Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
manchmal verrät ein einzelner Kauf mehr über eine Branche als ein ganzer Geschäftsbericht. Nvidia hat für 12,93 Milliarden Dollar die Plattform Hugging Face übernommen. Dort werden frei verfügbare KI-Modelle gesammelt und verbreitet. Es ist der zweitgrößte Zukauf der Firmengeschichte. Nur der Erwerb von Groq-Vermögenswerten für 20 Milliarden Dollar im vergangenen Dezember war teurer.
Für den wertvollsten Chipkonzern der Welt ist der Betrag eine Randnotiz. Interessanter ist die Frage nach dem Motiv. Nvidia stärkt mit diesem Kauf ausgerechnet jene günstigen Modelle, die den teuren Systemen seiner größten Kunden das Geschäft erschweren. Wer diese Logik versteht, versteht auch, worauf er als Aktionär wirklich setzt.
Warum die Zahlen von Nvidia die Bewertung tragen
Zunächst der Blick auf das Fundament. Nvidia meldete für das zweite Geschäftsquartal einen Umsatz von 96,2 Milliarden Dollar. Das ist eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr. Der Löwenanteil entfällt auf das Rechenzentrumsgeschäft mit 89 Milliarden Dollar. Dieser Bereich legte um 117 Prozent zu und liefert rund 92 Prozent des Konzernumsatzes.
Der Ausblick fiel noch kräftiger aus. Für das laufende Quartal stellte Nvidia 108 Milliarden Dollar in Aussicht. Finanzchefin Colette Kress sprach von einem erwarteten Wachstum von etwa 70 Prozent im kommenden Geschäftsjahr. Der Markt hatte mit deutlich weniger gerechnet. Der freie Mittelzufluss dürfte im laufenden Jahr nahezu 200 Milliarden Dollar erreichen.
Diese Zahlen erklären, warum ein Zukauf von 13 Milliarden Dollar den Konzern nicht belastet. Nvidia finanziert solche Schritte aus der laufenden Barmittelerzeugung. Die Bilanz bleibt unberührt. Der Kaufpreis entspricht kaum mehr als einem Zehntel des jährlichen freien Mittelzuflusses.
Das Geschäftsmodell hinter dem Hugging-Face-Deal
Nvidia verdient sein Geld mit Rechenleistung. Der Konzern verkauft die Chips, Server und Netzwerktechnik, auf denen künstliche Intelligenz trainiert und betrieben wird. Alles, was die Nutzung von KI ankurbelt, nützt diesem Geschäft. Alles, was KI verteuert und damit bremst, schadet ihm.
Hier liegt der Reiz offener Modelle. Ihre Gewichte lassen sich herunterladen. Das sind die Parameter, die das Verhalten eines Modells festlegen. Unternehmen können solche Modelle auf eigener Hardware betreiben und anpassen. Die Software wird dadurch billig oder kostenlos. Die Kosten verlagern sich auf die Rechenleistung. Und die liefert Nvidia.
Der Konzern verfolgt dieses Muster seit Langem. Seine Software rund um die Chips stellt Nvidia seit Jahren gratis bereit. Wer die Software verschenkt, verkauft mehr Hardware. Mit Hugging Face überträgt der Konzern dieses Prinzip auf die KI-Modelle selbst. Die Plattform zählt mehr als 18 Millionen Entwickler und über drei Millionen Modelle. Mehr als 200.000 Firmen nutzen sie. Nvidia kontrolliert damit den wichtigsten Vertriebskanal für freie Modelle.
Ein Bruch mit den größten Kunden von Nvidia
An dieser Stelle wird es für Anleger spannend. Die geschlossenen Modelle von OpenAI und Anthropic galten lange als führend. Doch ihr Betrieb ist teuer. Als die Nutzung im vergangenen Winter sprunghaft stieg, erlebten viele Unternehmen einen Kostenschock. Seither suchen Kunden nach günstigeren Wegen. Offene Modelle sind einer davon. Sie haben zuletzt spürbar aufgeholt, liegen aber noch hinter der Spitze. Für viele Anwendungen reicht ihre Leistung inzwischen aus. Wo es nicht auf das letzte Quäntchen Qualität ankommt, entscheidet der Preis. Und dort punkten die freien Modelle.
