Der Nvidia-Stresstest: Fünf Einwände der Skeptiker im Faktencheck

Drei Prüffelder fallen positiv aus, zwei bleiben kritisch; besonders wichtig sind CoreWeaves Anleiherendite und Nvidias Finanzierungszusagen.

Auf einen Blick:
  • CoreWeaves Schuldenrisiko bleibt ein Prüfpunkt
  • Gartner-Lücke trifft vor allem kleinere Anbieter
  • Großkunden bauen eigene KI-Chips aus
  • Kreislauffinanzierung bleibt ein offenes Risiko

Die Verlustserie am Chipmarkt ist vorerst beendet. Der Philadelphia-Halbleiter-Index SOX stieg nach acht Handelstagen in Folge mit Verlusten von insgesamt rund 15,7 Prozent – der längsten Verlustserie seit Oktober 2008 – um 1,6 Prozent. Die Nasdaq legte um 1,1 Prozent zu, die Nvidia-Aktie schloss im Plus. Ein Händler von Rosenblatt Securities in Los Angeles ordnete die Erholung nüchtern ein: Zwischen Freitagabend und Montagmorgen habe sich eigentlich nichts geändert, außer dass am Wochenende nichts Schlimmes passiert sei. Der Markt sei noch längst nicht über dem Berg.

Ob der Kursanstieg eine echte Wende oder nur eine kurze Atempause markiert, lässt sich nicht am Tageschart ablesen, sondern nur an den Argumenten der Nvidia-Skeptiker selbst. Fünf zentrale Einwände werden im Folgenden systematisch durchleuchtet – nach dem Prinzip eines Bankenstresstests: Behauptung, Belastung, Puffer, Ergebnis.

Szenario 1: Überschuldete Kunden – Ampel Gelb

Die erste Sorge betrifft CoreWeave, einen der wichtigsten Cloud-Partner von Nvidia. Das Unternehmen trägt hohe Schulden, Anleihen rentieren bei etwa 15 Prozent, und Kreditausfallversicherungen preisen eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit über fünf Jahre ein. Die Aktie verlor binnen einer Woche deutlich an Wert. Analysten erwarten für CoreWeave in diesem Jahr knapp 13 Milliarden Dollar Umsatz – gleichzeitig will das Unternehmen bis zu 39 Milliarden Dollar investieren, also dreimal so viel wie der erwartete Umsatz. Nvidia selbst ist mit etwa 10 Prozent an CoreWeave beteiligt und hat zugesagt, bis April 2032 einen Teil der von CoreWeave nicht verkauften Rechenkapazitäten abzunehmen.

Dem steht ein Auftragsbestand von rund 104 Milliarden Dollar gegenüber, auf den Analyst Dan Ives verweist – aus seiner Sicht feste Kundenverpflichtungen und keine Rechenzentren auf Vorrat. CoreWeave-Chef Mike Intrator erklärte intern, der Auftragsbestand decke die Schulden mehr als ab. Goldman Sachs stufte die Aktie am Montag von Neutral auf Kaufen hoch und hob gleichzeitig das Kursziel an – nach einem Kursrückgang von 43 Prozent seit den Quartalszahlen im August. Die Aktie schloss am Montag leicht im Minus. Zusätzlich hat CoreWeave seine Preise im Juli um 25 Prozent und im Oktober um weitere 10 Prozent angehoben – ein Signal, dass die Nachfrage nicht eingebrochen ist.

Ergebnis: Gelb. Entscheidend bleibt die Rendite der CoreWeave-Anleihe. Solange sie bei rund 15 Prozent verharrt, traut der Markt dem Frieden nicht.

Szenario 2: Die Gartner-Rechnung – Ampel Grün

Das Marktforschungsinstitut Gartner hat vorgerechnet, was die KI-Branche bis 2030 umsetzen müsste, um ihre Investitionen samt Finanzierungskosten zurückzuverdienen und zusätzlich eine Rendite von 12 Prozent auf das eingesetzte Kapital zu erzielen: 8,5 Billionen Dollar. Erwartet werden aber nur 3,6 Billionen Dollar – eine Lücke von fast 5 Billionen Dollar. Allein in diesem Jahr flossen laut Gartner fast eine Billion Dollar in KI-Infrastruktur, zwischen 2027 und 2030 sollen weitere 6 Billionen hinzukommen. Mehr als 3,5 Billionen Dollar an Investitionen in Rechenzentren und Chips könnten laut Gartner so schnell an Wert verlieren, dass Betreiber Milliarden aus ihren Bilanzen streichen müssten.

