Die neue Börsenwoche beginnt dort, wo die vergangene mit Turbulenzen endete: bei der Frage, wann sich die milliardenschweren Investitionen in künstliche Intelligenz tatsächlich auszahlen. Dazu gesellen sich am Montag neue geopolitische Spannungen, ein Warnsignal aus dem Kreditmarkt sowie der Auftakt der Quartalsberichtssaison.
Geopolitik treibt Ölpreis und Inflationssorgen
Am Wochenende flog das amerikanische Militär nach eigenen Angaben bereits zum vierten Mal binnen einer Woche Angriffe gegen den Iran und traf dabei rund 140 Ziele, darunter Luftabwehrstellungen, Küstenradar und Drohnenkapazitäten. Teheran antwortete mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Verbündete der USA am Golf. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht erneut die Straße von Hormus: Der Iran erklärte die Meerenge für geschlossen, Washington widersprach und betonte, die Passage bleibe für alle Schiffe offen.
Die Marktreaktion folgte prompt. Der Ölpreis zog am Montagmorgen in Asien um rund 4 Prozent an, die Sorte Brent notierte wieder oberhalb von 79 Dollar. Damit rückt ein Thema zurück ins Zentrum, das viele bereits abgehakt hatten: die Inflationssorge. Die Terminmärkte preisen inzwischen keine sinkenden, sondern steigende Zinsen ein – die sogenannten Swap-Märkte rechnen bis Dezember mit knapp 40 Basispunkten an Zinserhöhungen, was faktisch zwei Zinsschritten entspricht.
Zusätzliche Brisanz erhält die Lage dadurch, dass der neue Vorsitzende der US-Notenbank, Kevin Warsh, in dieser Woche erstmals vor dem US-Kongress aussagt – zunächst vor dem Repräsentantenhaus, dann vor dem Bankenausschuss des Senats. Warsh hatte zuletzt betont, die Preisrisiken seien in den vergangenen Wochen gesunken. Der steigende Ölpreis konterkariert diese Einschätzung nun und dürfte die Aufgabe der Notenbank, die Inflation auf 2 Prozent zurückzuführen, weiter erschweren.
Die Aktienmärkte in Asien reagierten am Montag deutlich negativ. Besonders betroffen war Südkorea: Der Leitindex Kospi verlor zeitweise fast 8 Prozent. Auslöser war unter anderem die Aktie von SK Hynix, die vergangene Woche ein viel beachtetes Zweitlisting an der Wall Street hingelegt hatte und nun massive Gewinnmitnahmen verzeichnete – in Seoul verlor der Titel rund 13 Prozent.
Im größeren Bild bleibt der bisherige Jahresverlauf an der Wall Street dennoch stark: Der S&P 500 liegt seit Jahresbeginn rund 11 Prozent im Plus, der Nasdaq sogar 13 Prozent. Doch bereits in der vergangenen Woche begann es strukturell zu knirschen – auch der Dow Jones, der zuvor mehrere Rekorde markiert hatte, beendete seine vierwöchige Gewinnserie. Vor dem Hintergrund eines hoch bewerteten Marktes genügt mitunter ein kleiner Anlass, um Gewinne mitzunehmen, und ein Aufflammen der Auseinandersetzung am Golf liefert einen solchen Anlass.
Berichtssaison: Zahlt sich der KI-Boom endlich aus?
Mit dem Start der Berichtssaison zum zweiten Quartal rückt eine entscheidende Frage in den Fokus: nicht ob die großen Technologiekonzerne Geld verdienen, sondern ob sich ihre gewaltigen Investitionen in künstliche Intelligenz nun tatsächlich auszahlen.
Die Dimensionen sind gewaltig. Goldman Sachs geht davon aus, dass Konzerne wie Amazon in diesem und den beiden kommenden Jahren zusammen über 800 Milliarden Dollar ausgeben könnten. Was bislang gefeiert wurde, weicht nun zunehmend der Unsicherheit – nicht weil die Konzerne schlecht wirtschaften, sondern weil der Beweis fehlt, dass aus diesem Geld auch entsprechende Umsätze und Gewinne entstehen. Microsoft und Meta notieren in diesem Jahr bislang sogar im Minus, auch wegen dieser Sorge.
Ein Teil der hohen Ausgaben ist zudem hausgemacht: Die Preise für Speicherchips und andere benötigte Technologien sind in den vergangenen Quartalen deutlich gestiegen. Micron hat für das dritte Quartal bereits höhere Preise angekündigt.
