Der Mittwochshandel zeigt ein widersprüchliches Bild. Auf der einen Seite eskaliert die geopolitische Lage am Golf erneut, auf der anderen Seite erschüttert ein massiver Ausverkauf die Chipbranche. Dazu kommen am Abend die Zinsentscheidung der US-Notenbank, eine Reihe positiver europäischer Bankbilanzen sowie ein Strukturthema rund um Verteidigungselektronik, das zunehmend Anlegerinteresse auf sich zieht.
Geopolitik treibt Ölpreis und Inflationssorgen
Der brüchige Waffenstillstand am Golf ist über Nacht wieder ins Wanken geraten. Die US-Streitkräfte meldeten, einen iranischen Überraschungsangriff auf ihre Stützpunkte abgefangen zu haben. Die Nordseesorte Brent reagierte mit einem Anstieg von rund 3,5 Prozent auf über 87 Dollar je Barrel und machte damit einen guten Teil des vorangegangenen Rückgangs wieder wett. Dieser Rückgang war zuvor der stärkste Dreitagesrutsch seit dem Frühjahr 2020 gewesen – ein Beleg für die Fragilität der aktuellen Lage.
Der Ölpreis gewinnt an Bedeutung, weil er unmittelbar auf die Inflationserwartungen und damit auf die geldpolitischen Entscheidungen durchschlägt. Um 20 Uhr deutscher Zeit verkündet die amerikanische Notenbank ihre Zinsentscheidung – die erste Sitzung unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh. Der breite Marktkonsens geht davon aus, dass die Leitzinsen in der Spanne zwischen 3,5 und 3,75 Prozent belassen werden. Die Terminmärkte haben zuletzt jedoch eine nicht zu vernachlässigende Wahrscheinlichkeit von rund einem Drittel für eine überraschende Zinserhöhung um 25 Basispunkte eingepreist. Sollte es dazu kommen, dürfte der gestiegene Ölpreis der ausschlaggebende Grund sein.
Bemerkenswert ist zudem, dass Kevin Warsh angekündigt hat, weniger Vorwärtsorientierung zu geben. Bei dieser Sitzung gibt es weder neue Konjunkturprognosen noch einen aktualisierten Zinsausblick der Notenbankmitglieder. Das Signal der Sitzung wird daher maßgeblich von der Wortwahl der Erklärung und der anschließenden Pressekonferenz abhängen.
Vor diesem Hintergrund zeigte sich an den Aktienmärkten zuletzt ein klarer Riss: Der Dow Jones legte um gut 1 Prozent zu, getragen von soliden Unternehmenszahlen abseits der Technologiebranche, während die Nasdaq den fünften Verlusttag in Folge verzeichnete. Die Stimmung begünstigt derzeit defensivere Werte, Finanzwerte und Versorger gegenüber Technologieaktien.
Chip-Sektor im Ausverkauf – SK Hynix als Brandbeschleuniger
Auslöser der Technologieschwäche waren Berichte über ein chinesisches Unternehmen, das inzwischen selbst hochwertige Belichtungsmaschinen für die Chipfertigung produzieren können soll – ein Gerätetyp, der bislang praktisch ausschließlich vom niederländischen Ausrüster ASML beherrscht wurde. Hinzu kam ein fulminanter Börsenstart des chinesischen Speicherherstellers CXMT, dessen Aktie um mehrere hundert Prozent zulegte. Der Markt zieht daraus die unbequeme Schlussfolgerung, dass die chinesische Konkurrenz in der Chipfertigung schneller aufholt als erwartet.
Die Folge war ein Flächenbrand in der gesamten Halbleiterbranche: Der Philadelphia Halbleiterindex verlor rund 4,5 Prozent, Micron gab fast 9 Prozent nach, Advantest brach um 14 Prozent ein, Western Digital verlor 7 Prozent. Der koreanische Leitindex, geprägt von Werten wie SK Hynix und Samsung, rauschte zeitweise um bis zu 13 Prozent nach unten, konnte sich im Handelsverlauf aber teilweise wieder erholen.
Verschärft wurde die Lage durch die Quartalszahlen von SK Hynix. Der Konzern meldete für das zweite Quartal mit einem operativen Gewinn von 61 Billionen Won und einem Umsatz von 79 Billionen Won zwar Rekordwerte in der Firmengeschichte, verfehlte damit aber deutlich die Analystenerwartungen von 84 Billionen Won Umsatz und 64 Billionen Won operativem Gewinn. Die Aktie verlor an der Heimatbörse in Seoul daraufhin rund 10 Prozent, nachdem die amerikanischen Hinterlegungsscheine bereits am Vorabend rund 9 Prozent verloren hatten.
