Ocugen meldet einen neuen Lizenzdeal für seine Gentherapie OCU400 — und die Aktie fällt trotzdem. Der Kurs schloss am Freitag bei 1,19 Euro, ein Minus von 1,33 Prozent zum Vortag und 8,20 Prozent auf Wochensicht. Das Timing zeigt: Der Markt blickt fast ausschließlich auf einen anstehenden Zulassungsschritt in den USA. Eine Partnerschaft im Nahen Osten reicht derzeit nicht, um daran etwas zu ändern.
Eine Absichtserklärung, noch kein fester Vertrag
Am 13. Juli 2026 unterschrieb Ocugen ein sogenanntes Term Sheet mit Roots Pharmaceutical und dessen Partner Al-Dhow International Holding. Das Papier räumt den beiden Unternehmen exklusive Rechte an OCU400 für die Region Naher Osten und Nordafrika ein.
Wichtig: Es handelt sich um eine Vorstufe, keinen fertigen Vertrag. Die endgültige Vereinbarung soll erst in den kommenden 90 Tagen folgen. Fällt sie wie geplant aus, winken Ocugen bis zu 4 Millionen Dollar an Vorab- und Entwicklungszahlungen, dazu Verkaufsmeilensteine von bis zu 255 Millionen Dollar sowie eine Lizenzgebühr von 22 Prozent auf Nettoverkäufe. Die kommerzielle Fertigung würde bei Ocugen selbst bleiben.
Parallel dazu läuft das eigentliche Kerngeschäft unverändert weiter: die klinische Phase-3-Studie liMeliGhT für OCU400. Erste Topline-Daten erwartet das Unternehmen im ersten Quartal 2027, danach soll die Zulassung bei der US-Arzneimittelbehörde folgen. CEO Shankar Musunuri zeigte sich zuletzt auf mehreren Branchenkonferenzen, unter anderem beim Piper Sandler Virtual Ophthalmology Day. Zusätzlich präsentierte Ocugen Mitte Juli Daten zu einem weiteren Kandidaten, OCU410, auf einem Fachtreffen in Montreal.
Die entscheidende Frage
Für die kommenden Monate zählt im Grunde nur eine Sache: Startet die sogenannte Rolling BLA — die gestaffelte Zulassungseinreichung für OCU400 — tatsächlich im dritten Quartal 2026, wie vom Management angekündigt? Hält die Fertigung mit, hält das Datenpaket der Prüfung stand? Regionale Lizenzdeals, Konferenzauftritte, Stimmungsschwankungen am Markt — all das bleibt zweitrangig gegenüber dieser einen Zeitplan-Frage.
Das optimistische Szenario
Auf der klinischen Seite hat Ocugen einen wichtigen Meilenstein bereits erreicht: Die Rekrutierung für die Phase-3-Studie liMeliGhT ist mit 140 Probanden abgeschlossen. Topline-Daten sollen im ersten Quartal 2027 vorliegen, eine mögliche Zulassung im vierten Quartal desselben Jahres. Das Management bekräftigt immer wieder denselben Fahrplan: Die Rolling-BLA-Einreichung soll im dritten Quartal 2026 beginnen.
Wird aus dem MENA-Term-Sheet ein fester Vertrag, käme eine weitere Lizenzeinnahme hinzu — zusätzlich zur bestehenden Kwangdong-Partnerschaft für Südkorea. OCU400 würde damit sein adressierbares Marktgebiet erweitern, noch bevor eine US-Zulassung überhaupt feststeht.
Auch die Finanzierung wirkt für den Moment gesichert. Ocugen hat eine Privatplatzierung wandelbarer Anleihen im Volumen von 115 Millionen Dollar abgeschlossen, bei Ausübung der Mehrzuteilungsoption bis zu 130 Millionen Dollar, verzinst mit 6,75 Prozent und fällig 2034. Das Geld soll die Kassenreichweite bis ins Jahr 2028 strecken. Analysten sehen im Konsens ein Kursziel von 9,99 Euro — deutlich über dem aktuellen Niveau, sofern BLA-Einreichung und Phase-3-Auslese wie geplant laufen.
Das Risiko-Szenario
Das MENA-Abkommen bleibt vorerst eine Absichtserklärung, kein bindender Vertrag. Bis zur Unterschrift der endgültigen Vereinbarung bleiben rund 90 Tage Unsicherheit. Strukturell schwerer wiegt die Bilanz: Eine geringe Umsatzbasis, anhaltende Verluste und ein hoher Verschuldungsgrad bei dünner Eigenkapitaldecke belasten die Bonitätseinschätzung des Unternehmens. Die Wandelanleihe verbessert zwar die Liquidität, bringt aber ein Verwässerungsrisiko für bestehende Aktionäre mit sich.
Auch klinisch ist noch nicht alles in trockenen Tüchern. Der Abschluss der Rekrutierung beseitigt kein Ergebnisrisiko. Eine einjährige Phase-3-Studie braucht Nachbeobachtung, Datenbereinigung und regulatorische Aufbereitung, bevor die Rolling-BLA-Einreichung überhaupt formal starten kann. Das dritte Quartal 2026 bleibt damit ein Unternehmensziel, kein feststehendes Datum.
Technisch zeigt sich das im Kursverlauf. Die Aktie notiert unter ihrem 100-Tage-Durchschnitt von 1,40 Euro und ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 1,31 Euro. Vom 52-Wochen-Hoch bei 2,35 Euro, erreicht im März, trennen sie fast die Hälfte. Bei einer annualisierten Volatilität von knapp 66 Prozent bleiben auch scharfe Gegenbewegungen jederzeit möglich.
Ausblick
Bleibt der Zeitplan für Fertigung und Rolling-BLA-Einreichung im dritten Quartal 2026 intakt, bleibt auch das optimistische Szenario tragfähig — gestützt von einer möglichen Zulassung 2027 und wachsenden Lizenzeinnahmen. Die Aktie könnte sich dann über ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 1,20 Euro stabilisieren.
Verzögert sich die Einreichung, oder scheitert das MENA-Term-Sheet am Sprung zum festen Vertrag innerhalb der anvisierten Frist, dürfte die Stimmung weiter kippen. Der Kurs riskiert dann einen Test des 52-Wochen-Tiefs bei 0,82 Euro. Die beiden konkreten Termine, auf die es nun ankommt: der Start der Rolling-BLA-Einreichung im dritten Quartal 2026, sowie eine Aktualisierung zum MENA-Vertrag, den beide Seiten rund drei Monate nach der Mitte-Juli-Ankündigung final unterschreiben wollen.
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