Manchmal genügt ein Blick auf die Diskrepanz zwischen Geschäftszahlen und Kursverlauf, um zu verstehen, wie nervös der Markt beim Thema künstliche Intelligenz geworden ist.
Oracle hat am vergangenen Donnerstag Quartalszahlen vorgelegt, die auf dem Papier beeindrucken: mehr als 30 Milliarden Dollar an zusätzlichen KI-Cloud-Verträgen, ein Auftragsbestand von 664 Milliarden Dollar, eine angehobene Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2027. Die Aktie reagierte trotzdem mit einem Rückgang von 1,4 Prozent.
Wer verstehen will, warum, muss über Oracle hinausblicken – auf ein ganzes Geschäftsmodell, das sich gerade neu erfindet, und auf die Frage, wie viel Vertrauensvorschuss der Markt der KI-Infrastruktur noch gewährt.
Ein Auftragsbuch, das größer ist als mancher Staatshaushalt
Die reinen Zahlen des ersten Quartals des Geschäftsjahres 2027 lesen sich solide: 19,35 Milliarden Dollar Umsatz, ein Non-GAAP-Gewinn je Aktie von 1,92 Dollar. Für das zweite Quartal stellt Oracle ein Umsatzwachstum von 30 bis 34 Prozent in Aussicht, das Cloud-Geschäft soll sogar um 64 bis 71 Prozent zulegen.
Für das Gesamtjahr rechnet der Konzern nun mit mindestens 90 Milliarden Dollar Umsatz. Das sind Wachstumsraten, von denen etablierte Softwarekonzerne sonst nur träumen.
Doch genau hier liegt die Krux der aktuellen KI-Erzählung: Wachstum kostet Geld, und zwar viel davon. Oracle hat im ersten Quartal 28,50 Milliarden Dollar investiert, um Rechenzentren für die KI-Nachfrage hochzuziehen.
Der freie Cashflow blieb dabei mit minus 5,40 Milliarden Dollar negativ – wenn auch deutlich weniger negativ als von Analysten befürchtet, die mit minus 9,56 Milliarden Dollar gerechnet hatten. Reuters ordnete diese Entwicklung als Entwarnung für Anleger ein, die zuvor über die Cash-Verbrennung des Konzerns beunruhigt waren.
Der Preis des Umbaus
Wachstum allein erklärt aber nicht alles, was gerade an der Kostenseite passiert. Oracle hatte bereits ein Restrukturierungsprogramm für das Geschäftsjahr 2026 laufen, das nun um weitere rund 700 Millionen Dollar teurer wird – auf insgesamt etwa 2,8 Milliarden Dollar. Die Mehrkosten hängen mit Stellenstreichungen und anderen Umbaumaßnahmen zusammen, wie Reuters berichtete.
Ein Konzern, der gleichzeitig Milliarden in neue Rechenzentren pumpt und Personal abbaut, sendet ein doppeltes Signal: Er verlagert Kapital und Kompetenzen dorthin, wo er das künftige Wachstum verortet – in die KI-Cloud-Infrastruktur – und schneidet dort, wo das alte Geschäft nicht mehr trägt.
Das ist im Kern die Geschichte, die sich derzeit durch die gesamte Technologiebranche zieht: Wer im KI-Rennen mithalten will, muss enorme Vorleistungen erbringen, lange bevor sich diese in barer Münze auszahlen. Oracle ist dabei kein Einzelfall, aber ein besonders sichtbarer, weil der Konzern seinen Auftragsbestand so aggressiv wachsen lässt wie kaum ein anderer Anbieter.
Was der Kurs über das Vertrauen verrät
An der Börse zeigt sich diese Skepsis in nackten Zahlen. Mit einem Schlusskurs von 129,72 Euro am Freitag notiert die Aktie rund 55 Prozent unter ihrem Zwölfmonatshoch von 288,95 Euro, das noch im September vergangenen Jahres erreicht wurde.
Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 22 Prozent zu Buche, auf Wochensicht ging es um 5,1 Prozent nach unten. Diese Kursentwicklung zeigt: Der Markt honoriert Rekordaufträge nicht mehr automatisch, sondern fragt zunehmend, wann sich die Investitionen in freien Cashflow und Gewinne übersetzen.
Hinzu kommt regulatorischer Gegenwind, der nichts mit der KI-Erzählung zu tun hat, aber das Sentiment zusätzlich belastet: Die EU-Kommission sammelt seit rund zwei Wochen Informationen zu Oracles Lizenzpraktiken, nachdem eine Drittanbieter-Beschwerde eingegangen war. Seither hat sich die Aktie um 3,1 Prozent erholt, was zeigt, dass die Prüfung allein den Kurs nicht dominiert – aber als zusätzliches Risiko im Hinterkopf bleibt.
Die eigentliche Frage für Oracle-Anleger lautet daher nicht, ob der Konzern wächst – das tut er, und zwar kräftig. Sie lautet, ob ein Auftragsbestand von 664 Milliarden Dollar irgendwann tatsächlich zu Cash wird, der über die gigantischen Investitionsausgaben hinausgeht. Bis diese Frage beantwortet ist, dürfte die Aktie ein Spiegelbild jener Nervosität bleiben, die derzeit die gesamte KI-Infrastrukturbranche begleitet.
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