Allerdings betrifft das laut Gartner vor allem kleinere Neo-Cloud-Anbieter, die ihren unabhängigen Betrieb einstellen könnten – durch Übernahme, Zusammenschluss oder Aufgabe, nicht zwangsläufig durch Pleite. Große Hyperscaler wie Microsoft, Alphabet oder Amazon verfügen laut Gartner über so breite Einnahmequellen, dass sie ihre KI-Investitionen über Jahre tragen können. Nvidia selbst hat im August erstmals eine Jahresprognose abgegeben: Für das im Januar 2028 endende Geschäftsjahr wird ein Umsatzwachstum von rund 70 Prozent erwartet, während Analysten im Schnitt nur mit 44 Prozent gerechnet hatten. Finanzchefin Colette Kress verwies zudem auf Kundenprognosen, die auf eine Verdopplung von deren Wachstum im nächsten Jahr hindeuten. Hinzu kommt: Nvidia verdient am Verkauf der Chips, bevor sich die Investitionen der Kunden überhaupt amortisieren – die von Gartner erwartete Zielrendite wird frühestens Ende 2032 erreicht.

Eine Belastung bleibt dennoch: steigende Speicherchippreise drücken auf die Marge. Kress erwartet für das laufende Quartal eine robuste Bruttomarge, einen Tiefpunkt im Folgequartal durch steigende Speicherchippreise und eine Erholung im kommenden Geschäftsjahr.

Szenario 3: Eigene Chips der Großkunden – Ampel Grün

Google baut mit den sogenannten TPUs eigene KI-Chips aus und will die Stückzahl von 4,3 Millionen in diesem Jahr auf mehr als 35 Millionen bis 2028 steigern – fast das Achtfache. Partner sind Broadcom, MediaTek, Marvell und Intel. Anthropic hat sich bereits Zugang zu bis zu einer Million Google-Chips gesichert, auch Amazon und Microsoft entwickeln eigene Lösungen. Laut TrendForce wachsen die Umsätze mit solchen maßgeschneiderten Chips in diesem Jahr um 45 Prozent, während klassische Grafikprozessoren – Nvidias Domäne – nur um 16 Prozent zulegen sollen.

Dagegen spricht vor allem die Dominanz von Nvidia beim Training von KI-Modellen, gestützt durch die Softwareplattform CUDA, die hohe Wechselkosten für Entwickler schafft. Zudem läuft die Fertigung praktisch aller Chips – egal ob von Google, Amazon oder Nvidia – durch dieselben Fabriken: TSMC kontrolliert laut Forbes über 90 Prozent der weltweiten Fertigung modernster Chips. Nvidia ist seit Januar größter TSMC-Kunde noch vor Apple und hat für dieses Jahr mehr als die Hälfte der Kapazität für Advanced Packaging reserviert. TSMC-Chef C.C. Wei verwies zudem darauf, dass der Bau einer neuen Fabrik rund drei Jahre dauert, bis zur vollen Produktion weitere zwei – wer Kapazität gebucht hat, muss liefern. Nach einem Gewinnplus von 69 Prozent im dritten Quartal sieht Wei keine Abschwächung.

Nvidia hat zudem im März 2 Milliarden Dollar in Marvell investiert, einen der Chip-Partner von Google, und sorgt mit dem Programm NVLink Fusion dafür, auch in Rechenzentren mit konkurrierenden Chips präsent zu bleiben. Ein konkretes Beispiel: Trotz eigener Chips hat Amazon Web Services angekündigt, in den Jahren 2027 und 2028 zusätzlich 2 Millionen Nvidia-Grafikprozessoren einzusetzen. Bei der Inferenz dürften maßgeschneiderte Chips auf Dauer an Boden gewinnen, die entscheidende Frage bleibt jedoch, ob der Gesamtmarkt schneller wächst, als Nvidias Anteil schrumpft.

