Wer nur auf die Geschäftszahlen von OHB SE blickt, sieht ein Unternehmen im Aufwind. Wer auf den Aktienkurs schaut, sieht das Gegenteil. Diese Diskrepanz ist für mich der eigentliche Kern der aktuellen Lage bei dem Bremer Raumfahrt- und Rüstungskonzern.
Operatives Wachstum auf breiter Front
Am Donnerstag legte OHB seine Zahlen für das erste Halbjahr 2026 vor. Der Umsatz kletterte laut Unternehmensangaben auf 627,9 Millionen Euro, ein Plus von elf Prozent gegenüber den 563,5 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Deutlich dynamischer entwickelte sich die Ertragsseite: Das bereinigte EBITDA stieg um 31 Prozent auf 60,4 Millionen Euro, das bereinigte EBIT sogar um 46 Prozent auf 38,9 Millionen Euro. Der Auftragsbestand wuchs auf 3.304 Millionen Euro, nach 3.067 Millionen Euro ein Jahr zuvor. Das Management bestätigte seine Jahresprognose von 1,4 Milliarden Euro Gesamtleistung bei einer bereinigten EBITDA-Marge zwischen 10,5 und 11 Prozent – und untermauerte das mittelfristige Ziel, die Gesamtleistung auf über vier Milliarden Euro zu steigern, verbunden mit einer Marge von rund 13 Prozent. Das sind Zahlen, die für mich klar für ein Unternehmen sprechen, das seine Wachstumsstory operativ liefert, nicht nur ankündigt.
Bilanz nach Kapitalerhöhung deutlich robuster
Ein zweiter, oft unterschätzter Baustein ist die Bilanzstärke. Nach der im Juni abgeschlossenen Kapitalerhöhung über 484 Millionen Euro, bei der 1.613.023 neue Aktien ausgegeben wurden, stieg die Eigenkapitalquote von 27,5 Prozent zum Jahresende 2025 auf 43,3 Prozent zur Jahresmitte 2026. Die Bilanzsumme wuchs parallel um 35 Prozent auf 2.113,5 Milliarden Euro Wert – korrekt: 2.113,5 Millionen Euro. Die Eigentümerstruktur blieb dabei stabil: Die Fuchs-Familie hält weiterhin die Mehrheit mit 60,3 Prozent, der Finanzinvestor KKR über seine Orchid Lux HoldCo 19,7 Prozent, der Streubesitz liegt ebenfalls bei 19,7 Prozent. Für mich ist das ein wichtiger Punkt: OHB hat sich finanziell Luft verschafft, um die milliardenschweren Aufträge der kommenden Jahre auch tatsächlich abarbeiten zu können, ohne die Bilanz zu überdehnen.
Aufträge und Partnerschaften mehren sich
Auf der Auftragsseite lief es zuletzt ebenfalls rund. Ende Juli vergab die italienische Raumfahrtagentur ASI den Auftrag für die Erdbeobachtungsmission PRISMA Second Generation an OHB Italia, die als Hauptauftragnehmer die Systemintegration verantwortet – Start ist für Ende 2031 vorgesehen. Bei der Mondmission Argonaut setzt OHB zudem auf Technologie von MDA Space für autonome Landungen. Mitte Juli besuchte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius den Standort in Bremen, wo OHB gemeinsam mit der European Spaceport Company Pläne zum Ausbau von Startmöglichkeiten für Trägerraketen vorstellte. Im Hintergrund steht außerdem das im Juni gegründete Joint Venture mit Rheinmetall, das laut Handelsblatt auf einen milliardenschweren Bundeswehr-Auftrag für ein militärisches Satellitennetzwerk zielt und vom Bundeskartellamt bereits genehmigt wurde.
Warum der Kurs trotzdem schwächelt
Und trotzdem: Der Kurs schloss am Freitag bei 233,50 Euro, nach einem Rückgang von 16,61 Prozent innerhalb von 30 Tagen. Der RSI von 38,4 signalisiert eine überverkaufte Aktie, die technisch angeschlagen wirkt, obwohl die fundamentale Nachrichtenlage kaum besser sein könnte. Am 5. August initiierte die Deutsche Bank die Coverage mit einem „Buy“-Rating, weitere Analysehäuser starteten am selben Tag mit Kurszielen zwischen 250 und 360 Euro – Bewertungen, die allesamt oberhalb des aktuellen Kursniveaus liegen. Für mich zeigt sich hier ein klassisches Muster nach einer sehr steilen Rally: Nach einem Kursplus von über 250 Prozent binnen zwölf Monaten reagiert der Markt auf gute Nachrichten zunächst mit Gewinnmitnahmen statt mit Anschlusskäufen. Die Verdünnung durch die Kapitalerhöhung dürfte diesen Effekt zusätzlich verstärkt haben.
Unterm Strich sehe ich bei OHB ein Unternehmen, dessen operative Substanz aktuell stärker wächst als sein Aktienkurs es widerspiegelt. Die Risiken – hohe Volatilität, eine noch unter dem Mittelfristziel liegende Marge, dichte Erwartungen der Analysten – sind real. Doch die Kombination aus Rekordauftragsbestand, gestärkter Bilanz und wachsendem Rüstungs- und Raumfahrtgeschäft spricht dafür, dass die aktuelle Kursschwäche eher eine Verdauungsphase als ein Bruch der Wachstumsstory ist.
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