Nvidia vor den Zahlen: Warum diesmal die Kreditmärkte zittern

Vor Nvidias Quartalsbericht steigen Kreditabsicherungskosten, während Speicherpreise und Milliarden-Garantien für OpenAI die Finanzierungsrisiken des KI-Booms offenlegen.

Auf einen Blick:
  • Kreditabsicherung für Nvidia wird teurer
  • OpenAI-Garantie über 105 Milliarden Dollar
  • Speicherpreise treiben Systemkosten um 15 Prozent
  • China-Lieferungen für H200-Chips teilweise erlaubt

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

am kommenden Mittwoch legt Nvidia seine Zahlen zum zweiten Geschäftsquartal vor. Für gewöhnlich ist das ein Fest für die Optimisten. Der Konzern übertrifft die Erwartungen, die Aktie zieht an, und die Fachwelt feiert den nächsten Rekord. Diesmal aber liegt eine andere Spannung in der Luft. Zum ersten Mal seit langem senden nicht die Aktienmärkte das lauteste Signal, sondern die Kreditmärkte. Und die klingen deutlich vorsichtiger.

Wer verstehen will, warum dieser kommende Quartalsbericht mehr ist als eine Routineübung, muss auf drei Entwicklungen schauen, die in den vergangenen Tagen zusammengekommen sind. Jede für sich wäre eine Randnotiz. Gemeinsam ergeben sie ein Bild, das die Frage nach der Tragfähigkeit des KI-Booms neu stellt.

Die Nvidia Kreditrisiken werden sichtbar

Beginnen wir mit dem unauffälligsten der drei Signale. In den Kreditmärkten hat sich der Preis für Absicherungen gegen einen Zahlungsausfall von Nvidia zuletzt spürbar erhöht. Sogenannte Credit Default Swaps funktionieren wie eine Versicherung gegen finanzielle Schieflagen eines Unternehmens. Steigt ihr Preis, verlangen die Händler mehr Geld für dieselbe Absicherung. Genau das ist geschehen. Der entsprechende Wert kletterte auf gut 80 Punkte und übertraf damit den Höchststand von Ende Juli.

Das ist bemerkenswert, denn Nvidia gilt als eines der finanzstärksten Unternehmen der Welt. Die Bruttomarge liegt bei rund 75 Prozent. Wer bei einer solchen Firma anfängt, sich gegen Kreditausfälle abzusichern, sorgt sich nicht um die nächste Rechnung. Er sorgt sich um etwas Grundsätzlicheres. Nämlich um die Konstruktion, mit der die gesamte KI-Branche derzeit ihren Ausbau finanziert.

Der Anstieg fällt zudem auf einen Zeitpunkt, an dem die Aktie im Jahresverlauf noch immer klar im Plus liegt. Kredit- und Aktienmärkte laufen also auseinander. Das kommt selten vor und verdient Aufmerksamkeit. Denn Kreditmärkte gelten unter Fachleuten als Frühwarnsystem. Aktienkurse spiegeln Hoffnung auf Wachstum. Kreditpreise spiegeln die Furcht vor Verlust. Wenn beide dasselbe Unternehmen unterschiedlich bewerten, lohnt es sich, genauer hinzusehen, wessen Einschätzung sich am Ende durchsetzt.

Der Backstop für OpenAI

Damit sind wir beim zweiten Punkt. Nvidia hat zugesagt, für ein gewaltiges Rechenzentrum von OpenAI Kreditunterstützung in Höhe von mehr als 100 Milliarden Dollar zu leisten. Der Konzern verkauft also nicht nur die Chips, er stützt zugleich die Finanzierung des Kunden, der diese Chips kaufen soll. Die Zahl selbst hat im Lauf der Verhandlungen mehrfach gewechselt. Am Ende steht in den Unterlagen eine Garantie über bis zu 105 Milliarden Dollar, allerdings zunächst nur für die erste Ausbaustufe des Projekts.

Für Marktbeobachter ist das ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sichert Nvidia sich damit langfristige Abnehmer für seine Produkte. Auf der anderen Seite entsteht eine Abhängigkeit, die man aus früheren Boomphasen kennt. Der Verkäufer finanziert den Käufer, damit dieser weiter kaufen kann. Solange die Nachfrage wächst, funktioniert das reibungslos. Gerät ein Glied der Kette ins Wanken, überträgt sich das Risiko schnell auf alle anderen.

Besonders heikel wirkt der Zeitpunkt. Erst eine Woche zuvor hatte Nvidia eine Finanzierungsplattform über 500 Milliarden Dollar vorgestellt, die Kundenfinanzierungen ausdrücklich aus der eigenen Bilanz heraushalten sollte. Nun taucht mit dem OpenAI-Engagement eine neue Verpflichtung auf, die genau dort landet, wo sie eigentlich nicht hingehörte. Genau diese Widersprüche nähren den Verdacht einer im Kreis laufenden Finanzierung.