Szenario 4: Klumpenrisiko im Index – Grün für Nvidia, Hausaufgabe für Anleger

Rund zwei Drittel des erwarteten Gewinnwachstums im S&P 500 im dritten Quartal entfallen auf Technologie- und KI-Firmen, die Chip-Hersteller sollen ihre Gewinne mehr als verdoppeln. Nvidia allein macht inzwischen rund 8 Prozent des Index aus. Der S&P 500 lag zuletzt rund 13 Prozent im Plus, während die typische Indexaktie nur rund 4 Prozent zulegte. Die australische Notenbank warnte in ihrem Finanzstabilitätsbericht vom Oktober vor einer möglichen scharfen Neubewertung hoch bewerteter KI-Werte, sollten sich die Erwartungen nicht erfüllen – getragen von Annahmen dauerhaft steigender Gewinne und einer zunehmend undurchsichtigen, zirkulären Schuldenfinanzierung.

Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das ein mitunter unbewusstes Klumpenrisiko: Wer 100.000 Euro in einem S&P-500-ETF hält, besitzt rechnerisch bereits rund 8.000 Euro Nvidia-Exposure, hinzu kommen weitere Chipwerte im Index sowie eventuelle Direktinvestments oder Technologiefonds. Das Risiko liegt dabei weniger im Geschäftsmodell von Nvidia als in der individuellen Portfoliostruktur und lässt sich über die Positionsgröße steuern.

Szenario 5: Kreislauffinanzierung – Ampel Gelb

Das ernsteste Szenario betrifft die Frage, ob Nvidia seine eigene Nachfrage finanziert. Nvidia ist für viele Kunden gleichzeitig Lieferant, Investor und Abnehmer. Wie nervös Investoren bei diesem Thema bereits reagieren, zeigte sich vor rund zehn Tagen in Australien: Der von Nvidia mitfinanzierte Rechenzentrumsbetreiber Firmus wollte mit einer Bewertung von gut 30 Milliarden Dollar – fast dem Dreifachen des Augustwerts – an die Börse gehen. Der Börsengang wurde mangels Nachfrage abgesagt.

Die Liste der Beteiligungen ist lang: 30 Milliarden Dollar fließen in eine Finanzierungsrunde von OpenAI, für ein Rechenzentrum von OpenAI in Ohio gibt Nvidia eine Garantie von bis zu 105 Milliarden Dollar, in Anthropic investiert Nvidia bis zu 10 Milliarden Dollar, in CoreWeave wurden Aktien für 2 Milliarden Dollar gekauft. Allein 2024 ging Nvidia mehr als 50 Beteiligungen an KI-Unternehmen ein. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat ermittelt, dass 55 Prozent aller Investitionen in KI-Firmen von anderen KI-Firmen stammen. Zusätzlich hat Nvidia im August gemeinsam mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR ein Finanzierungsprogramm vorgestellt, das mehr als 500 Milliarden Dollar fremdes Kapital für KI-Infrastruktur mobilisieren soll.

Zwei Gründe sprechen dafür, dieses Szenario ernst zu nehmen: Erstens lässt sich von außen kaum trennen, wie viel der Nachfrage auf echte Endkundennachfrage zurückgeht und wie viel Nvidia selbst finanziert. Zweitens erinnert die Konstellation an die 1990er Jahre, als Netzwerkausrüster wie Cisco ihren Kunden Käufe kreditierten – mit dem Unterschied, dass die damals verlegte Glasfaser Jahrzehnte hielt, während aktuelle KI-Chips bereits nach wenigen Jahren veraltet sind.

