Nur eine einzige Aktie im S&P 500 markierte in dieser Woche ein neues 52-Wochen-Tief. Es war Oracle. Ein Softwarekonzern mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet rund 312,7 Milliarden Euro steht damit allein auf einer Liste, die sonst leer blieb.
Der Kurs schloss am Freitag bei 110,56 Euro, ein Plus von 1,79 Prozent zum Vortag. Das ändert wenig am großen Bild: Auf Monatssicht steht ein Minus von 30,75 Prozent, seit Jahresbeginn sind es 33,48 Prozent. Vom Rekordhoch bei 280,70 Euro im September 2025 trennen die Aktie inzwischen 60,61 Prozent.
Wachstum trifft auf Kursverfall
Was diesen Fall bemerkenswert macht: Die Geschäftszahlen widersprechen dem Kurschart. Der Umsatz wuchs in den vergangenen zwölf Monaten um 17,4 Prozent. Die Aktie handelt aktuell zum 20,9-Fachen des Gewinns der letzten zwölf Monate – kein Bewertungsniveau, das für sich genommen Panik rechtfertigt.
Noch deutlicher wird die Diskrepanz beim Auftragsbestand. Die sogenannten Remaining Performance Obligations, also vertraglich zugesicherte künftige Umsätze, explodierten auf 638 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Plus von 363 Prozent zum Vorjahr. Im Juni-Quartal wuchs das Cloud-Infrastrukturgeschäft um 93 Prozent, Cloud-Erlöse machen inzwischen 52 Prozent des Gesamtumsatzes aus.
Oracle-Finanzchefin Hilary Maxson brachte es gegenüber Analysten auf den Punkt: Das „beispiellose Niveau“ der Auftragsbestände liefere „außergewöhnliche Sichtbarkeit“ auf das künftige Umsatzwachstum. Die Zahlen sollen beruhigen. Der Markt lässt sich davon bislang nicht überzeugen.
Analysten uneins zwischen Fundamentaldaten und Angst
Guggenheim-Analyst John DiFucci hält an seinem Kursziel von 400 Dollar fest und nennt Oracle seinen Top-Softwarewert für 2026. Sein Argument: Die implizite Aufwärtschance bei Oracle übertreffe die von Microsoft und Salesforce deutlich, die beide ebenfalls gefallen sind, aber weniger stark. Es gebe „keinen offensichtlichen guten Grund“ für den Ausverkauf – die Sorge um kurzfristigen Margendruck übertöne das positive Signal aus dem Auftragsbestand.
Der Wall-Street-Konsens für das Kursziel liegt bei 251,85 Dollar. Zum aktuellen Kurs ergibt das eine Lücke von rund 103 Prozent.
Mehrere Belastungsfaktoren zugleich
Der Kursverfall trifft mit gleich mehreren negativen Nachrichten zusammen. S&P Global stufte Oracle wegen der Schulden aus dem KI-Infrastrukturausbau von BBB auf BBB- herab – nur eine Stufe über Ramschniveau. New Mexico lehnte zudem eine Gaspipeline-Genehmigung für ein Oracle-Rechenzentrum ab. Hinzu kommt Ansteckung aus dem Sektor: IBM-Aktien brachen nach verfehlten Quartalszielen um mehr als 25 Prozent ein.
Die Herabstufung durch S&P wiegt schwer, weil sie über die Aktie hinaus wirkt. Oracle ist mittlerweile der zweitgrößte Non-Financial-Schuldner im Bloomberg US Corporate Bond Index nach Amazon, mit ausstehenden 117 Milliarden Dollar. Ein geplanter Rechenzentrumsausbau im Volumen von 250 Milliarden Dollar verbrennt Kapital schneller, als neue Umsätze es ersetzen können.
Manche Analysten mahnen dennoch zur Vorsicht bei der Schulden-Sorge. Oracle setzt zunehmend auf Prepaid-Verträge und Bring-your-own-Hardware-Modelle, was die Kapitalintensität senkt. Im vergangenen Quartal unterzeichnete der Konzern KI-Infrastrukturverträge über 67 Milliarden Dollar, größtenteils in genau diesen kapitalschonenden Strukturen. Das Gesamtportfolio solcher Verträge liegt inzwischen bei 75 Milliarden Dollar.
Ausblick
Die Aktie notiert nur noch 5,20 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 105,10 Euro, erreicht am 17. Juli. Bei einer annualisierten Volatilität von 47,23 Prozent bleibt Oracle einer der meistbeobachteten Mega-Cap-Technologiewerte zum Start in die neue Handelswoche. Ob sich der Ausverkauf in der Nähe der aktuellen Marke stabilisiert, dürfte sich an der nächsten Reaktion auf Nachrichten rund um den Schuldenstand und das KI-Ausbauprogramm entscheiden.
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