Ein Konzern meldet Rekord-Auftragsbestand, bekräftigt seine Jahresprognose und sammelt technologische Meilensteine wie im Vorbeigehen – und die Aktie fällt trotzdem weiter. Für mich ist genau diese Diskrepanz die eigentliche Geschichte bei OHB derzeit, nicht die einzelnen Meldungen selbst.
Am 5. August legte OHB die Zahlen für das zweite Quartal und das erste Halbjahr 2026 vor. Die Investorenzusammenfassung, die Ende August zirkulierte, weist ein Umsatzwachstum von 11 Prozent aus, ein um 31 Prozent höheres bereinigtes EBITDA und einen Auftragsbestand von 3,3 Milliarden Euro – ein Rekordwert.
Wenige Tage später, am 6. August, bestätigte das Unternehmen seine Jahresprognose: rund 1,4 Milliarden Euro Gesamtleistung und eine bereinigte EBITDA-Marge zwischen 10,5 und 11,0 Prozent. Das ist keine Gewinnwarnung, keine Kurskorrektur nach unten – im Gegenteil, es ist ein Bekenntnis zu Wachstum bei gleichzeitig verbesserter Profitabilität.
Operatives Momentum trifft auf Marktskepsis
Parallel dazu häufen sich die operativen Fortschritte. Die Tochter Rocket Factory Augsburg unterzeichnete im Rahmen der European Launcher Challenge einen Vertrag mit der ESA, der planmäßig bis Mitte 2029 läuft – ein langfristiger Ankerauftrag für die europäische Trägerraketen-Ambition des Konzerns.
Die Tochter LuxSpace bringt ihren Technologiedemonstrator ATHENE-1 zum Startplatz Vandenberg, der Start ist für Anfang Oktober im Rahmen einer SpaceX-Transporter-Mission vorgesehen.
Und im ISS-Forschungsprojekt EasyMotion-2 hat die ESA-Astronautin Sophie Adenot das mit einem OHB-Anzug qualifizierte Experiment an Bord der Raumstation begonnen. Drei völlig unterschiedliche Geschäftsbereiche – Trägerraketen, Kleinsatelliten, bemannte Raumfahrttechnik – liefern in kurzer Zeit greifbare Fortschritte.
Auch die Analystenseite bestätigt diese Lesart, wenn auch mit einer gewissen zeitlichen Distanz mittlerweile: ODDO BHF hatte OHB mit „Outperform“ und einem Kursziel von 290 Euro versehen. Das war eine deutlich konstruktivere Einschätzung, als der aktuelle Kurs sie widerspiegelt.
Der Widerspruch zwischen Fundamentaldaten und Kursverlauf
Und trotzdem: Der Kurs schloss gestern bei 188,80 Euro, ein Minus von 3,0 Prozent auf Tagesbasis. Über sieben Handelstage summiert sich der Rückgang auf 15 Prozent, über 30 Tage auf 18 Prozent. Das ist kein Ausrutscher, das ist eine anhaltende Verkaufswelle, die sich durch positive Unternehmensnachrichten bislang nicht hat stoppen lassen.
Für mich spricht das dafür, dass der Ausverkauf technischer und sentimentgetriebener Natur ist, nicht fundamental begründet. Ein Rekord-Auftragsbestand von 3,3 Milliarden Euro und eine bestätigte Marge von über 10 Prozent passen schlicht nicht zu einem Kursverfall dieser Größenordnung.
Die Aufnahme in den SDAX vor rund zwei Wochen hat daran nichts geändert, ebenso wenig wie der PRISMA-Auftrag der italienischen Tochter vor rund einem Monat – beide Ereignisse waren als Kurstreiber offenbar zu schwach, um gegen die Verkaufsdynamik anzukommen.
Das birgt ein Risiko: Wenn selbst harte operative Fakten den Abwärtstrend nicht bremsen, könnte die Marktstimmung strukturellere Sorgen widerspiegeln, die sich nicht allein aus den vorliegenden Zahlen erklären – etwa Zweifel an der Kapitalintensität der Raumfahrtambitionen oder an der Bewertung nach der extremen Kursrallye der vergangenen zwölf Monate. Wer OHB rein nach den operativen Kennziffern beurteilt, sieht ein Unternehmen auf Kurs. Wer dem Markt folgt, sieht ein Papier im freien Fall.
Unterm Strich überwiegen für mich die fundamentalen Argumente: Auftragsbestand, Margenentwicklung und die Diversifikation über mehrere Raumfahrtsegmente hinweg sprechen für Substanz. Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob OHB operativ liefert – das tut der Konzern gerade eindrucksvoll –, sondern wann diese Substanz sich wieder im Kurs niederschlägt.
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