Die Speicherpreise als neuer Kostentreiber

Das dritte Signal betrifft die Produktion. Und es könnte für die kommenden Quartale das wichtigste sein. Nvidias größte Kunden wurden darüber informiert, dass die Preise für komplette Serversysteme mit KI-Chips deutlich steigen. In vielen Fällen geht es um mehr als 15 Prozent. Betroffen sind auch die neuen Spitzenmodelle der Vera-Rubin- und Grace-Blackwell-Generation.

Der Grund liegt nicht bei Nvidia selbst, sondern bei den Speicherchips. Moderne KI-Beschleuniger brauchen große Mengen an schnellem Arbeitsspeicher, dem sogenannten DRAM. Dessen Preis ist zuletzt massiv gestiegen, weil die Hersteller mit der Nachfrage nicht Schritt halten. Wenige Konzerne teilen sich diesen Markt, unter ihnen Samsung, SK Hynix und Micron. Sie besitzen derzeit eine Verhandlungsmacht, die es in der jüngeren Geschichte der Halbleiterbranche selten gab.

Für Nvidia bedeutet das eine ungewohnte Rolle. Der dominanteste Anbieter der Branche kann seine Kosten nicht mehr vollständig auffangen und reicht sie an die Kunden weiter. Das zeigt, wie stark sich die Kräfteverhältnisse verschoben haben. Auch Konzerne wie Apple und Qualcomm haben zuletzt erklärt, dass sie wegen der Chipknappheit höhere Preise verlangen müssen.

Für die großen Rechenzentrumsbetreiber verschärft das eine ohnehin angespannte Lage. Projektverzögerungen, knappe Fachkräfte und ein zunehmend wählerischer Kapitalmarkt bremsen den Ausbau bereits. Steigende Systempreise kommen nun obendrauf. Wer die Zahlen am Mittwoch liest, sollte deshalb nicht nur auf den Umsatz achten, sondern auf die Aussagen zur Marge. Sie verraten, ob Nvidia die höheren Speicherkosten wirklich weitergibt oder einen Teil selbst schultert.

Zwischen Rekordwette und Realität

Bei aller Vorsicht darf man das operative Bild nicht übersehen. Die Erwartungen an das anstehende Quartal sind gewaltig. Im ersten Geschäftsquartal meldete Nvidia einen Umsatz von 81,6 Milliarden Dollar, ein Plus von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein das Geschäft mit Rechenzentren erreichte 75,2 Milliarden Dollar. Für das zweite Quartal peilt der Konzern rund 91 Milliarden Dollar an. Einzelne Marktbeobachter halten sogar Werte von 95 Milliarden Dollar für möglich und rechnen mit der größten Umsatzüberraschung der Firmengeschichte.

Auch der Ausblick klingt kraftvoll. Die neue Vera-Rubin-Plattform soll ab Dezember spürbar zum Umsatz beitragen und im Lauf des kommenden Jahres den Vorgänger Blackwell als wichtigsten Umsatzträger ablösen. Die Nachfrage nach Rechenleistung für künstliche Intelligenz ist real, das bestreitet kaum jemand. Die Frage ist nicht, ob die Beschleuniger gebraucht werden. Die Frage ist, ob die Art ihrer Finanzierung dauerhaft trägt.

Dazu kommt eine leise Entspannung an anderer Front. Nvidias etwas ältere H200-Chips dürfen inzwischen in kleinen Mengen nach China geliefert werden. Zwei große Technologiekonzerne dort erhielten Berichten zufolge jeweils rund 10.000 Prozessoren. Weitere Freigaben könnten folgen. Zwar sollen die Käufer den Großteil der Chips zunächst außerhalb des Festlands halten, damit heimische Hersteller nicht verdrängt werden. Doch die Richtung ist erkennbar.

Der chinesische Markt bleibt für Nvidia ein Geschäft im zweistelligen Milliardenbereich, selbst wenn die modernsten Chips weiter unter Ausfuhrbeschränkungen stehen. Für die Quartalsprognose spielt China bislang keine Rolle, da der Konzern sie ohne Umsätze aus diesem Markt kalkuliert. Jede spätere Lockerung wäre damit ein zusätzlicher Hebel und kein bereits eingepreister Faktor.

Was für Anleger zählt

Die entscheidende Erkenntnis für den Umgang mit den Nvidia Kreditrisiken lautet also nicht, dass das Geschäft schwächelt. Es floriert. Die Erkenntnis lautet, dass sich der Ort des Risikos verlagert hat. Früher schaute man auf Absatzzahlen und Margen. Heute muss man zusätzlich verstehen, wie eng Hersteller, Kunden und Kapitalgeber miteinander verwoben sind. Ein Umsatzrekord am Mittwoch beantwortet die Frage nach dieser Verflechtung nicht. Er verschiebt sie nur auf das nächste Quartal.

Für die Praxis heißt das: Wer nur auf die große Zahl im Bericht schaut, sieht die halbe Geschichte. Die andere Hälfte steht in den Fußnoten zu Garantien, Finanzierungszusagen und Speicherkosten. Wer Kreditmärkte, Systempreise und Finanzierungsketten zusammen liest, erkennt eine Spannung, die ein reiner Umsatzrekord nicht auflöst. Ob sich diese Spannung am Mittwoch entlädt oder erst später, lässt sich nicht vorhersagen. Klar ist nur, dass sie da ist.

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