Warnsignal aus dem Kreditmarkt
Neben der reinen Ertragsfrage gibt es ein zweites, komplexeres Risiko, das derzeit gerne übersehen wird: Der Markt für Kreditausfallversicherungen, sogenannte Credit Default Swaps, zeigt seit Mitte Juni ein Muster, das historisch oft mit schwächeren Aktienkursen einherging – zuletzt im Herbst 2025.
Betroffen sind zwei Gruppen. Zum einen die großen Rechenzentrumsbetreiber: Bei Oracle stieg die Absicherungsprämie von rund 156 auf gut 190 Basispunkte, bei Meta wurde sogar ein neues Hoch erreicht. Zum anderen die Chip-Hersteller: Bei Nvidia kletterte die Prämie von rund 38 auf gut 54 Punkte, was einer eingepreisten Ausfallwahrscheinlichkeit von 4,6 Prozent über fünf Jahre entspricht – für das nach Börsenwert größte Unternehmen der Welt eine auffällig hohe Zahl. Bei AMD stieg die eingepreiste Ausfallwahrscheinlichkeit auf 4,4 Prozent, bei Broadcom sogar auf 6,6 Prozent.
Bemerkenswert dabei: Der breite Index für Unternehmen guter Bonität bewegt sich kaum. Die Sorge betrifft gezielt Rechenzentren und Chip-Lieferanten. Eine mögliche Deutung ist, dass der Kreditmarkt beginnt zu zweifeln, ob sich der aktuelle Investitionszyklus im bisherigen Tempo fortsetzen lässt. Sollten die Hyperscaler ihre Ausgaben drosseln, würden das die Zulieferer spüren. Analysten erwarten für die kommenden zwölf Monate bei Chip-Herstellern kräftig steigende Mittelzuflüsse, bei Hyperscalern dagegen sinkende – ein mögliches Nullsummenspiel.
Der Berichtskalender der Woche
Am Dienstag legen vor Handelsbeginn fünf Bankschwergewichte Zahlen vor. Bei JPMorgan liegt die Konsensschätzung bei rund 5,71 Dollar je Aktie bei einem Umsatz von 51,1 Milliarden Dollar; das Institut übertraf in sieben der vergangenen acht Quartale die Erwartungen. Bei Goldman Sachs wird mit 14,51 Dollar Gewinn je Aktie bei 16,4 Milliarden Dollar Umsatz gerechnet – der nominal höchste Gewinn im Sektor. Zudem berichten Bank of America, Citigroup und Wells Fargo, wobei Letztere im Fokus von Turnaround-Spekulationen steht. Für Citigroup raten einzelne Marktbeobachter zum Verkauf.
Am Mittwoch stehen Gesundheitswesen und Technologie im Fokus. Johnson & Johnson erwartet 2,86 Dollar Gewinn je Aktie bei rund 25 Milliarden Dollar Umsatz – der Konzern übertraf beim Umsatz acht Quartale in Folge, beim Gewinn sieben Mal die Erwartungen. Zudem berichten Morgan Stanley, BlackRock, United Airlines sowie – für europäische Anleger besonders relevant – der niederländische Chip-Ausrüster ASML.
Am Donnerstag folgen die am meisten erwarteten Berichte: Taiwan Semiconductor, wobei Marktbeobachter besonders auf Kapazitäten in der fortgeschrittenen Chipverkapselung, die Margen der neuen 2-Nanometer-Fertigung sowie die Nachfrageeinschätzung des Managements achten. Nach Handelsschluss folgt Netflix mit einer Konsensschätzung von 79 Cent Gewinn je Aktie bei knapp 12,6 Milliarden Dollar Umsatz. Wachstumstreiber ist die Werbung: Das werbefinanzierte Angebot hat weltweit die Marke von 250 Millionen aktiven Nutzern im Monat überschritten, die Werbeerlöse sollen sich in diesem Jahr auf rund 3 Milliarden Dollar verdoppeln. Zugleich steht der Konzern vor einem personellen Wandel, da Mitgründer Reed Hastings den Vorsitz im Verwaltungsrat aufgegeben hat. Die Aktie war zuletzt auf ihr Tief von Anfang März gefallen.
Zum Wochenschluss legen Truist Financial, Unternehmen aus der Aerospace-Branche, Abbott und der Krankenversicherer UnitedHealth Zahlen vor.
