Oracle steckt in einem Spannungsfeld: Auf der einen Seite steht ein gigantischer Auftragsbestand aus dem Cloud- und KI-Geschäft, auf der anderen wachsende Sorgen um die Bilanzqualität des Konzerns.
Am Montag gab die Aktie um 2,8 Prozent nach, weil Anleger die aggressiven Investitionen in KI-Infrastruktur gegen eine Verschuldungsquote von 3,21 und eine jüngste Rating-Herabstufung abwägen. Aktuell notiert das Papier bei 123,26 Euro und damit rund 58 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von Anfang September vergangenen Jahres.
Milliardenschwerer Auftragsbestand trifft auf Kapitalbedarf
Der Analyst Andy Yu von DBS bekräftigte am Montag seine Kaufempfehlung für Oracle mit einem Kursziel von 310 US-Dollar und verwies dabei auf den nach eigenen Angaben rekordhohen Auftragsbestand von 638 Milliarden Dollar im Cloud- und KI-Infrastrukturgeschäft.
Diese Größenordnung gilt als zentrales Argument der Optimisten: Oracle habe sich als gefragter Partner für Rechenzentrumskapazitäten etabliert, die Nachfrage übersteige derzeit die verfügbaren Ressourcen deutlich.
Um diesen Auftragsbestand überhaupt abarbeiten zu können, muss der Konzern jedoch massiv investieren. Bereits im Juni hatte Oracle im Rahmen der Zahlen zum vierten Geschäftsquartal ein Umsatzziel von 90 Milliarden Dollar für das Geschäftsjahr 2027 sowie eine Prognose von 8,05 Dollar beim bereinigten Gewinn je Aktie ausgegeben.
Um die dafür nötige Infrastruktur zu finanzieren, plant Oracle, rund 40 Milliarden Dollar an frischem Kapital aufzunehmen – ein Betrag, der die Diskussion um die Verschuldung zusätzlich befeuert.
Ratingagentur und Investor Burry mit Kritik
Bereits im Juli hatte S&P Global Ratings das langfristige Emittentenrating von Oracle von BBB auf BBB- gesenkt, nur eine Stufe über spekulativem Niveau. Als Begründung nannte die Agentur einen deutlich negativen freien Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar im vergangenen Geschäftsjahr, verursacht durch die massiven Investitionsausgaben in KI-Infrastruktur.
Verschärft wird das Bild durch den Investor Michael Burry, der Mitte August eine Short-Position gegen Oracle offenlegte, eingegangen bei rund 144,63 Dollar. Burry argumentiert, das Unternehmen weise Gewinne zu hoch aus, weil es Grafikprozessoren zu langsam abschreibe, und trage durch bilanzunwirksame Leasingverpflichtungen ein überhöhtes Verschuldungsrisiko.
Diese Kritik trifft auf einen Konzern, der zugleich operativ expandiert: Erst am 17. August kaufte sich das Investmenthaus Roman Butler Fullerton mit gut 15.300 Aktien im Wert von rund zwei Millionen Dollar neu ein – ein Zeichen, dass institutionelle Anleger trotz der Debatte weiterhin Positionen aufbauen.
Operatives Wachstum in mehreren Sparten
Parallel zur Finanzdiskussion treibt Oracle sein Produktportfolio voran. Vergangene Woche kündigte die Gesundheitssparte Oracle Health neue Funktionen für ihren Clinical AI Agent an, darunter automatisierte Abrechnungscodierung und KI-gestützte Zusammenfassungen von Patientenakten, um den Dokumentationsaufwand für Ärzte zu senken.
Zuvor hatte Oracle Health bereits ein KI-gestütztes Patientenportal vorgestellt, das auf Basis von OpenAI-Modellen medizinischen Fachjargon in verständliche Sprache übersetzt.
Im Infrastrukturgeschäft weitete Oracle zudem die Zusammenarbeit mit Amazon Web Services aus: Der Exadata Database Service ist nun über 22 AWS-Regionen hinweg verfügbar. Mit dem Quantencomputer-Spezialisten Quantinuum ging Oracle zudem eine mehrjährige Partnerschaft ein, um dessen Rechner „Helios“ in die eigene Cloud-Infrastruktur zu integrieren – ein Vorstoß in Richtung hybrider Quanten-KI-Anwendungen.
Für Anleger bleibt die Aktie damit ein Abwägungsspiel zwischen enormem Wachstumspotenzial im KI-Geschäft und einer zunehmend angespannten Kapitalstruktur, die sich in der jüngsten Kursschwäche niederschlägt.
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