Ausgangslage
Nvidia hat mit den Zahlen zum zweiten Quartal für Aufsehen gesorgt: Reuters berichtete von einem Umsatzsprung im Rechenzentrumsgeschäft um 117 Prozent auf 89 Milliarden Dollar sowie einer Prognose von 108 Milliarden Dollar, plus/minus 2 Prozent, für das dritte Quartal.
Das Management stellte zudem ein Umsatzwachstum von rund 70 Prozent für das Geschäftsjahr 2028 in Aussicht. Die Aktie reagierte dennoch mit einem Kursrückgang von 4,1 Prozent am Freitag – ein Kontrast, der zeigt, wie sehr Anleger inzwischen jedes Detail der Finanzierungsarchitektur hinter dem KI-Boom hinterfragen.
Denn parallel zu den starken Zahlen wurde bekannt, dass Nvidia einige Umsatzbeteiligungsvereinbarungen im Rahmen seiner KI-Cloud-Finanzierungsinitiative pausiert hat. Reuters berichtete unter Berufung auf das Wall Street Journal, dass sich Nvidia bereits vergangene Woche von dem Programm zurückgezogen habe.
Ein Unternehmenssprecher betonte, das Kerngeschäft mit Rechenkapazität bleibe unverändert bestehen und entwickle sich weiter. Genau hier liegt der Punkt, der die Aktie derzeit stärker bewegt als die reinen Wachstumszahlen.
Die entscheidende Frage
Kann Nvidia sein aggressives Finanzierungsengagement bei Kunden – etwa die Zusage von bis zu 105 Milliarden Dollar zur Absicherung von OpenAIs 20-jährigem Rechenzentrums-Leasingvertrag in Ohio – aufrechterhalten, ohne die eigene Bilanzqualität zu belasten?
Die Pausierung einzelner Umsatzbeteiligungsdeals wirft die Frage auf, ob Nvidia selbst Zweifel an der Tragfähigkeit seines Financial-Engineering-Modells bekommen hat, mit dem es Kunden den Zugang zu seinen Chips erleichtert. Diese Kennzahl – das Ausmaß und die Struktur der Kundenfinanzierung – dürfte in den kommenden Wochen stärker über den Kurs entscheiden als die reinen Umsatzmeldungen.
Bullisches Szenario
Für Optimisten bleibt die operative Substanz überzeugend: Die Nachfrage nach Rechenleistung scheint ungebrochen. Reuters berichtete, dass Nvidia und AWS im Zeitraum 2027/2028 zusätzlich 2 Millionen GPUs einsetzen wollen, während die nächste Prozessorgeneration Vera Rubin im Herbst mit den ersten Auslieferungen starten soll.
Sollte sich das Wachstum von 70 Prozent für das Geschäftsjahr 2028 als realistisch erweisen, würde die aktuelle Kursdelle als Kaufgelegenheit erscheinen. Mit einem Abstand von 34 Prozent zum 52-Wochen-Tief und einem Aufschlag von 11 Prozent zum 200-Tage-Durchschnitt notiert die Aktie trotz des jüngsten Rücksetzers weiterhin in einem intakten mittelfristigen Aufwärtstrend.
Bärisches Szenario
Die Risikoseite ist ebenso ernst zu nehmen. Die Pausierung der Umsatzbeteiligungsdeals könnte ein erstes Anzeichen dafür sein, dass Nvidia die Risiken seiner eigenen Kundenfinanzierung neu bewertet – gerade angesichts der Größenordnung der OpenAI-Zusage. Hinzu kommt ein weiterer Belastungsfaktor abseits der Finanzierungsfrage: Medienberichten zufolge sollen Server mit Nvidia-KI-Chips wegen stark gestiegener Speicherkosten um mehr als 15 Prozent teurer werden, was Systeme betrifft, die Anfang kommenden Jahres ausgeliefert werden.
Steigende Kosten bei gleichzeitig wachsender Abhängigkeit von komplexen Finanzierungskonstruktionen könnten die Marge unter Druck setzen, sollte die Nachfrage auch nur leicht nachlassen. Die mit 45 Prozent hohe annualisierte 30-Tage-Volatilität spiegelt genau diese Unsicherheit wider.
Ausblick
Solange Nvidia seine operativen Wachstumsraten liefert und die Kundenfinanzierung – trotz einzelner Kurskorrekturen wie der jüngsten Programmpause – kontrolliert bleibt, dürfte die Aktie ihren Aufwärtstrend fortsetzen können. Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro liegt aktuell bei 7,3 Prozent, was Spielraum nach oben lässt, sollte sich die Wachstumsstory bestätigen.
Kippt jedoch die Wahrnehmung der Kundenfinanzierung – etwa durch weitere Meldungen über zurückgefahrene Programme oder wachsende Kreditrisiken im Zusammenhang mit den milliardenschweren Zusagen an Partner wie OpenAI –, dürfte die Skepsis der Anleger zunehmen.
Als nächster konkreter Prüfstein gilt der geplante Start der Vera-Rubin-Auslieferungen im Herbst sowie die Entwicklung der Speicherkosten, die die Preisgestaltung für Server mit Nvidia-Chips ab Anfang 2027 beeinflussen dürfte.
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