Ein Markt im Wartemodus
Die neue Börsenwoche startet mit einem prall gefüllten Terminkalender, doch die zentrale Frage lautet nicht, ob Nvidia am Mittwoch gute Zahlen liefert – sondern ob gute Zahlen angesichts der hohen Erwartungen überhaupt noch reichen. Der Chip-Konzern legt nach US-Börsenschluss seine Quartalsbilanz vor, und selten war die Nervosität im Vorfeld so ausgeprägt.
Die großen Indizes befinden sich derzeit im Wartemodus. Der DAX konnte am vergangenen Freitag eine viertägige Verlustserie beenden und kletterte wieder über die psychologisch wichtige Marke von 26.000 Punkten. Diese Marke ist momentan der Dreh- und Angelpunkt: Am Donnerstag war der Index erstmals seit Anfang August darunter gerutscht, am Freitag ging es wieder darüber. Der Aufwärtstrend bleibt aus technischer Sicht intakt, allerdings ist die Luft dünner geworden. Unter dem Strich stand ein Wochenminus von rund 1,2 Prozent, das vor allem den steigenden Marktrenditen an den Anleihemärkten geschuldet war – Gift für hoch bewertete Aktien. Hinzu kommt die Saisonalität: Mitten in der Urlaubszeit treffen wenige Verkäufer auf noch weniger Käufer, was die Schwankungsanfälligkeit erhöht.
An der Wall Street zeigte sich ein ähnliches Bild. Der S&P 500 verlor auf Wochensicht 1,4 Prozent. Zwar gab es am Freitag einen versöhnlicheren Ausklang, doch bis an die bisherigen Höchststände reichte es nicht. Für die neue Woche bedeutet das: Es geht nicht um neue Rekorde aus einer Euphorie heraus, sondern zunächst darum, die alten Bestmarken zu bestätigen.
Terminreigen mit Sprengkraft
Der Wochenkalender liefert dafür reichlich Gesprächsstoff. Den Auftakt macht am Dienstag der IFO-Geschäftsklimaindex, das wichtigste Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft, das Hinweise darauf geben könnte, ob die zaghafte Konjunkturhoffnung trägt. Am Mittwoch folgt in den USA der Preisindex für die privaten Konsumausgaben – jene Inflationskennziffer, die die US-Notenbank am genauesten beobachtet. Erwartet wird ein Anstieg der Kernrate von rund 3,3 Prozent. Fällt der Wert höher aus, dürften die Sorgen vor weiter steigenden Renditen und einem Nachziehen der Fed zunehmen. Ein niedrigerer Wert würde dagegen Spekulationen nähren, dass die Notenbank stillhält.
Am Mittwoch stehen zudem die Nvidia-Zahlen im Mittelpunkt, bevor am Donnerstag das jährliche Notenbanktreffen in Jackson Hole beginnt. Am Freitag hält der Fed-Präsident dort seine mit Spannung erwartete Rede zur Inflationsbekämpfung, bei der jedes Wort genau beachtet werden dürfte.
Auch auf der Unternehmensseite wird es turbulent: In Deutschland stehen mit Dermapharm, Aroundtown und Delivery Hero vor allem Nebenwerte im Fokus – bei Delivery Hero dürfte die anstehende Übernahme durch Uber die Kursreaktion allerdings kaum noch beeinflussen, da der Deal weitgehend eingepreist ist. In den USA legen unter anderem Marvell und Intuit ihre Zahlen vor. Über allem schwebt zudem die ungelöste Lage im Golf von Hormus sowie die Diskussion um die Verschuldung im Zusammenhang mit KI-Infrastrukturinvestitionen.
Nvidia: Zwischen Rekordumsatz und Vertrauensfrage
Nvidia legt am Mittwoch nach Börsenschluss die Zahlen zum zweiten Quartal vor – für viele Marktbeobachter mehr Stimmungstest für die gesamte KI-Branche als reine Ergebnisanalyse. Der Konzern selbst hatte für das zurückliegende Quartal einen Umsatz von rund 91 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt, mit einer Schwankungsbreite von plus/minus 2 Prozent. Im Analystenlager kursieren jedoch leicht höhere Erwartungen von rund 91,85 bis 91,9 Milliarden Dollar – das wäre der größte Umsatzsprung in der Firmengeschichte.
Genau in der Lücke zwischen der eigenen Prognose von 91 Milliarden und den Flüsterschätzungen von rund 91,85 bis 91,9 Milliarden liegt das Risiko für die Aktie. Trifft Nvidia die eigene Guidance, verfehlt aber die höheren Markterwartungen, könnte dies bereits als Enttäuschung gewertet werden – ein Effekt, der entsteht, wenn ein Unternehmen seine Prognosen quartalsweise regelmäßig übertrifft und der Markt dies als Selbstverständlichkeit ansieht. Die Optionsmärkte preisen für den Berichtstag eine Kursbewegung von rund 6 Prozent ein.
