Oracle Aktie: 638 Milliarden Dollar Auftragsbestand

Symbolbild, KI-generiert

Oracle verbindet starkes Cloud- und Auftragswachstum mit hoher Verschuldung, Finanzierungsbedarf und zusätzlicher politischer Kontrolle.

Auf einen Blick:
  • Auftragsbestand steigt auf 638 Milliarden Dollar
  • Cloud-Umsatz wächst im Fiskaljahr 2026
  • Weitere Kapitalaufnahme über 40 Milliarden Dollar geplant
  • Ellison droht Vorladung im US-Kongress

Oracle steckt in einer der ungewöhnlichsten Phasen seiner jüngeren Geschichte. Der Kurs notiert rund 57 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 294,85 Euro vom 10. September 2025, seit Jahresbeginn steht ein Minus von 24 Prozent. Gleichzeitig sprechen Analysten von Wachstumsraten, die im Softwaresektor ihresgleichen suchen. Für mich ist genau diese Diskrepanz die eigentliche Geschichte – nicht der Kursrutsch selbst.

Zwischen Rekordbacklog und Kapitalhunger

Die Zahlen, die Oracle im Vorfeld der für den 10. September angesetzten Q1-Bilanz (Fiskaljahr 2027) begleiten, sind beeindruckend: Ein Auftragsbestand (RPO) von 638 Milliarden Dollar, ein Plus von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Das Cloud-Geschäft wuchs im abgelaufenen Fiskaljahr um 39 Prozent auf 34 Milliarden Dollar, die Cloud-Infrastruktursparte OCI sogar um 77 Prozent auf 18,1 Milliarden Dollar.

Für das anstehende Quartal erwarten Analysten laut CNBC ein Umsatzwachstum von 28 Prozent auf konstanter Währungsbasis und ein Gewinnwachstum je Aktie von 18,5 Prozent. Barchart beziffert die langfristige CAGR-Erwartung sogar auf 31 Prozent beim Umsatz und 28 Prozent beim Gewinn.

Diese Wachstumsstory hat aber ihren Preis. Der freie Cashflow lag im Fiskaljahr 2026 bei minus 23,7 Milliarden Dollar, die Nettoverschuldung wird mit dem 4,5-Fachen des EBITDA angegeben. Barchart berichtet zudem von Plänen für eine weitere Fremd- und Eigenkapitalaufnahme über 40 Milliarden Dollar zur Finanzierung des Ausbaus. Wer bei Oracle investiert, kauft also nicht nur Wachstum, sondern auch ein gehöriges Maß an Finanzierungsrisiko.

Die Ellison-Anhörung als Nebenschauplatz mit Symbolkraft

Parallel zur operativen Geschichte gerät Oracle-Chef Larry Ellison ins Visier des House Veterans‘ Affairs Committee. Grund ist das elektronische Patientenaktensystem für Veteranen, dessen Budget von ursprünglich 10 Milliarden Dollar (2018) mittlerweile auf über 27 Milliarden Dollar angeschwollen ist – bei geschätzten Lebenszykluskosten von bis zu 50 Milliarden Dollar.

Die Abgeordnete Budzinski hat für eine Vorladung Ellisons gestimmt und fordert Aufklärung. Für Anleger ist das kein kursentscheidendes Ereignis, aber es zeigt: Oracle bewegt sich zunehmend im Fadenkreuz politischer Aufsicht, während der Konzern gleichzeitig Milliarden in KI-Rechenzentren pumpt.

Auch die angekündigten Stellenstreichungen – 7.000 bis 10.000 Positionen sollen betroffen sein, mit möglichen Ankündigungsterminen am 15. oder 30. September – passen ins Bild eines Unternehmens, das an mehreren Fronten gleichzeitig Kosten senken und Wachstum finanzieren muss. Die Mitarbeiterzahl ist bereits von 162.000 auf 141.000 gesunken.

Warum die Marktreaktion für mich übertrieben wirkt

Trotz all dieser Baustellen sehe ich die jüngste Kurserholung als Signal, dass der Markt begonnen hat, zwischen Risiko und Substanz zu unterscheiden. Der Kurs legte gestern um 3,2 Prozent zu und liegt mit 125,82 Euro rund 3,7 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt, wenn auch weiterhin 14 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt. Das spricht für eine Stabilisierung auf niedrigerem Niveau, nicht für eine Trendwende – aber es ist ein Anfang.

Bemerkenswert ist auch die Positionierung der Wall Street: Ein Bernstein-Analyst sieht laut UA.NEWS Potenzial für eine Kursverdopplung und begründet dies unter anderem damit, dass sich das Ende der aggressiven Kapitalbeschaffungsrunden abzeichne. Das deckt sich mit der Ausweitung der Kooperation mit HPE, die Netzwerktechnik für Oracles globale KI-Rechenzentren liefert – ein Hinweis darauf, dass Oracle zunehmend auf Partnerschaften statt auf reine Eigenfinanzierung setzt.

Die Risiken bleiben real: eine hohe Kundenkonzentration, insbesondere die Abhängigkeit von der OpenAI-Beziehung, sowie eine Verschuldung, die höher ausfällt als bei den großen Hyperscalern Amazon, Alphabet oder Meta, die ihre KI-Investitionen überwiegend aus dem laufenden Geschäft finanzieren.

Unterm Strich überwiegt für mich dennoch die Substanz des Auftragsbestands gegenüber der kurzfristigen Nervosität. Die Bilanz am 10. September wird zeigen, ob Oracle das RPO-Versprechen in tatsächliche Cashflows verwandeln kann. Bis dahin bleibt die Aktie ein Hochrisiko-Wachstumswert – aber einer, dessen Bewertung die operative Dynamik derzeit eher unter- als überzeichnet.

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