Selten zeigt ein einziger Tag so widersprüchliche Signale wie der 9. und 10. August bei Oracle. Während Franklin Street Advisors seinen Bestand um 19,7 Prozent zurückfuhr und nur noch 161.489 Aktien im Depot hält, stockte Wealth Science Advisors seine Position im selben Zeitraum um 677,6 Prozent auf.
Avity Investment Management legte parallel um 231,8 Prozent zu, kaufte 127.037 zusätzliche Aktien für rund 26,65 Millionen Dollar. Drei Pflichtmitteilungen, drei völlig gegensätzliche Wetten auf denselben Konzern – innerhalb von 48 Stunden.
Diese Zerrissenheit ist kein Zufall, sondern das Grundmuster der aktuellen Oracle-Geschichte. Der Konzern hat sich mitten in den Wettlauf der Hyperscaler um KI-Infrastruktur katapultiert, mit einer Kapitalausgaben-Guidance von bis zu 95 Milliarden Dollar für das laufende Geschäftsjahr. Das treibt das Wachstum – im vierten Quartal des vergangenen Geschäftsjahres legte der Umsatz um 20,6 Prozent auf 19,18 Milliarden Dollar zu, der Gewinn je Aktie übertraf die Erwartungen.
Doch dieselbe Ausgabenoffensive nährt seit Monaten die Sorge von Ratingagenturen wie Moody’s, Fitch und S&P Global, dass die Verschuldung im Verhältnis zum EBITDA gefährlich hoch klettert. S&P hatte Oracle bereits im Juli auf BBB- zurückgestuft, seither hat sich die Aktie um rund 4,5 Prozent erholt – ein Beleg dafür, dass der Markt die Wachstumsstory bislang stärker gewichtet als das Bilanzrisiko.
Analysten bleiben an Bord, aber vorsichtiger
Am Donnerstag senkte UBS-Analyst Karl Keirstead sein Kursziel für Oracle von 285 auf 245 Dollar, beließ die Einstufung aber bei „Buy“. Seine Begründung liegt genau im Zentrum des Konflikts: steigende Kosten für KI-Infrastruktur und ein enger werdender Kreditmarkt.
Wer Milliarden in Rechenzentren und GPU-Kapazitäten steckt, muss diese Summen irgendwo refinanzieren – und genau hier setzt die Skepsis der Ratingwelt an, auch wenn deren jüngste Warnungen keine Eintagsfliegen sind, sondern ein Thema, das den Konzern schon länger begleitet.
Auf der anderen Seite liefert Oracle weiter Beweise dafür, dass die Wette aufgehen könnte. Am selben Donnerstag wählte das US-Personalamt OPM den Konzern als Kerntechnologiepartner für ein zehnjähriges Modernisierungsprojekt der Bundes-Personalverwaltung mit einem Volumen von rund 400 Millionen Dollar, gemeinsam mit CACI, Deloitte und Baker Tilly.
Am Montag zuvor hatte Oracle Health seine Dienste auf Krankenhäuser in Ontario ausgeweitet – ein weiterer Baustein im Gesundheits-Geschäft. Und Ende Juli hatten Oracle und Google Cloud verkündet, Googles Gemini-Modelle direkt in Oracle Fusion Applications und die Oracle AI Agent Studio zu integrieren, sodass Firmenkunden eigene KI-Workflows bauen können. Zwischen dem 30. Juli und dem 3. August sprang die Aktie in Reaktion darauf um mehr als 9 Prozent.
Ist das Wachstum die Rechnung wert?
Genau das ist die Frage, die sich hinter den widersprüchlichen 13F-Meldungen verbirgt: Rechtfertigt das Umsatzwachstum die wachsende Verschuldung, oder baut Oracle eine Bilanz, die bei der ersten Konjunkturdelle ins Wanken gerät? Eine endgültige Antwort gibt es nicht, nur Indizien.
Am Montag schloss die Aktie bei 131,10 Euro, ein Plus von 3,15 Prozent zum Vortag – ein Zeichen, dass die jüngsten Partnerschaften und Aufträge beim Markt ankommen. Zum Rekordhoch vom vergangenen September fehlen der Aktie dennoch gut 55 Prozent, ein Abstand, der zeigt, wie tief der Vertrauensverlust in den vergangenen Monaten war.
Der nächste Prüfstein
Am 8. September legt Oracle seine Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor. Analysten rechnen mit einem Umsatz von rund 19,12 Milliarden Dollar und einem Gewinn je Aktie von 1,67 Dollar.
Dann wird sich zeigen, ob die milliardenschweren Investitionen in Rechenzentren und KI-Partnerschaften tatsächlich die Umsatzdynamik liefern, die nötig ist, um die wachsende Verschuldung zu rechtfertigen – oder ob die Warnungen der Ratingagenturen doch mehr sind als nur Hintergrundrauschen einer ambitionierten Wachstumsgeschichte.
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