Oracle steht vor einem der meistbeachteten Quartalsberichte des Jahres. Der Softwarekonzern legt seine Zahlen zum ersten Geschäftsquartal 2027 heute nach Börsenschluss vor – und Anleger erwarten eine der größten Kursbewegungen seit Langem. Der Optionsmarkt preist eine Schwankung von rund 11 bis 12 Prozent in beide Richtungen ein.
Im Zentrum der Erwartungen steht der Auftragsbestand (RPO), der zum Ende des vergangenen Geschäftsjahres bei 638 Milliarden US-Dollar lag – ein Plus von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Getrieben wird dieser Sprung maßgeblich von der Cloud-Infrastruktur-Sparte, deren Wachstum sich in den vier Quartalen des Geschäftsjahres 2026 von 55 über 68 und 84 auf zuletzt 93 Prozent beschleunigte.
Für das anstehende Quartal erwartet der Konsens einen Umsatz von 19,13 Milliarden US-Dollar, ein Plus von rund 28 Prozent, sowie einen Gewinn je Aktie von 1,73 bis 1,74 US-Dollar. Das Management selbst hatte für das Geschäftsjahr ein Umsatzwachstum von 27 bis 29 Prozent sowie ein Cloud-Wachstum von 58 bis 64 Prozent in Aussicht gestellt.
Der Free-Cashflow bleibt der Knackpunkt
So beeindruckend die Wachstumszahlen wirken, so belastend fällt die Kehrseite aus: Um das Cloud-Geschäft aufzubauen, hat Oracle seine Investitionsausgaben im vergangenen Geschäftsjahr um 162 Prozent auf 55,7 Milliarden US-Dollar hochgefahren.
Der freie Cashflow rutschte dadurch auf minus 23,7 Milliarden US-Dollar ab, trotz eines operativen Cashflows von 32 Milliarden US-Dollar. Für das laufende Geschäftsjahr wird mit Investitionsausgaben von bis zu 95 Milliarden US-Dollar gerechnet, während Kundenrückzahlungen von bis zu 25 Milliarden US-Dollar anstehen.
Eine geplante Kapitalerhöhung von 40 Milliarden US-Dollar im Geschäftsjahr 2027 soll die Finanzierungslücke schließen. Die Frage, die der heutige Bericht beantworten muss, lautet damit: Kann Oracle zeigen, dass der gewaltige Auftragsbestand sich tatsächlich in Cashflow verwandelt – oder bleibt das Wachstum vorerst teuer erkauft?
Analysten bewerten die Ausgangslage unterschiedlich optimistisch. Morgan Stanley erhöhte sein Kursziel jüngst auf 210 US-Dollar und bestätigte eine neutrale Einstufung, während Guggenheim mit 400 US-Dollar deutlich optimistischer bleibt; der Marktkonsens liegt bei etwa 242 US-Dollar.
Stützung erhält die Aktie zudem durch den milliardenschweren Cloud-Deal mit OpenAI im Volumen von rund 300 Milliarden US-Dollar über fünf Jahre sowie durch Spekulationen rund um das kommende KI-Modell GPT-6 Astra, das die Nachfrage nach Oracles Cloud-Infrastruktur weiter befeuern könnte.
Kursverlauf zeigt Erholung nach starkem Rückgang
Am deutschen Handelsplatz schloss die Aktie am Montag bei 138,40 Euro, nach einem Plus von 1,2 Prozent auf Tagesbasis. Auf Wochensicht steht ein Anstieg von 14 Prozent zu Buche – ein Zeichen dafür, dass Anleger vor dem Zahlenwerk bereits Positionen aufgebaut haben.
Der Blick auf die längere Frist relativiert die jüngste Erholung allerdings: Seit Jahresbeginn liegt das Papier weiterhin 17 Prozent im Minus, auf Zwölfmonatssicht sogar 32 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 294,85 Euro, erreicht im September vergangenen Jahres, trennen die Aktie derzeit 53 Prozent.
Dass ein Rückschlag dieser Größenordnung historisch nicht ungewöhnlich, aber auch nicht harmlos ist, zeigt ein Vergleich mit dem Platzen der Dotcom-Blase: Damals verlor Oracle rund 83 Prozent und benötigte über ein Jahrzehnt, um das alte Hoch zurückzuerobern. Das damalige Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 100 steht heute einem Wert von rund 20 gegenüber, gemessen an der Gewinnprognose von 8,05 US-Dollar je Aktie für das laufende Geschäftsjahr – ein Hinweis darauf, dass die Bewertung diesmal deutlich moderater ausfällt. Ob das reicht, um Anleger von der Cashflow-Wende zu überzeugen, entscheidet sich mit den heutigen Zahlen.
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