Ausgangslage
OHB SE ist seit gestern offiziell Mitglied des SDAX. Der Indexanbieter STOXX hatte die außerplanmäßige Aufnahme mit Wirkung zum 13. August angekündigt, das Bremer Raumfahrt- und Rüstungsunternehmen ersetzt Klöckner & Co.
Vorstandsvorsitzender Marco Fuchs bezeichnete den Schritt als wichtigen Meilenstein und verwies auf die zunehmende Bedeutung der europäischen Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie für das Unternehmen. Eine Aufnahme in den TecDAX wird nach der nächsten regulären Indexüberprüfung im September erwartet – ein Automatismus ist das nicht, sondern hängt vom Ausgang der turnusmäßigen Prüfung ab.
Der Zeitpunkt ist deshalb bemerkenswert, weil er auf frische Geschäftszahlen trifft. Anfang der Woche hatte OHB seine Halbjahreszahlen vorgelegt: Die Gesamtleistung stieg im ersten Halbjahr auf 627,9 Millionen Euro, ein Plus von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das bereinigte EBITDA legte um 31 Prozent auf 60,4 Millionen Euro zu, das bereinigte EBIT sogar um 46 Prozent auf 38,9 Millionen Euro.
Der Auftragsbestand wuchs auf 3.304 Millionen Euro von zuvor 3.067 Millionen Euro. Der Konzern bestätigte zugleich seine Jahresprognose mit einer bereinigten EBITDA-Marge von 10,5 bis 11,0 Prozent bei einer erwarteten Gesamtleistung von rund 1,4 Milliarden Euro.
Die entscheidende Frage
Für Anleger läuft die Bewertung der Aktie derzeit auf eine zentrale Frage hinaus: Reicht die operative Profitabilität aus, um das Bewertungsniveau nach der jüngsten Kursrally zu rechtfertigen, oder ist der SDAX-Effekt bereits eingepreist?
Das Papier hat seit Jahresbeginn 121 Prozent zugelegt, auf Sicht von zwölf Monaten sogar 270 Prozent. Gleichzeitig notiert die Aktie rund 62 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 688,00 Euro, das im Mai erreicht wurde.
Diese Diskrepanz zeigt, dass der Markt zwischenzeitlich deutlich optimistischere Erwartungen eingepreist hatte, als die aktuellen Zahlen hergeben. Ob die Margenexpansion aus dem ersten Halbjahr im zweiten Halbjahr anhält, dürfte darüber entscheiden, ob sich der Kurs stabilisiert oder erneut volatil nach unten korrigiert.
Bullisches Szenario
Für die optimistische Sichtweise spricht die Kombination aus struktureller Nachfrage und belastbarer Auftragslage. Die Deutsche Bank initiierte Anfang August die Coverage mit einem Kaufvotum und einem Kursziel von 275 Euro und verwies dabei auf staatliche Investitionspläne: Deutschland will nach Angaben der Bank in den kommenden fünf Jahren rund 35 Milliarden Euro in verteidigungsbezogene Raumfahrtausgaben stecken.
Trifft dieser Ausbau wie skizziert ein, profitiert OHB als etablierter Auftragnehmer überproportional. Der gewachsene Auftragsbestand von gut 3,3 Milliarden Euro liefert dafür bereits eine Basis, die über mehrere Jahre Umsatzsichtbarkeit verschafft.
Die Aufnahme in den SDAX erhöht zudem die Sichtbarkeit bei institutionellen Investoren, was mittelfristig zusätzliche Nachfrage nach der Aktie erzeugen könnte, sollte im September auch der Sprung in den TecDAX gelingen.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in der Diskrepanz zwischen Kurs und operativer Realität. Die Aktie hat sich seit dem Mai-Hoch mehr als halbiert, was zeigt, wie schnell Stimmungsumschwünge bei diesem volatilen Titel wirken können – die 30-Tage-Volatilität liegt bei 52 Prozent.
Ein konkreter operativer Dämpfer kam zuletzt von der Beteiligung Rocket Factory Augsburg: Der erste Testflug der Trägerrakete verzögerte sich laut Medienberichten erneut, nachdem Tank-Probleme aufgetreten waren und die Rakete zur Inspektion vom Startpad entfernt werden musste.
Sollte sich diese Verzögerung weiter hinziehen oder technische Rückschläge häufen, könnte dies die Wachstumsstory im Raumfahrtsegment belasten, auch wenn die Beteiligung nicht das Kerngeschäft ausmacht. Zudem bleibt die 2026er-Guidance mit einer Marge von 10,5 bis 11,0 Prozent moderat – jede Verschlechterung im zweiten Halbjahr würde die aktuelle Bewertung schnell infrage stellen.
Ausblick
Solange OHB die im ersten Halbjahr gezeigte Ertragsdynamik in den kommenden Quartalen bestätigt und der Auftragsbestand weiter wächst, bleibt das strukturelle Argument für die Aktie intakt. Kippt hingegen die Margenentwicklung im zweiten Halbjahr oder verzögert sich die Aufnahme in den TecDAX über September hinaus, dürfte der Markt die jüngste Neubewertung kritisch hinterfragen.
Der nächste konkrete Prüfstein ist die reguläre Indexüberprüfung im September, die über den möglichen TecDAX-Aufstieg entscheidet. Bis dahin bleibt der Titel ein Fall für Anleger, die die Volatilität eines Übernahmekandidaten für institutionelles Kapital aushalten können.
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