Es gibt Aktien, an denen sich derzeit exemplarisch ablesen lässt, wie gespalten die Finanzwelt den Boom der künstlichen Intelligenz bewertet. Oracle ist eine davon. Auf der einen Seite stehen Milliardenverträge mit Google, dem Pentagon und der US-Bundesverwaltung, die das Unternehmen als zentralen Infrastrukturlieferanten des KI-Zeitalters zeigen. Auf der anderen Seite steht ein Investor, der genau diese Wette für überzogen hält und sein Geld dagegen setzt. Wer verstehen will, wohin sich der KI-Handel gerade bewegt, kommt an Oracle kaum vorbei.
Google, Gemini und die Ausweitung der Cloud-Allianz
Am 4. August erweiterten Oracle und Google Cloud ihre Partnerschaft: Die Gemini-Modelle von Google werden künftig in Oracle Fusion Cloud Applications und NetSuite integriert, Kunden greifen darauf über das Oracle AI Agent Studio zu. Die Aktie reagierte mit einem Plus von mehr als acht Prozent. Nur wenige Tage zuvor, am 30. Juli, hatte Oracle bereits die Integration von Gemini Enterprise in die eigene KI-Datenbank verkündet – zusammen mit dem Gewinn eines Großauftrags legte das Papier an diesem Tag um 9,22 Prozent zu. Zwei Ankündigungen binnen einer Woche, zwei zweistellige Tagesgewinne: Das ist kein Zufall, sondern ein Muster. Der Markt honoriert jedes Signal, dass Oracle sich als Infrastrukturpartner der großen KI-Anbieter etabliert, statt nur als Zulieferer eines einzelnen Kunden zu gelten.
Diese Diversifizierung ist strategisch bedeutsam, denn genau die Abhängigkeit von wenigen Großkunden gehört zu den meistgenannten Kritikpunkten an Oracles Cloud-Geschäft. Wenn Google als Partner statt als Konkurrent auftritt, relativiert das einen Teil dieser Sorge – zumindest auf dem Papier.
Staatsaufträge als stabiles Fundament
Während die Tech-Partnerschaften für Kursfeuerwerk sorgen, liefert das Regierungsgeschäft die ruhigere, aber nicht weniger relevante Geschichte. Am 23. Juli sicherte sich Oracle einen Zehnjahresvertrag mit dem US-Verteidigungsministerium im Rahmen der Enterprise Software Initiative – mit einem Basiswert von 3,31 Milliarden Dollar für die ersten fünf Jahre und einem Gesamtvolumen von bis zu 6,99 Milliarden Dollar, sofern alle Optionsjahre gezogen werden. Der Vertrag soll die bislang fragmentierte Oracle-Lizenzierung im Pentagon konsolidieren. Wenige Tage später, am 3. August, kam ein weiterer Auftrag hinzu: CACI wurde als Technologiepartner für die Modernisierung der IT-Personalverwaltung des US Office of Personnel Management benannt, ein Zehnjahresvertrag mit rund 400 Millionen Dollar Volumen, gemeinsam mit Baker Tilly und Deloitte. Solche Verträge sind nicht spektakulär, aber sie zeigen, dass Oracle im öffentlichen Sektor tief verwurzelt ist – ein Polster, das unabhängig vom Auf und Ab der KI-Euphorie Bestand hat.
Burrys Short und die Kehrseite der Wette
Und dann ist da die Gegenposition. Michael Burry eröffnete am 6. August erneut eine Short-Position, zu einem Kurs von 144,63 Dollar je Aktie. Seine Begründung: außerbilanzielle Leasingverpflichtungen und Risiken bei den Investitionsausgaben. Sein Kernargument lautet, der KI-Infrastrukturboom habe Nachfrage vorgezogen, was zu einer gefährlichen Überhebelung führe, sobald sich der Zyklus abschwäche. Auch UBS-Analyst Karl Keirstead senkte am 6. August sein Kursziel von 285 auf 245 Dollar, beließ die Einstufung aber bei Kaufen. Als Gründe nannte er Verzögerungen bei Rechenzentren, die hohe Kundenkonzentration – Stichwort OpenAI – und Unsicherheit über die Kapitalrendite. Sein Fazit: Ein erheblicher Teil des Risikos sei im Aktienkurs bereits eingepreist.
Genau diese Gegensätzlichkeit macht Oracle zu einem Lehrstück. Das Unternehmen wies zuletzt einen Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar aus, ein Sprung von 85 Milliarden Dollar gegenüber dem Vorquartal, während der freie Cashflow bei rund 56 Milliarden Dollar Investitionsausgaben tief ins Minus rutschte. Wachstum und Verbrennung von Kapital laufen bei Oracle derzeit parallel – die Frage ist, welches der beiden Signale am Ende schwerer wiegt.
An der Börse zeigt sich diese Ambivalenz unmittelbar: Der Schlusskurs vom Freitag lag bei 127,10 Euro, nach einem Wochengewinn von 12,84 Prozent. Über zwölf Monate steht dennoch ein Rückgang von 40,64 Prozent zu Buche. Wer auf die kurzfristige Erholung schaut, sieht Zuversicht. Wer auf das Jahr zurückblickt, sieht die Spuren der Skepsis, die Investoren wie Burry treiben. Oracle steht damit sinnbildlich für den größeren Streit unserer Zeit: Ist die KI-Infrastruktur eine tragfähige Investition – oder eine Wette, die sich erst noch beweisen muss?
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