Die OHB-Aktie notiert bei 242,50 Euro. Das liegt nur 0,46 Prozent über der 200-Tage-Linie bei 241,40 Euro. Nach einem historischen Kursanstieg und einer heftigen Korrektur steht der Bremer Raumfahrt- und Rüstungszulieferer an einem technischen Wendepunkt. Die Frage: Ist die Talsohle erreicht, oder geht die Talfahrt weiter?
Ausgangslage: Kapitalerhöhung drückt auf den Kurs
Auslöser der Schwäche ist eine Kapitalerhöhung, die OHB im Juni und Juli 2026 abgeschlossen hat. Das Unternehmen gab neue Aktien zum Bezugspreis von 300 Euro aus. Aus beiden Tranchen flossen OHB rund 484 Millionen Euro brutto zu.
Ein substanzieller Teil der neuen Aktien wurde am Markt platziert. Zugleich hat Finanzinvestor KKR kräftig Kasse gemacht und Bestände verkauft. Der Kurs bewegt sich seither deutlich unter dem Platzierungspreis von 300 Euro. Das gilt als Signal, dass der Markt das größere Aktienangebot noch nicht vollständig verdaut hat.
Ende Juli kam ein weiterer Aspekt hinzu. Verteidigungsminister Boris Pistorius prüft den Ausbau von Startmöglichkeiten für Trägerraketen. OHB begrüßt das Vorhaben, eine Entscheidung steht aber noch aus.
Die entscheidende Frage: Hält die 200-Tage-Linie?
Der Kurs notiert praktisch exakt auf dem 200-Tage-Durchschnitt. Der 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 361,75 Euro, der 100-Tage-Durchschnitt bei 325,05 Euro – beide deutlich darüber. Das zeichnet das klassische Bild einer mittelfristigen Korrektur innerhalb eines langfristig intakten Aufwärtstrends.
Der RSI liegt bei 34,4. Das signalisiert eine überverkaufte Aktie, ohne bereits im extremen Bereich zu liegen. Entscheidend für die kommenden Wochen wird sein, ob die 200-Tage-Linie als Unterstützung hält. Ein Bruch nach unten wäre das nächste Warnsignal, nachdem die Aktie bereits deutlich vom 52-Wochen-Hoch bei 688,00 Euro zurückgekommen ist.
Bullisches Szenario: Auftragsdynamik trägt
Für eine Stabilisierung spricht zunächst die fundamentale Auftragslage. Ein stark gestiegener Auftragsbestand und die Aussicht auf weitere Weltraum-Defense-Großprojekte haben die Aktie seit Jahresbeginn kräftig nach oben getrieben.
Operativ bleibt OHB im europäischen Sicherheits- und Verteidigungssektor breit aufgestellt. Als Teil des SpaceRISE-Konsortiums liefert das Unternehmen Komponenten für den Konzessionsvertrag von IRIS² – ein Programm mit langfristig laufenden Umsätzen. Zusätzlich hat OHB im Rahmen der Argonaut-Mondlandeinitiative eine Kooperation mit MDA Space für autonome Mondlandungen angekündigt. Das unterstreicht ein Wachstumsprofil, das über klassische Satellitensysteme hinausgeht.
Die Jahresperformance bleibt trotz der Korrektur außergewöhnlich hoch. Seit Jahresanfang steht die Aktie mit 107,26 Prozent im Plus, auf Zwölf-Monats-Sicht sogar mit 238,69 Prozent. Etabliert sich der Kurs nach der Verwässerung wieder oberhalb des 100- und 50-Tage-Durchschnitts, ließe sich das als Bestätigung des fortgesetzten Aufwärtstrends werten.
Bärisches Szenario: Überangebot lastet weiter
Das Risiko liegt im noch nicht abgebauten Angebotsüberhang. Der Rückgang unter den Platzierungspreis von 300 Euro gilt als Warnsignal. Er deutet darauf hin, dass sich für die neuen Aktien offenbar nicht genug langfristig orientierte Käufer gefunden haben.
Bestätigt sich diese Lesart, könnte weiterer Verkaufsdruck aus institutionellen Beständen die Aktie belasten. Hinzu kommt eine extrem hohe annualisierte 30-Tage-Volatilität von 73,19 Prozent. Das deutet auf anhaltend nervöse Kursausschläge in beide Richtungen hin.
Der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt beträgt minus 32,97 Prozent. Das zeigt, wie weit sich der kurzfristige Trend bereits vom mittelfristigen Bild entfernt hat. Ein solches Muster markiert bei überhitzten Wachstumswerten oft noch nicht das Ende der Korrektur. Auch die geprüfte Startplatz-Initiative von Pistorius bleibt ein reiner Prüfvorgang, ohne gesicherten Auftragswert für OHB.
Ausblick: Die 200-Tage-Linie bleibt der Prüfstein
Solange sich der Kurs um die 200-Tage-Linie bei 241,40 Euro hält und keine erneute Verkaufswelle unter den bisherigen 52-Wochen-Bereich einsetzt, spricht mehr für eine Stabilisierungsphase. Diese würde die kapitalmarkttechnisch bedingte Korrektur allmählich auslaufen lassen.
Rutscht die Aktie dagegen nachhaltig unter diese Marke, dürfte der Weg zurück in Richtung der bisherigen Tiefststände offenbleiben. Die weiterhin hohe Volatilität macht schnelle Bewegungen in beide Richtungen wahrscheinlich. Als nächster konkreter Prüfstein gilt der für das dritte Quartal 2026 erwartete Zwischenbericht. Er dürfte erstmals vollständig zeigen, wie sich die Kapitalerhöhung auf die operativen Kennzahlen von OHB auswirkt.
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