Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
eine griechische Reederei erlebte in den vergangenen Tagen, wie zerbrechlich der Ölmarkt geworden ist. Innerhalb einer Woche wurden gleich mehrere ihrer Tanker getroffen. Eines der Schiffe geriet vor der russischen Schwarzmeerküste unter Beschuss, als es kasachisches Öl laden wollte. Zwei weitere wurden in der Straße von Hormus von Geschossen erwischt, jenem schmalen Nadelöhr zwischen dem Persischen Golf und dem offenen Meer. Ein viertes Schiff drehte im Roten Meer um, nachdem die jemenitischen Huthi-Rebellen mit Angriffen gedroht hatten.
Vier Vorfälle, vier verschiedene Schauplätze, wenige Tage. Genau das ist die neue Lage am Ölmarkt. Er kämpft nicht mehr an einer Krisenfront, sondern an vier zugleich.
Der Ölmarkt kämpft an vier Fronten gleichzeitig
Noch Anfang Juli notierte die Rohölsorte Brent bei rund 70 Dollar je Barrel. Die Märkte hatten auf ein Ende des Krieges zwischen den USA und dem Iran gesetzt. Diese Hoffnung ist verflogen. Der Konflikt weitete sich ins Rote Meer aus, ukrainische Drohnen trafen russische Raffinerien und Schiffe. In wenigen Tagen sprang Brent zurück über die Marke von 100 Dollar.
Der Ausgangspunkt bleibt die Straße von Hormus. Vor Kriegsbeginn Ende Februar passierten dort täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Mineralölprodukte. Das war etwa jedes fünfte Fass weltweit. Als der Krieg begann, saßen zunächst mehr als hundert große Tanker fest. Nach einer Waffenruhe im Juni floss das Öl wieder, an manchen Tagen bis zu 18 Millionen Barrel. Manche Tanker meldeten sich dabei offen, andere fuhren im Schutz der Dunkelheit. Mitte Juli brach der Waffenstillstand zusammen. Die USA flogen erneut Angriffe, der Iran schlug zurück.
Ölvorräte als aufgezehrtes Sicherheitsnetz
Der erste Schock im Frühjahr fiel milder aus, als viele befürchtet hatten. Prognosen von 150 oder gar 200 Dollar je Barrel trafen nie ein. Dafür gab es zwei Gründe. China, der größte Ölimporteur der Welt, drosselte seine Käufe. Zugleich öffneten die USA und andere wohlhabende Staaten ihre strategischen Reserven und warfen Hunderte Millionen Barrel auf den Markt.
Dieser Puffer hat einen Preis. Die Lager sind heute weitgehend geleert. Das Sicherheitsnetz, das in Krisen sonst auffängt, ist dünn geworden. Genau darin liegt der Unterschied zur ersten Welle. Trifft die Störung nun auf leere Speicher, wirkt jeder Ausfall stärker. Marktteilnehmer beschreiben ein System, das von einem Ausfall zum nächsten taumelt.
Russland als zweite Front im Ölmarkt
Während die Welt auf Hormus blickte, entstand in Russland eine zweite Krise. Die Ukraine schickt ihre Drohnen immer tiefer ins russische Landesinnere. Seit Jahresbeginn zählten Beobachter mindestens 63 Angriffe auf Raffinerien. Ein Jahr zuvor waren es im selben Zeitraum rund 21. Diese Angriffe verknappen vor allem den Markt für Diesel.
Die Folgen sind an den Terminmärkten ablesbar. Diesel in Europa handelt nahe 170 Dollar je Barrel, Kerosin sogar näher an 180 Dollar. In den USA kletterte der Benzinpreis erstmals seit Mitte Juni wieder über vier Dollar je Gallone.
Die Verknappung zwingt Käufer rund um den Globus zum Umdenken. Händler berichten von Anfragen aus Nordafrika und dem Mittelmeerraum. Diese Abnehmer bezogen bisher günstiges russisches Öl und suchen nun neue Quellen. Auch Käufer in Asien sehen ihren Spielraum schrumpfen. Der Chef des spanischen Verarbeiters Repsol, Josu Jon Imaz, nannte die Märkte für Diesel und Kerosin außergewöhnlich angespannt. Er verwies dabei ausdrücklich auf das Zusammenspiel von Hormus und den oft übersehenen Störungen in Russland.
Noch heikler ist die Ausweitung auf das Schwarze Meer. Über diese Route läuft etwa ein Fünftel der russischen Seeexporte. Nowarossijsk, Russlands größter Schwarzmeerhafen, stoppte die Verladung. Auch das nahe gelegene CPC-Terminal wurde getroffen. Über dieses Terminal verlässt fast das gesamte Öl Kasachstans das Land. Die Ausfuhren lagen zuletzt bei rund 1,8 Millionen Barrel täglich. Nun stehen sie still. Das entspricht fast zwei Prozent des weltweiten Angebots, in einem Moment, in dem jedes Barrel zählt.