Am Donnerstag legt mit Samsung der nächste große Speicherhersteller seine Zahlen vor, was die Nervosität im Sektor weiter befeuern dürfte. Zugleich haben die jüngsten Kursverluste die Bewertungen deutlich zurückgeführt: SK Hynix notiert nach dem Kurseinbruch nur noch beim rund Vierfachen des für die nächsten zwölf Monate erwarteten Gewinns. Speicherhersteller wie Micron, SK Hynix und Samsung weisen generell chronisch niedrige Bewertungen auf, weil der Markt eine Rückkehr in den branchentypischen Zyklus fürchtet.
Diese Woche stehen zudem die Quartalszahlen von Microsoft, Meta, Apple und Amazon an, die zeigen sollen, ob die massiven Investitionen in künstliche Intelligenz die Erwartungen rechtfertigen können.
Europäische Großbanken trumpfen auf
Während die Chipbranche unter Druck steht, profitieren europäische Großbanken von der Rotation der Anleger. Die UBS kündigte ein neues Aktienrückkaufprogramm über 3 Milliarden Dollar an. Der Quartalsgewinn lag bei rund 2,8 Milliarden Dollar und damit deutlich über den Erwartungen. In der Vermögensverwaltung wurden 36 Milliarden Dollar an frischen Nettomitteln eingeworben, während Analysten mit 21 Milliarden gerechnet hatten. Die Erträge der Investmentbank sprangen um 26 Prozent, der Aktienhandel um 53 Prozent. Die Integration der Credit Suisse sei nach Angaben der Bank fast abgeschlossen.
Auch die britische Standard Chartered überzeugte: Der Vorsteuergewinn erreichte 2,33 Milliarden Dollar gegenüber Erwartungen von gut 2 Milliarden Dollar. Die Bank kündigte ein Aktienrückkaufprogramm über eine Milliarde Dollar an und hob ihre Prognose für das Ertragswachstum 2026 an.
Die Deutsche Bank legte ebenfalls solide Zahlen vor. Der Handel mit festverzinslichen Wertpapieren stieg um 16 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro und übertraf damit die Erwartungen. Der Gewinn kletterte auf 1,9 Milliarden Euro, ein Aktienrückkauf über 500 Millionen Euro wurde angekündigt. Vorstandschef Christian Sewing nannte steigende Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben sowie Fortschritte bei künstlicher Intelligenz als Trends, die dem Gewinnziel für 2028 Rückenwind geben könnten.
Gemeinsam zeigen die drei Bankbilanzen: Das Handelsgeschäft profitiert von der aktuellen Marktvolatilität, die Institute geben die Gewinne über Rückkäufe an Aktionäre weiter und blicken den kommenden Quartalen zuversichtlich entgegen. Der europäische Bankensektor, der lange hinter der Wall Street zurücklag, hat damit spürbar aufgeholt.
Verteidigungselektronik als Wachstumsfeld
Ein weiteres Thema mit struktureller Relevanz sind die stark steigenden Verteidigungsausgaben in Europa und speziell in Deutschland, die ein Tempo erreichen, das seit dem Kalten Krieg nicht mehr zu beobachten war. Im Fokus steht zunehmend nicht klassisches Kriegsgerät wie Panzer, Fregatten oder Kampfjets, sondern Sensorik, Software, Drohnentechnik und Drohnenabwehr. Elektronikkomponenten machen inzwischen einen Anteil von 35 bis 55 Prozent an klassischen Rüstungsgütern aus.
Marktbeobachter erwarten für den deutschen Markt für Verteidigungselektronik ein jährliches Wachstum von mehr als 10 Prozent – manche sprechen bereits von einem Elektronik-Superzyklus. Je weiter man in der Wertschöpfungskette von Sensoren hin zu Software vordringt, desto höher fallen tendenziell die Margen aus.
Als möglicher Basiswert in diesem Bereich gilt der Sensorspezialist Hensoldt, der Radar-, Optronik- und elektronische Aufklärungssysteme herstellt. Der Auftragsbestand des Unternehmens erreichte einen Rekordwert von rund 10 Milliarden Euro. Am 31. Juli legt Hensoldt seinen Halbjahresbericht vor.
Weitere Unternehmen aus der zweiten Reihe rücken ebenfalls in den Blick: Das griechische Unternehmen Theon gilt als Weltmarktführer bei Nachtsichtgeräten mit einem Auftragsbestand von mehr als drei Jahren Produktionsdauer. Vincorion beliefert Militärfahrzeuge mit Energieversorgungssystemen, Exail ist auf Unterwasserdrohnen spezialisiert. Für Exail liegt inzwischen ein Übernahmeangebot des französischen Konzerns Thales vor, das zu einem Delisting führen könnte.
Als Risikofaktoren gelten die starke Abhängigkeit dieser Geschäfte von politischen Entscheidungen sowie von einzelnen Großaufträgen. Regierungswechsel oder geänderte Exportregeln können Projekte verzögern oder verschieben. Auf EU-Ebene soll das Programm „Readiness 2030“ zusätzlich hunderte Milliarden Euro für den Verteidigungssektor mobilisieren.
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