Ein Verteidigungsministerium, das für sieben Milliarden Dollar auf zehn Jahre unterschreibt, sollte eigentlich für Kursfeuerwerk sorgen. Bei Oracle passiert das Gegenteil. Der Softwarekonzern meldet einen der größten Regierungsaufträge seiner Geschichte — und die Aktie dümpelt trotzdem nahe ihrem Jahrestief. Genau dieser Widerspruch macht die Geschichte gerade so spannend.
Am 23. Juli 2026 hat das US-Verteidigungsministerium einen Vertrag über 6,99 Milliarden Dollar mit Oracle unterzeichnet. Die ersten fünf Jahre sind mit 3,31 Milliarden Dollar als Basisperiode fest budgetiert. Der Deal bündelt On-Premises-Softwarelizenzen für Militär, Geheimdienste und die Küstenwache und soll dem Steuerzahler mindestens 441 Millionen Dollar sparen.
Ein Fundament aus Verteidigungsgeldern
Für Oracle ist das mehr als ein einzelner Auftrag. Es ist die erste direkte On-Premises-Partnerschaft dieser Größenordnung mit dem Pentagon und damit ein Vertrauensbeweis für die „Sovereign Cloud“-Strategie des Konzerns. Das klassische Lizenzgeschäft schrumpft seit Monaten leicht, zuletzt um zwei Prozent im Jahresvergleich. Die Cloud-Sparte dagegen wächst um 47 Prozent — und genau hier setzt der Pentagon-Vertrag an.
Die US-Regierung fährt damit eine Strategie, die sich bereits im Mai angedeutet hat, als Microsoft einen ähnlichen Auftrag über 9,69 Milliarden Dollar erhielt. Washington konzentriert seine Technik-Modernisierung offenbar auf wenige, etablierte Hyperscaler. Oracle gehört jetzt sichtbar dazu.
Wie passt eine Auftragssumme von fast sieben Milliarden Dollar zu einem Aktienkurs, der gerade ein neues Jahrestief markiert hat? Der Markt sieht in dem Deal offenbar keinen Befreiungsschlag, sondern nur einen Baustein in einem viel größeren, riskanteren Bild. Die eigentliche Sorge liegt woanders: bei der Bilanz.
Der Preis des KI-Wettrüstens
Oracle notiert aktuell bei 107,60 Euro, ein Plus von 1,93 Prozent gegenüber dem Vortag. Erst gestern fiel die Aktie auf ein neues 52-Wochen-Tief von 105,06 Euro. Seit Jahresbeginn hat das Papier 35,26 Prozent verloren, auf Zwölfmonatssicht sind es fast 48 Prozent.
Der Grund dafür liegt nicht im Kerngeschäft, sondern in der Investitionslast der KI-Aufrüstung. Um die eigene Infrastruktur auszubauen, hat Oracle das Geschäftsjahr 2026 mit einem negativen freien Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar abgeschlossen. Für das Geschäftsjahr 2027 plant der Konzern Investitionen zwischen 70 und 95 Milliarden Dollar.
Um das zu stemmen, will sich Oracle Berichten zufolge rund 40 Milliarden Dollar an frischem Fremdkapital besorgen. Die bestehende Schuldenlast liegt bereits jenseits der 100-Milliarden-Dollar-Marke. Kein Wunder, dass Anleger nervös reagieren, wenn ein einzelner Großauftrag gegen diese Summen antreten muss.
Zwei Wetten, ein Unternehmen
Am Markt existieren gerade zwei fast gegensätzliche Bewertungen von Oracle gleichzeitig. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 219,22 Euro — mehr als doppelt so hoch wie der aktuelle Kurs. Wer diese Einschätzung teilt, verweist auf das Auftragspolster von 638 Milliarden Dollar an noch nicht realisierten Leistungsverpflichtungen (RPO), eine gewaltige Pipeline für die kommenden Jahre.
Auf der anderen Seite steht die Realität einer annualisierten Volatilität von 44,35 Prozent und einer Dividende von 0,50 Dollar, die vom freien Cashflow aktuell nicht vollständig gedeckt ist. Das ist keine Fußnote, sondern ein Warnsignal für jeden, der auf Kontinuität setzt.
Oracle wettet im Grunde auf seine eigene Unverzichtbarkeit als Backend der KI-Ära, besonders für Regierungen und souveräne Institutionen. Der Pentagon-Auftrag zeigt: Die US-Regierung ist bereit, diese Wette mitzugehen. Die Kapitalmärkte dagegen verlangen mehr als Verträge. Sie wollen sehen, wie Oracle aus der Schuldenspirale wieder herausfindet, bevor sie dem Konzern die hohen Kursziele wirklich abkaufen.
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