Intel: Comeback mit offenen Fragen
Intel galt lange als abgeschrieben und hatte über Jahre den Anschluss verloren. Seit Lip-Bu Tan im März 2025 den Vorstandsvorsitz übernahm, hat sich die Aktie vervierfacht. Ein Treiber war die Konjunktur: Der KI-Boom verlangt riesige Mengen klassischer Prozessoren, auf die Intel spezialisiert ist. Hinzu kam Unterstützung aus Washington – das Weiße Haus wandelte im vergangenen Jahr Fördermittel von rund 9 Milliarden Dollar in eine Beteiligung von 10 Prozent an Intel um, womit der Staat zum größten Einzelaktionär wurde. Nvidia investierte 5 Milliarden Dollar, Softbank 2 Milliarden, Google bestellte große Mengen an Intel-Prozessoren, und Präsident Trump kündigte an, dass Apple künftig Chips von Intel beziehen werde.
Operativ ist Intel jedoch noch nicht über den Berg. Das Foundry-Geschäft, die Auftragsfertigung, hat über die vergangenen vier Quartale einen operativen Verlust von über 10 Milliarden Dollar angehäuft. Im zuletzt berichteten Quartal stand trotz eines um 22 Prozent gestiegenen Umsatzes ein Verlust von 3,7 Milliarden Dollar unter dem Strich. Immerhin kehren echte Kunden zurück. Die politische Unterstützung bleibt dabei ein zweischneidiges Schwert: Gerät Intel erneut ins Straucheln, könnte das Interesse der Politik schnell schwinden.
Börsengang C-Square als KI-Stimmungstest
Diese Woche steht mit dem Börsengang von C-Square ein möglicher Stimmungstest für das Thema künstliche Intelligenz an. Das Unternehmen betreibt 64 Rechenzentren und will rund 50 Millionen Aktien zwischen 23 und 27 Dollar ausgeben. Am oberen Ende der Spanne ergäbe das eine Bewertung von 4,2 Milliarden Dollar. Hinter C-Square steht der Immobilien- und Finanzriese Brookfield. Profitabel ist das Unternehmen bislang nicht: Der Umsatz wuchs im ersten Quartal um 16 Prozent, gleichzeitig wies C-Square einen Nettoverlust von 66 Millionen Dollar aus.
Volkswagen: Verschärfter Konflikt um Werksschließungen
In Wolfsburg spitzt sich der Konflikt um die Zukunft des Konzerns weiter zu. Nach Medienberichten sollen mehr Stellen wegfallen als bisher geplant – je nach Quelle ist von 100.000, in einem Bericht sogar von 120.000 Arbeitsplätzen weltweit die Rede. Vier deutsche Werke gelten als von Schließung bedroht. Konzernchef Oliver Blume versuchte zu beschwichtigen und erklärte, es gebe intelligentere Lösungen als Werksschließungen.
Die operativen Zahlen untermauern den Handlungsdruck: Im zweiten Quartal verkaufte Volkswagen weltweit nur 2,08 Millionen Fahrzeuge, fast 9 Prozent weniger als im Vorjahr. In China brachen die Verkäufe um mehr als zwei Drittel ein. Am Montagabend hält der Konzern einen Pre-Close-Call zum zweiten Quartal ab; sollten dabei neue Aussagen zum Sparkurs fallen, könnte der Markt reagieren.
Digitales Zentralbankgeld: USA bremsen, Europa treibt voran
In den USA ist eine bemerkenswerte politische Entscheidung gefallen. In einem großen überparteilichen Gesetz zum Wohnungsbau versteckt sich eine Klausel, die der US-Notenbank für die kommenden vier Jahre die Ausgabe eines digitalen Dollars untersagt. Das gilt als politischer Erfolg der Krypto-Lobby, wobei die praktische Bedeutung begrenzt bleibt, da ein digitaler Dollar ohnehin nie ernsthaft geplant war.
In Europa verläuft die Entwicklung gegensätzlich. Die Europäische Zentralbank treibt den digitalen Euro mit Nachdruck voran: Ab der zweiten Hälfte 2027 könnte ein einjähriger Testlauf starten, eine erste Ausgabe peilt die Notenbank für 2029 an. Die Entwicklungskosten werden auf rund 1,3 Milliarden Euro veranschlagt, hinzu kommen jährliche Kosten von etwa 320 Millionen Euro. Um zu verhindern, dass der digitale Euro den Banken Einlagen entzieht, wird eine Obergrenze diskutiert. Im Zentrum der öffentlichen Debatte steht zudem der Datenschutz: Die EZB betont, einzelne Zahlungen technisch keinem Nutzer zuordnen zu können, während Kritiker bezweifeln, dass staatliches digitales Geld so anonym sein kann wie Bargeld.
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