Reuters berichtete am Dienstag, dass Oracle einem Verlust seines Investment-Grade-Ratings nahekommt. Auslöser ist eine beispiellose Investitionsoffensive in KI-Infrastruktur: Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2026 türmte sich ein negativer freier Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar auf. Die Gesamtverschuldung des Softwarekonzerns kletterte demnach auf 134 Milliarden Dollar.
Für Anleger ist das ein Warnsignal. Eine Rückstufung in den Ramschbereich würde Oracles Finanzierungskosten spürbar erhöhen – ausgerechnet in einer Phase, in der der Konzern mehr Kapital denn je für Rechenzentren und Chips benötigt.
Der Druck spiegelt sich bereits im Kursverlauf. Die Aktie schloss am Mittwoch bei 125,04 Euro, ein Minus von 1,06 Prozent gegenüber dem Vortag. Auf Zwölfmonatssicht steht ein Rückgang von 43,16 Prozent zu Buche, ein Abbild der wachsenden Zweifel an der Finanzierbarkeit der KI-Wette.
Kapitalbedarf treibt Verkaufsgerüchte
Die jährlichen KI-bezogenen Investitionsausgaben belaufen sich inzwischen auf 55,66 Milliarden Dollar. Um diese Summe zu stemmen, verdichten sich am heutigen Donnerstag Medienberichte, wonach Oracle einen Verkauf seiner Gesundheitssparte Oracle Health prüft, dem früheren Cerner-Geschäft. Bestätigt ist ein solcher Schritt bislang nicht, die Spekulationen unterstreichen aber den Druck, frisches Kapital zu mobilisieren.
Stellenabbau trifft auf Wachstumskurs
Bereits am 24. Juli hatten Medienberichte einen Stellenabbau von rund 21.000 Mitarbeitern bekannt gemacht, das entspricht 13 Prozent der weltweiten Belegschaft. Oracle bündelt die freigesetzten Mittel offenbar in das KI-Rechenzentrumsprojekt „Project Stargate“.
Das operative Geschäft wächst dennoch kräftig. Im Bericht zum Geschäftsjahr 2026 vom 10. Juni wies Oracle einen Gesamtumsatz von 67,36 Milliarden Dollar aus, der Cloud-Umsatz legte um 47 Prozent auf 9,9 Milliarden Dollar zu.
Besonders auffällig ist der Auftragsbestand: Die Remaining Performance Obligations erreichten 638 Milliarden Dollar, ein Rekordwert, der die langfristige Nachfrage nach Cloud-Kapazitäten unterstreicht und erklärt, warum Oracle trotz der Schuldenlast an seinem Ausbaukurs festhält.
Strategisch untermauert wird das durch eine am 30. Juli vereinbarte Partnerschaft mit Google Cloud, über die Gemini-Modelle in Oracle-Unternehmensanwendungen integriert werden sollen. Bei Kleinkunden zieht Oracle dagegen die Zügel an: Ab dem 18. August begrenzt der Konzern sein kostenloses „Always Free“-Kontingent in der Oracle Cloud Infrastructure auf 2 OCPUs und 12 Gigabyte Arbeitsspeicher pro ARM-Instanz.
Insider verkaufen, Analysten uneins
Pflichtmitteilungen zeigen, dass Oracle-Insider in den vergangenen zwölf Monaten Aktien im Wert von 45 Millionen Dollar abgaben, darunter ein Verkauf des unabhängigen Direktors Jeffrey Berg über 14 Millionen Dollar zu einem Kurs von 284 Dollar. Zukäufe aus dem Kreis der Insider gab es im selben Zeitraum keine.
An der Wall Street bleibt das Bild gespalten. Analyst Jake Blumenthal nannte am Montag auf Seeking Alpha ein Kursziel von 175 US-Dollar und verwies auf einen um 362 Prozent gestiegenen Cloud-Auftragsbestand im Jahresvergleich. Ende Juli hatte der Analystenkonsens noch eine Kaufempfehlung mit einem oberen Kursziel von 400 US-Dollar ausgegeben, also deutlich vor der jüngsten Verschärfung der Rating-Diskussion.
Der Widerspruch zwischen robustem Cloud-Wachstum und wachsender Schuldenlast dürfte die Aktie vorerst volatil halten. Anleger richten den Blick nun darauf, ob Oracle seine Kapitalstruktur stabilisieren kann, ohne unter Zeitdruck Vermögenswerte verkaufen zu müssen.
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