Besonders europäische Raffinerien hängen an diesem kasachischen Öl. Ihnen bleiben zwei unbequeme Optionen. Sie drosseln die Verarbeitung und verschärfen so die Knappheit bei Kraftstoffen. Oder sie zahlen teure Aufschläge für Rohöl aus anderen Quellen.
Das Rote Meer als letzter Ausweg für Ölexporte
Ein Ventil hielt den Markt lange am Leben. Saudi-Arabien verschiffte über den Hafen Yanbu am Roten Meer Rekordmengen. Möglich macht das ein Pipelinesystem, das sich über mehr als tausend Kilometer durch das Königreich zieht. Zeitweise erreichten diese Exporte fast sechs Millionen Barrel am Tag.
Nun gerät auch dieses Ventil unter Druck. Die Huthi-Rebellen meldeten Angriffe auf zwei Schiffe. Seither wird die Verladung in Yanbu undurchsichtiger. Tanker schalten ihre Transponder ab, bevor sie den Hafen erreichen. Das erschwert die Kontrolle der Mengen, schützt aber Schiffe und Besatzungen.
Die Branche sucht nach Umwegen. Ein südkoreanischer Verarbeiter charterte einen Supertanker, der Öl von der ägyptischen Nordküste rund um Afrika nach Asien bringen soll. Solche Fahrten sind selten und teuer. Sie zeigen, wie ernst die Lage genommen wird. Immerhin kann Saudi-Arabien seine Exporte über Pipelines und den Suezkanal nach Norden umleiten. Der Chef von TotalEnergies sprach vor Investoren von einer möglichen neuen Normalität, in der sich die Straße von Hormus je nach Spannungen öffne und schließe. Marktbeobachter schätzen die Störung im Roten Meer dennoch als kleineres Problem ein als jene in Hormus. Denn das Königreich besitzt Ausweichrouten nach Norden. Ein Teil der saudischen Ladungen verlässt das Bab al-Mandab weiterhin, teils auf Schiffen in chinesischem Besitz.
Was der Ölpreis für Anleger bedeutet
Für Sie als Anleger zählt weniger die einzelne Schlagzeile als das Muster dahinter. Der Ölmarkt hat seine Stoßdämpfer verloren. Vier gleichzeitige Störungen treffen auf geleerte Lager. Das macht den Preis anfällig für heftige Ausschläge in beide Richtungen.
Denn die Rallye ruht auf wackligem Grund. Ein großer Teil des Preisanstiegs beruht auf Angst vor Ausfällen, nicht auf tatsächlich verlorenen Barrel. Kehrt das Öl an den Markt zurück, kann der Preis so schnell fallen, wie er gestiegen ist. Analysten von Morgan Stanley warnen sogar vor einem Überangebot, sollte alles zurückkommen. Goldman Sachs sieht Brent im vierten Quartal im Basisfall bei 80 Dollar. Hält die Störung an, seien aber über 120 Dollar möglich.
Damit liegt die Spanne der Erwartungen ungewöhnlich weit auseinander. Genau das ist die eigentliche Botschaft. Niemand kann den nächsten Schritt seriös vorhersagen. Ein einziger Beitrag des US-Präsidenten in den sozialen Medien kann die Richtung drehen. Wer jetzt allein auf steigende Preise setzt, wettet auf die Fortdauer des Chaos. Wer auf fallende Preise setzt, wettet auf Frieden. Beides ist eine Wette auf Politik, nicht auf Fundamentaldaten.
Zur Vorsicht mahnt auch die jüngere Vergangenheit. Zu Beginn des Krieges warnte die Internationale Energieagentur vor Engpässen bei Kerosin im Sommer. Diese Engpässe blieben am Ende aus. Prognosen sind in diesem Umfeld mit Vorsicht zu genießen. Hinzu kommt eine große Unbekannte auf der Nachfrageseite. In der ersten Welle dämpfte ein kräftiger Rückgang des chinesischen Verbrauchs die Preise. Ob China auch diesmal so reagiert, ist offen. Damit hängt die Richtung des Ölpreises nicht allein am Angebot, sondern ebenso an der Nachfrage der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.
Für langfristig orientierte Anleger ergibt sich daraus eine nüchterne Konsequenz. Energie bleibt ein Baustein, der ein Depot gegen geopolitische Schocks absichern kann. Doch die aktuellen Kurse spiegeln bereits viel Nervosität. Wer hier einsteigt, kauft keine ruhige Anlage, sondern volle Schwankungsbreite.
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