Selten klaffen Stimmung und operative Nachrichtenlage bei einem Technologiekonzern so weit auseinander wie derzeit bei Oracle. Auf der einen Seite steht Michael Burry, der bekannteste Short-Seller der Wall Street, der am Donnerstag erneut gegen den Softwarekonzern wettet. Auf der anderen Seite reiht Oracle einen Milliardenauftrag an den nächsten. Für mich ist genau diese Kluft die eigentliche Geschichte hinter dem Kurschart – und sie lässt sich nicht mit einem einfachen Pro oder Contra auflösen.
Warum Burry der Bilanz misstraut
Burry eröffnete am 6. August eine neue Short-Position in Oracle bei 144,63 Dollar pro Aktie und begründete den Schritt mit wachsenden Hebelrisiken durch außerbilanzielle Verpflichtungen. Bemerkenswert: Erst am Tag zuvor hatte er eine frühere Put-Position auf Oracle mit, wie er selbst sagte, „substanziellem“ Gewinn geschlossen – nur um kurz darauf erneut gegen das Papier zu setzen. Seine Wortwahl ist unverblümt: Oracle stecke „in einer ziemlichen Zwickmühle“, der mögliche Absturz könnte „der teuerste tragische Fall seit sehr langer Zeit“ werden, ein „homerisches Eigentor“. Auch die Analysten von UBS zogen am 3. August die Zügel an und senkten ihr Kursziel für Oracle von 285 auf 245 Dollar. Das allein macht noch keinen Trend, doch es zeigt, dass Burrys Skepsis an der Wall Street nicht völlig isoliert steht.
Was mich an Burrys Argumentation überzeugt, ist der Blick auf Larry Ellison. Der Oracle-Gründer hält rund 1,158 Milliarden Aktien, etwa 40,6 Prozent aller ausstehenden Anteile, und kassierte allein aus der jüngsten Quartalsdividende von 0,50 Dollar pro Aktie schätzungsweise 579 Millionen Dollar. Gleichzeitig hat Ellison Ende Juli eine unwiderrufliche persönliche Garantie über 40,4 Milliarden Dollar für die Eigenkapitalfinanzierung von Paramount Skydance im Kampf um Warner Bros. Discovery übernommen – und sich verpflichtet, seinen Oracle-Anteilstrust währenddessen nicht anzutasten. Wer derart tief in fremde Übernahmeschlachten verstrickt ist, bindet Kapital, das nicht mehr frei für Oracle zur Verfügung steht. Dazu passt, dass der Konzern binnen eines Jahres 21.000 Stellen abgebaut hat, fast 13 Prozent der Belegschaft, während die Vollzeitmannschaft von 162.000 auf 141.000 Mitarbeiter schrumpfte – Sparzwang mitten in einer Phase, in der Oracle für 2026 mehr als 20 Milliarden Dollar an Investitionen zugesagt hat.
Die Gegenrechnung: Auftragsbücher platzen
Und trotzdem: Wer nur auf die Risikoseite schaut, übersieht die Wucht der operativen Nachrichten. Ende Juli sprang die Aktie um mehr als 8 Prozent, nachdem Oracle eine erweiterte Partnerschaft mit Google Cloud angekündigt hatte – Kunden erhalten über den AI Agent Studio Zugriff auf Gemini-Modelle für Fusion Applications und NetSuite, wahlweise das schlanke Gemini 3.1 Flash-Lite oder das leistungsstärkere Gemini 3.5 Flash. Anfang August kam der Auftrag von CACI International hinzu, das gemeinsam mit Baker Tilly und Deloitte als Technologiepartner beim Zehn-Jahres-Vertrag zur Modernisierung der föderalen HR-Systeme der US-Behörde OPM einsteigt – ein Auftragspaket von knapp 400 Millionen Dollar. Parallel läuft der bis zu 7 Milliarden Dollar schwere Zehn-Jahres-Vertrag mit dem US-Verteidigungsministerium, bei dem CIO Kirsten Davies Einsparungen von mindestens 441 Millionen Dollar für die Steuerzahler in Aussicht stellte. Auch im Gesundheitswesen expandiert Oracle Health weiter: Als das kanadische Baycrest Hospital dem gemeinsamen elektronischen Patientenakten-Rollout mit Sunnybrook in Ontario beitrat, sprang die Aktie um 9,22 Prozent. Unterlegt wird das alles von einem Cloud-Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar, wobei das Infrastrukturgeschäft zuletzt um 93 Prozent wuchs.
Mein Fazit
Am Freitag schloss die Aktie bei 127,10 Euro, binnen sieben Tagen ging es um 3,12 Prozent nach oben – ein zaghaftes Lebenszeichen nach einem Jahr, in dem das Papier 41,64 Prozent verloren hat und noch immer 56,89 Prozent unter seinem Rekordhoch vom 10. September 2025 notiert. Für mich zeigt genau diese Diskrepanz, worum es hier wirklich geht: Oracles operatives Geschäft liefert reihenweise handfeste Erfolge, während die Finanzierungsarchitektur rund um Ellison und die enormen Investitionszusagen Fragen aufwerfen, die Burry lauter stellt als andere. Vor den Quartalszahlen am 7. September, für die der Konsens 1,77 Dollar Gewinn pro Aktie und 19,52 Milliarden Dollar Umsatz erwartet, dürfte sich zeigen, welche der beiden Erzählungen die Oberhand gewinnt. Unterm Strich überwiegt für mich derzeit weder das eine noch das andere Lager klar – wer Oracle beobachtet, sollte beide Seiten der Geschichte im Blick behalten, nicht nur die lautere.
Oracle-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Oracle-Analyse vom 10. August liefert die Antwort:
Die neusten Oracle-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Oracle-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 10. August erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
