Wenn Nvidia die Bücher öffnet, schaut die gesamte Finanzwelt hin. Der US-Chipkonzern aus Santa Clara ist mit über 5 Bio. Dollar Börsenwert das wertvollste Unternehmen der Welt – und damit mehr wert als die gesamte jährliche Wirtschaftsleistung Japans.
Vergangene Woche hat Nvidia die Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt und einmal mehr Superlative abgeliefert. Sorgen, dass sich am KI-Markt eine Blase bildet oder das Wachstum abschwächt, waren aus den Nvidia-Zahlen nicht ableitbar.
Vom Grafikkarten-Hersteller zum Rückgrat der KI-Industrie
Nvidia wurde 1993 gegründet und war jahrzehntelang vor allem für Grafikkarten bekannt, mit denen Computerspiele flüssig auf dem Bildschirm laufen. Die Architektur dieser Grafikprozessoren, kurz GPUs, erwies sich jedoch als ideal für eine ganz andere Aufgabe: das Training und den Betrieb Künstlicher Intelligenz. Große Sprachmodelle wie ChatGPT laufen auf zehntausenden Nvidia-Chips, die in riesigen Rechenzentren zusammengeschaltet werden.
Der Konzern liefert dabei nicht nur die Prozessoren, sondern inzwischen auch die Netzwerktechnik, die Software und komplette Serversysteme – und verdient an jedem Baustein mit. Die Bruttomarge liegt bei sehr hohen 75%. Kunden sind vor allem die großen Cloud-Anbieter Amazon, Google, Microsoft und Oracle sowie spezialisierte KI-Rechenzentrumsbetreiber wie CoreWeave, Lambda, Nebius und Nscale.
Umsatz mehr als verdoppelt
Im zweiten Quartal (Ende Juli) steigerte Nvidia den Umsatz um 106% auf 96,2 Mrd. Dollar und übertraf damit sowohl die eigene Prognose von 91 Mrd. Dollar als auch die Analystenschätzung von rund 92 Mrd. Dollar. Der Gewinn je Aktie kam mit 2,22 Dollar ebenfalls über den erwarteten 2,08 Dollar herein.
Den Löwenanteil erzielte das Rechenzentrumsgeschäft, das mit 89 Mrd. Dollar Umsatz um 117% gegenüber dem Vorjahreszeitraum und 18% gegenüber dem Vorquartal zulegte. Während sich andere Unternehmen abmühen, auf Jahressicht zweistellig zu wachsen, wächst Nvidia auf Milliarden-Basis quartalsweise zweistellig. Das zeigt, wie schnell Künstliche Intelligenz vom Markt adaptiert wird.
Nach Rekordzahlen: Es wird noch besser
Für das laufende dritte Quartal stellt Nvidia rund 108 Mrd. Dollar Umsatz in Aussicht, die Wall-Street-Analysten hatten lediglich mit knapp 104 Mrd. Dollar gerechnet. Doch damit nicht genug. Für das kommende Geschäftsjahr 2028 kündigte Finanzchefin Colette Kress ein Umsatzwachstum von rund 70% an, während die Analysten bislang von 45% ausgegangen waren. Trotz der inzwischen gewaltigen Basis beschleunigt sich die Nachfrage also noch. Die Bestellprognosen der Kunden deuten laut Kress sogar auf eine Verdopplung des Wachstumstempos hin.
Warum das möglich ist, zeigt ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte: Nvidia ist so etwas wie der erste Lokomotiv-Bauer nach der Erfindung der Dampfmaschine. Wer – sinngemäß – Güter auf der Schiene transportieren will, und das wollen aktuell alle, ist auf den Lokomotiv-Hersteller angewiesen.
Nächste Chip-Generation wird noch leistungsstärker
Die nächste Lokomotiven-Generation ist dabei schon in der Entwicklung: Vera Rubin, benannt nach der bekannten US-Astronomin, die sich mit dunkler Materie beschäftigte, ist bereits in voller Produktion – früher als von Analysten erwartet – und wird ab der zweiten Jahreshälfte 2026 ausgeliefert.
Die Plattform besteht aus sechs aufeinander abgestimmten Chips, von der Vera-CPU über die Rubin-GPU bis zum neuen Ethernet-Switch, und soll gegenüber der aktuellen Blackwell-Generation die dreifache Trainings- und fünffache Inferenz-Leistung liefern, bei bis zu zehnfach günstigeren Kosten pro KI-Anfrage. Leistungsstärker und günstiger im Betrieb – aus Kundensicht ein schlagendes Argument.
Die ersten Abnehmer stehen – wenig verwunderlich – längst fest, darunter alle großen Cloud-Anbieter. Nvidia selbst sieht sich auf Kurs zu einem GPU-Absatz von 500 Mrd. Dollar bis Ende 2026 – und das trotz des einst wichtigen und inzwischen faktisch weggebrochenen China-Geschäfts. Einige Analysten sehen eine Bonus-Chance in einer möglichen Aufhebung der Exportbeschränkungen, die geopolitische Entwicklung spricht derzeit allerdings dagegen.
Nvidia-Investition nicht risikolos….
Bei aller Euphorie über die Halbjahresergebnisse bleiben Risiken. Nvidia ist nicht mehr nur Lieferant seiner Kunden, sondern zunehmend auch deren Finanzier. Der Konzern beteiligt sich an KI-Firmen, mietet Rechenzentren selbst an und hat für OpenAI Leasing-Garantien über gut 105 Mrd. Dollar übernommen.
Das ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits kettet Nvidia seine Abnehmer damit noch enger an sich und sichert die Nachfrage über Jahre ab. Andererseits entsteht eine – auch von Branchenkennern bemängelte – Kreislauf-Logik: Nvidia finanziert die Nachfrage nach den eigenen Chips mit. Sollte der KI-Investitionszyklus eines Tages abkühlen, wäre der Konzern gleich doppelt betroffen, als Verkäufer und als Geldgeber.
Kurzfristig bremsen zudem knappe Spezial-Speicherchips die Auslieferungen, und die Abhängigkeit von wenigen Großkunden bleibt hoch: Amazon, Google und Microsoft arbeiten allesamt an eigenen KI-Chips, um sich ein Stück von Nvidia zu lösen. Das ist keine unmittelbare Gefahr, kann mittelfristig aber das Wachstum etwas abbremsen.
Nicht außer Acht lassen darf man zudem die Bewertung. Eine gute Story ist nur so lange gut, wie der Preis, der dafür gezahlt wird, auch gut ist. Sollte das Klima in der KI-Branche abkühlen oder die Debatte um eine mögliche KI-Blase lauter werden, dürfte der Weg nach oben selbst für Nvidia schwieriger werden.
…aber auch chancenreich
Nvidia wächst mit über 100%, obwohl der Konzern bereits Quartalsumsätze erzielt, für die andere Chiphersteller ein Jahrzehnt brauchen, und stellt für das kommende Jahr trotz dieser höheren Basis weitere 70% Wachstum in Aussicht.
Die Kunden reißen sich um jede verfügbare Rubin-Kapazität, das Netzwerkgeschäft steuert zusätzliche Milliarden bei, und mit der beschleunigten Produktfolge von Blackwell über Rubin bis zum bereits angekündigten Nachfolger Feynman hält Nvidia die Konkurrenz konsequent auf technologischem Abstand. Der erste Lokomotiv-Bauer des KI-Zeitalters könnte daher trotz – fundamental betrachtet – hoher Bewertung eine lohnende Investition sein.
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