OpenAI hat im Juli und August die Preise über die gesamte GPT-5.6-Familie gesenkt. Anthropic zog bislang nicht nach. Beide Firmen sind zugleich riesige Kunden von Nvidia. Ein erheblicher Teil der gefeierten Umsatzprognose beruht auf ihnen. Nvidia hat in diesem Jahr sogar 30 Milliarden Dollar in OpenAI investiert.
Damit entsteht ein Widerspruch, der viele Beobachter beschäftigt. Der Konzern bezahlt die Firmen, deren Preismacht er zugleich schwächt. Kritiker sprechen von zirkulären Geschäftsbeziehungen. Nvidia investiert in seine Kunden, die Kunden kaufen dafür Nvidia-Chips. Konzernchef Jensen Huang deutete zuletzt an, wo die Grenze liegt. Die jüngsten Investitionen in OpenAI und Anthropic seien wohl die letzten vor deren erwarteten Börsengängen.
Der Kampf um die Kontrolle über die Chips
Der eigentliche Grund für Nvidias Vorstoß liegt tiefer. Die größten Kunden arbeiten daran, sich vom Konzern zu lösen. OpenAI entwickelt mit Broadcom einen eigenen Chip. Anthropic baut ein eigenes Team für Spezialschaltkreise auf und sucht dafür einen Fertigungspartner. Auch Google, Meta und Amazon setzen längst auf eigene Bausteine. Jeder dieser Chips soll ein Stück des Nvidia-Geschäfts abtragen. Der Hintergrund ist einfach. Wer riesige Modelle betreibt, zahlt für jede Anfrage bares Geld. Eigene Spezialchips können diese Kosten je Vorgang senken. Zugleich mindern sie die Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten. Für die Kunden ist das eine Frage der Marge und der Verhandlungsmacht.
Für Nvidia ist das die eigentliche Bedrohung, nicht der Preiskampf bei den Modellen. Ein breites Angebot günstiger offener Modelle wirkt diesem Trend entgegen. Denn freie Modelle laufen besonders gut auf Standard-Hardware, und dort ist Nvidia führend. Je mehr Firmen offene Modelle nutzen, desto stärker bleibt die Bindung an die Rechenleistung des Konzerns. Der Kauf von Hugging Face ist damit eine defensive und eine offensive Wette zugleich.
Ein weiterer Faktor ist die Herkunft vieler freier Modelle. Ein großer Teil stammt von staatlich geförderten chinesischen Firmen. Das verleiht dem Thema eine geopolitische Dimension. In den Vereinigten Staaten hat vor allem Meta mehrere Generationen offener Modelle veröffentlicht. Nvidia selbst baut seit 2023 unter dem Namen Nemotron an eigenen offenen Modellen. An die Spitze reichten diese bislang aber nicht. Zusätzlich sicherte sich der Konzern über einen Vertrag mit dem KI-Labor Poolside Technologie und Fachkräfte.
Was das für Ihre Anlageentscheidung bedeutet
Fassen wir zusammen. Nvidia wächst weiter in atemberaubendem Tempo, und die Bilanz ist kerngesund. Der Kauf von Hugging Face kostet wenig und sichert eine strategische Position. Der Konzern verteidigt seinen wichtigsten Markt. Er fördert die Verbreitung günstiger Modelle und verringert so die Abhängigkeit von den eigenen Kunden.
Doch die Medaille hat eine Kehrseite. Ein Teil des Wachstums beruht auf Firmen, die zugleich zu Rivalen werden. Sollten OpenAI, Anthropic und die Hyperscaler ihre eigenen Chips erfolgreich in Masse fertigen, verliert Nvidia auf lange Sicht Nachfrage. Die zirkulären Finanzierungen erhöhen zudem das Risiko, falls einzelne Wetten nicht aufgehen.
Wer heute Nvidia-Aktien hält, setzt daher nicht allein auf einen überlegenen Chiphersteller. Er setzt auf einen Konzern, der seine Vormacht mit aller Kraft und viel Kapital gegen die eigenen Kunden verteidigt. Diese Strategie kann außergewöhnlich erfolgreich sein. Sie zeigt aber auch, wie umkämpft der Markt hinter den Rekordzahlen bereits ist.
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