Frisches Kapital, gedrückter Kurs. OHB hat sich fast eine halbe Milliarde Euro besorgt, um in Fabriken, Zukäufe und Raketentechnik zu investieren. Die Börse quittiert das mit Skepsis: Die Aktie notiert bei 234,50 Euro und damit 16,25 Prozent unter dem Niveau vor 30 Tagen.
Kapitalerhöhung drückt auf die Zahlen
Der Raumfahrtkonzern hat neue Aktien zu je 300 Euro ausgegeben und brutto rund 484 Millionen Euro eingesammelt. Das Geld soll in Produktionsanlagen, M&A-Deals und die Raketenentwicklung fließen. Wer heute kauft, zahlt allerdings deutlich weniger als die Käufer der Kapitalerhöhung.
Die Halbjahreszahlen 2026 zeigen ein gespaltenes Bild. Die Gesamtleistung wuchs um 11 Prozent auf 627,9 Millionen Euro, das bereinigte EBITDA legte sogar um 31 Prozent auf 60,4 Millionen Euro zu. Unter dem Strich blieb trotzdem weniger übrig: Der Nettogewinn fiel von 11,5 Millionen Euro im Vorjahr auf nur noch 4,8 Millionen Euro.
Der Grund liegt in Einmalkosten von 22,4 Millionen Euro. Der Großteil davon sind Transaktionskosten der Kapitalmaßnahme selbst. Operativ läuft das Geschäft also besser, als es die Gewinnzahl zeigt.
Die entscheidende Frage: Wird aus Auftragsbestand auch Gewinn?
Für Investoren zählt jetzt nur eine Frage. Kann OHB das frische Kapital zügig in nachhaltige Nettorentabilität verwandeln, ohne dass neue Sondereffekte oder Projektverzögerungen dazwischenfunken?
Ein struktureller Weichensteller dafür ist der IRIS²-Großauftrag. Der Vertragsschluss wird für das zweite Halbjahr 2026 erwartet. Gelingt der Deal, könnte er zeigen, wie sich der Rekord-Auftragsbestand tatsächlich in profitables Wachstum übersetzen lässt.
Bullisches Szenario: Volle Auftragsbücher
Für die Wachstumsstory spricht vor allem die Auftragslage. Zum 30. Juni 2026 stand ein Auftragsbestand von 3,304 Milliarden Euro in den Büchern, nach 3,067 Milliarden Euro im Vorjahr.
Hinzu kommen strategische Partnerschaften mit Gewicht. OHB kooperiert mit Rheinmetall an einer geschützten europäischen Kommunikationsarchitektur und hat mit Helsing das Joint Venture KIRK für weltraumgestützte Aufklärung gegründet. Die NuWays AG bestätigte zuletzt ihr „Buy“-Rating für die Aktie.
Sollte der IRIS²-Vertrag wie erwartet unterschrieben werden und OHB sich am SATCOMBw4-Projekt beteiligen, könnte das neue Kursfantasie liefern. Die langfristige Bilanz bleibt ohnehin beeindruckend: Seit Jahresanfang steht ein Plus von über 100 Prozent zu Buche.
Bärisches Szenario: Verzögerungen als Risikofaktor
Das größte Risiko bleibt der Zeitplan komplexer Raumfahrtprojekte. Der Erstflug der RFA-Rakete von Rocket Factory Augsburg hat sich bereits verschoben, ein Start noch 2026 gilt aber weiterhin als Ziel.
Operativ belastet zudem die Verwässerung durch die Kapitalerhöhung. Die Margen bleiben vorerst gedrückt. Charttechnisch zeigt sich das im Kursverlauf: Die Aktie notiert 65,92 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 688,00 Euro vom Mai 2026 und liegt auch klar unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt.
Der RSI von 38,7 deutet zwar auf eine beginnende Stabilisierung hin. Die annualisierte Volatilität von knapp 58 Prozent zeigt aber, wie nervös der Markt die Aktie aktuell einpreist. Bleibt die Bestätigung für IRIS² aus oder fallen weitere Sonderkosten an, dürfte der Druck auf den Kurs anhalten – auch wenn ein Rückfall auf das 52-Wochen-Tief von 64,00 Euro angesichts einer Marktkapitalisierung von 5,16 Milliarden Euro derzeit fern liegt.
Ausblick: Zweites Halbjahr wird zum Test
Die kurzfristige Richtung hängt an operativen Meilensteinen im zweiten Halbjahr. Entscheidend sind Fortschritte beim IRIS²-Projekt und der geplante RFA-Raketenstart.
Solange die Aktie unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 247,60 Euro bleibt, spricht vieles für anhaltende Konsolidierung. Ein nachhaltiges Überschreiten dieser Marke könnte dagegen ein erstes Signal für eine Bodenbildung sein.
Das Management hat die Jahresprognose für die bereinigte EBITDA-Marge im zweistelligen Prozentbereich bestätigt. Ob sich diese Stabilität in den operativen Margen niederschlägt, dürfte sich an den detaillierteren Daten zum Geschäftsverlauf im Herbst ablesen lassen – sofern nicht schon vorher Ad-hoc-Meldungen zu den erwarteten Großaufträgen für Bewegung sorgen.
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