittlerweile zu den Partnern.
Der Grund liegt im Wandel der Branche. Unternehmen wollen heute Cloud-Dienste kombinieren, statt sich auf einen Anbieter festzulegen. Wer Oracle Database 23ai direkt auf fremder Infrastruktur betreibt, spart hohe Latenzzeiten und teure Ausgangsgebühren. KI-Werkzeuge wie Google Gemini oder Azure OpenAI lassen sich so ohne Umwege einsetzen.
Regulierung als Rückenwind
Der zweite Treiber heißt digitale Souveränität. Der EU AI Act tritt in diesem Sommer in seine volle Durchsetzungsphase. Der Digital Operational Resilience Act bleibt für viele Firmen ein zentrales Einkaufskriterium. Unternehmen fragen längst nicht mehr nur, welche Cloud die beste ist, sondern welche Cloud die Vorschriften erfüllt.
Oracle hat darauf reagiert und die eigene EU Sovereign Cloud ausgebaut. Dazu gehören eigene Rechtseinheiten und lokales Personal in Europa. Anders als Partnerschaftsmodelle mit externen Betreibern bietet Oracle Banken und Kliniken einen direkten Weg zu generativer KI. Die Kontrolle über Daten und Governance bleibt dabei in der jeweiligen Jurisdiktion.
Bewertungslücke trotz Rekord-Auftragsbestand
Der Markt honoriert diesen Umbau bislang kaum. Oracle notiert derzeit 59 Prozent unter seinem Rekordhoch von 294,85 Euro aus dem September 2025. Die hohen Ausgaben für den Aufbau der globalen KI-Infrastruktur drücken weiter auf die Stimmung. Die hohe Schwankungsbreite der Aktie spiegelt genau diese Unsicherheit wider.
Hinter den Kulissen zeigen die Zahlen jedoch ein anderes Bild. Die sogenannten Remaining Performance Obligations – künftige, bereits vertraglich gesicherte Umsätze – erreichten in diesem Jahr ein Rekordniveau von 638 Milliarden Dollar. Getrieben wird dieser Auftragsberg von gigantischen Infrastruktur-Verträgen mit Meta und Nvidia.
Genau hier liegt der Kern der Geschichte: Kann Oracle diesen Rekord-Auftragsbestand in dauerhaft steigende Margen verwandeln? Der Konzern finanziert parallel eigene Stromnetz-Upgrades und neue Batteriespeicher für seine KI-Rechenzentren. Diese Investitionen kosten heute – der Ertrag soll erst in den kommenden Jahren sichtbar werden.
Erste Anzeichen einer Bodenbildung
Charttechnisch mehren sich die Hinweise auf eine Stabilisierung. Nach einem 52-Wochen-Tief von 100,76 Euro Ende Juli 2026 hat sich die Aktie um 10 Prozent erholt. Der RSI steht bei neutralen 47,4 Punkten, weder überkauft noch überverkauft.
Analysten bleiben für die längere Frist optimistisch. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 246,43 US-Dollar. Das entspricht einem Aufschlag von 73,2 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.
Der Umbau vom geschlossenen Datenbank-Anbieter zum offenen Rückgrat der souveränen Cloud ist eingeleitet. Ob er sich in der Bilanz niederschlägt, hängt von einem Faktor ab: wie schnell Oracle den Auftragsberg in Umsatz und Marge übersetzt. Nicht davon, wie viel Infrastruktur der Konzern noch baut.
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