Ein weiterer Punkt sorgt für Diskussionen: die Finanzierung des KI-Ausbaus. Nvidia beteiligt sich zunehmend an der Finanzierung seiner eigenen Kunden und hat milliardenschwere Kreditsicherheiten für den Aufbau großer Rechenzentren zugesagt, unter anderem für ein großes KI-Rechenzentrumsprojekt in den USA, mit Größenordnungen im zweistelligen Milliardenbereich. Solche Konstruktionen wecken bei manchen Anlegern den Verdacht einer Zirkelfinanzierung. Bemerkenswert ist zudem, dass die Kreditausfallversicherungen für Nvidia zuletzt spürbar angezogen haben – ein Signal, dass Kreditprofis das Risiko höher einpreisen. Nvidia selbst schwimmt zwar im Geld, doch das eigene Schicksal hängt zunehmend an der Zahlungsfähigkeit seiner Kunden, von denen einige hohe Summen verbrennen, ohne Gewinne zu erwirtschaften.
Als Nebenschauplatz gilt China: Berichten zufolge sind erste Lieferungen des älteren H200-Chip-Modells angelaufen, mit jeweils rund 10.000 Prozessoren an ByteDance und Tencent. Das ist insofern bemerkenswert, als Nvidia seine aktuelle Guidance ohne China-Umsätze kalkuliert hat – hier könnte sich also eine positive Überraschung ergeben, auch wenn die politische Lage angesichts der chinesischen Bestrebungen nach einer eigenen wettbewerbsfähigen Chip-Industrie fragil bleibt.
Für den Berichtstag rücken damit drei Fragen in den Vordergrund: Wie stellt Nvidia den Übergang zur neuen Chip-Generation Rubin dar? Wie positioniert sich das Management zur Finanzierungsfrage? Und wie geht es mit dem China-Geschäft weiter?
Auto versus Lkw: Ein Riss geht durch die Branche
Im deutschen Automobilsektor zeigt sich derzeit ein deutlicher Unterschied zwischen Pkw-Herstellern und Nutzfahrzeugbauern. Auf der Pkw-Seite bleibt das Bild ernüchternd: BMW befindet sich seit geraumer Zeit in einem klaren Abwärtstrend und notiert derzeit bei rund 58 bis 59 Euro, wobei sich eine Bodenbildung andeutet. Mercedes-Benz zeigt ein ähnliches, aber volatileres Muster – nach Tiefs im Bereich von fast 42 Euro und einer Erholung auf 48 Euro liegt die Aktie aktuell bei rund 45 Euro. Der margenstarke Oberklassebereich bricht derzeit weg. Volkswagen weist eine ähnliche Charttechnik wie BMW auf, mit einer volatilen Bodenbildung zwischen 42 und 75 Euro; belastend wirken die schwierige Lage in China sowie der teure Konzernumbau. Porsche nimmt mit einem Kurs von rund 45 Euro und einer eher seitwärts gerichteten Bewegung eine Sonderrolle ein – charttechnisch bildet sich seit Mitte Juli ein Dreieck, was auf eine bevorstehende Entscheidungssituation hindeutet. Als Sportwagenbauer profitiert Porsche von einer weniger preissensitiven Kundschaft.
Die Schwäche im Pkw-Sektor wird auf mehrere Faktoren zurückgeführt: schwache Nachfrage, der teure Umbau zur Elektromobilität, der Wettbewerb aus China sowie Unsicherheiten rund um mögliche Zölle in den USA. Ein Katalysator für eine Stimmungswende fehlt bislang, die niedrige Bewertung der Aktien gilt eher als Falle denn als Kaufargument, da keiner der Massenhersteller bislang ein überzeugendes Turnaround-Konzept vorgelegt hat.
Auf der anderen Seite präsentieren sich die Nutzfahrzeughersteller deutlich robuster. Daimler Truck hat nach einer vorangegangenen Rallye eine Korrektur durchlaufen, orientiert sich aber wieder nach oben und notiert bei rund 45 Euro. Getragen wird die Aktie von einer stabileren als befürchteten Nachfrage nach schweren Nutzfahrzeugen in Nordamerika und Europa. Auch Traton, das die Marken MAN und Scania bündelt, zeigt eine konstruktivere Ausgangsbasis als die Pkw-Werte und gilt als reinrassiges Spiel auf den Nutzfahrzeug- und Transportzyklus.
Der Grund für die Divergenz liegt in den unterschiedlichen Nachfragetreibern: Lkw-Hersteller hängen am Industrie- und Transportzyklus, an Bau, Logistik und Infrastruktur – Bereiche, die erste Zeichen einer Besserung zeigen. Auch der Ausbau von Rechenzentren fragt Ressourcen aus der Bau- und Transportbranche ab, und Berichte über geplante chinesische Konjunkturhilfen geben Industrie- und Rohstoffwerten zusätzlichen Auftrieb. Eine Lkw-Investition ist zudem eine rationale unternehmerische Entscheidung, die getätigt wird, wenn die Auftragsbücher voll sind. Pkw-Hersteller hingegen hängen stärker an der Kauflaune verunsicherter Konsumenten, für die eine große Anschaffung in unsicheren Zeiten leichter aufgeschoben wird – verstärkt durch den Druck der Elektrotransformation und die chinesische Konkurrenz, die bei schweren Lkw bislang noch nicht in gleichem Maße durchschlägt.
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