Dagegen sprechen die Größenordnungen: Nvidia erwirtschaftete in den vergangenen zwölf Monaten rund 127 Milliarden Dollar freien Cashflow, die Zusage an OpenAI entspricht knapp einem Viertel davon. Allein im letzten Quartal gab Nvidia 26 Milliarden Dollar an Aktionäre zurück. Zudem soll das Geschäft mit KI-Laboren wie OpenAI im nächsten Jahr nur rund ein Viertel des Gesamtgeschäfts ausmachen, drei Viertel kommen von anderen Kunden. Solange Nvidia nicht so viel liefern kann, wie bestellt wird, deutet dies zudem auf echte Nachfrage hin.

Ergebnis: Gelb. Entscheidend wird sein, ob Nvidias Finanzierungszusagen an Kunden schneller wachsen als der eigene Umsatz – ein Verhältnis, das bei den Quartalszahlen am 17. November im Fokus stehen dürfte.

Fazit: Dreimal Grün, zweimal Gelb

In der Gesamtschau ergibt sich: Die Schuldenlast der Kunden steht auf Gelb, die Gartner-Renditelücke auf Grün, die Konkurrenz durch Eigenchips der Großkunden auf Grün, das Klumpenrisiko im Index auf Grün für Nvidia selbst, die Kreislauffinanzierung auf Gelb. Nvidia besteht den Stresstest demnach mit Auflagen – im Blick zu behalten sind insbesondere die Rendite der CoreWeave-Anleihe sowie das Verhältnis von Finanzierungszusagen zu Umsatz.

Nvidia und Deutschland: Große Worte, offene Zahlen

Parallel zur Debatte um die Geschäftszahlen sorgte Nvidia-Chef Jensen Huang zuletzt auch politisch für Aufsehen. Vergangene Woche in London äußerte er sich laut einem von der „Welt“ zitierten CNBC-Bericht ungewöhnlich deutlich: Nichts schmerze ihn mehr, als zu sehen, wie eines der technologisch fortschrittlichsten Länder abgehängt werde – gemeint war Deutschland. Als Grund nannte er die europäische Tendenz, Dinge zu sehr zu zerdenken; Deutschland habe viel Talent und solle sich an die Arbeit machen.

Bei der Vorstellung neuer KI-Laptops an der ESMT in Berlin bezeichnete Huang laut „Tagesspiegel“ Deutschland als größten europäischen Standort von Nvidia. Beim Gipfel „Invest in Germany“ in einem ehemaligen Berliner Kraftwerk saß er anschließend neben Bundeskanzler Friedrich Merz. Zuvor hatten Kanzleramt, Wirtschafts- und Forschungsministerium mit Nvidia eine gemeinsame Absichtserklärung zu KI-Modellen für physische Anwendungen wie Roboter, Fabriken und Fahrzeuge unterzeichnet. Huang kündigte zudem Beteiligungen an den deutschen Start-ups Agile Robots, Avelius Medical, Mirelo und Reflex Aerospace an, Siemens meldete eine Partnerschaft mit Nvidia für autonome Fabriken. Konkrete Investitionssummen wurden dabei nicht genannt.

Merz richtete sich bei dem Gipfel direkt an den Mittelstand und rief dazu auf, die eigenen Unternehmensdaten für KI-Anwendungen zu nutzen. Huang ergänzte sinngemäß, Elektronen würden Atome ersetzen, KI ersetze nicht die Fähigkeiten der Menschen, sondern verstärke sie, und bezeichnete die Entwicklung als industrielle Revolution mit einer Chance für Deutschland.

Wie belastbar solche Ankündigungen sind, bleibt abzuwarten. Laut ZDF-Politbarometer von Ende September sagen 79 Prozent der Befragten, Merz mache eher einen schlechten Job, 78 Prozent sehen zu wenig Engagement der Regierung gegen steigende Energiepreise. Nur etwa jeder sechste Deutsche ist mit seiner Arbeit zufrieden. Allianz Research beziffert die Investitionslücke Deutschlands gegenüber den USA seit 2019 auf bis zu 730 Milliarden Euro – als Gründe werden hohe Energiekosten, hohe Steuern, Bürokratie und teure Finanzierung genannt. Ob die jüngsten Ankündigungen in konkrete Projekte münden, dürfte sich eher an Strompreisen, Genehmigungszeiten und tatsächlichen Aufträgen zeigen als an Reden.

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