Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
Jensen Huang liebt große Bühnen. Der Nvidia-Chef nutzte die Computex-Messe in Taipei für eine Ankündigung, die den Computermarkt neu ordnen könnte. Gemeinsam mit Microsoft präsentierte er den RTX Spark, einen neuen Superchip für Windows-Laptops und Desktop-PCs. Was auf den ersten Blick wie eine Produktneuheit klingt, ist in Wirklichkeit eine strategische Kampfansage an Apple, Intel, AMD und Qualcomm gleichzeitig.
Nvidia ist seit Jahren die unangefochtene Kraft hinter der KI-Revolution. Rechenzentren weltweit laufen auf Nvidia-Hardware. Die Aktie hat eine Marktkapitalisierung jenseits der fünf Billionen Dollar erreicht. Und nun will der Konzern auch noch den Markt für persönliche Computer aufmischen. Die Frage für Anleger lautet: Ist das der nächste große Wachstumsschub, oder überdehnt sich Nvidia hier?
Ein Chip, der alles kann
Der RTX Spark ist kein gewöhnlicher Prozessor. Nvidia kombiniert darin eine Zentraleinheit (CPU, der eigentliche Rechenkern eines Computers) mit einer Grafikeinheit und einem spezialisierten KI-Beschleuniger auf einem einzigen Chip. Das Ergebnis soll laut Nvidia eine KI-Rechenleistung von einem Petaflop liefern, also einer Billiarden Rechenoperationen pro Sekunde, bei gleichzeitig ganztägiger Akkulaufzeit.
Für Nutzer bedeutet das: Komplexe KI-Modelle, die bisher zwingend eine Internetverbindung zu einem Rechenzentrum benötigten, lassen sich künftig direkt auf dem eigenen Gerät ausführen. Nvidia nennt hier die Möglichkeit, Sprachmodelle mit bis zu 120 Milliarden Parametern lokal zu betreiben. Zum Vergleich: Frühe Versionen populärer KI-Assistenten arbeiteten mit deutlich kleineren Modellen. Gleichzeitig sollen Creators 12K-Videos bearbeiten und Gamer aktuelle Titel in hoher Auflösung spielen können.
Der Chip basiert auf ARM-Architektur, nutzt eine Kooperation mit dem taiwanischen Halbleiterhersteller MediaTek und läuft mit Microsofts Windows für ARM. Ab Herbst sollen erste Geräte von Dell und Lenovo auf den Markt kommen.
Microsoft sucht einen neuen Anlauf
Für Microsoft ist die Kooperation strategisch bedeutsam. Der Softwarekonzern hatte bereits mit Qualcomm versucht, ARM-basierte Windows-PCs zu etablieren. Diese sogenannten Copilot+-Geräte litten unter Kompatibilitätsproblemen mit bestehender Software. Mit Nvidia als neuem Partner hofft Microsoft auf einen stärkeren Rückenwind, vor allem durch Nvidias überlegenes KI-Software-Ökosystem.
Nvidia bringt nämlich nicht nur Hardware mit, sondern ein tiefes Software-Fundament. Das CUDA-System, über das Entwickler Nvidia-Chips programmieren, ist seit Jahren der Industriestandard. Softwareanbieter optimieren ihre Produkte für Nvidia-Hardware, nicht umgekehrt. Adobe etwa überarbeitet laut Nvidia die Programme Photoshop und Premiere gezielt für den RTX Spark und verspricht doppelt so schnelle KI-Funktionen.
Genau dieser Netzwerkeffekt macht Nvidia so schwer angreifbar. Wenn Entwickler ihre Software für Nvidia optimieren, kaufen Nutzer Nvidia-Hardware. Wenn mehr Nutzer Nvidia-Hardware besitzen, optimieren mehr Entwickler für Nvidia. Dieser Kreislauf hat Nvidia im Rechenzentrumsmarkt zur Monopolmacht gemacht. Nun soll er sich auf den PC-Markt übertragen.
Die Zahlen hinter dem Hype
Wer Nvidia als Anleger bewertet, muss sich die jüngsten Quartalsergebnisse ansehen. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 erzielte Nvidia einen Umsatz von 44,1 Milliarden Dollar, trotz eines China-bedingten Sonderbelastung von 4,5 Milliarden Dollar. Ohne diesen Einmaleffekt hätte der Umsatz die Marke von 49 Milliarden Dollar überschritten.
Der Rechenzentrumsbereich, Nvidias wichtigstes Segment, steuerte 75,3 Milliarden Dollar bei. Bemerkenswert ist die zunehmende Diversifikation innerhalb dieses Segments: Rund 37,9 Milliarden Dollar stammten von großen Cloud-Anbietern, weitere 37,4 Milliarden von KI-Clouds, Industriekunden und Unternehmen. Nvidia ist also nicht mehr nur vom Investitionsappetit einiger weniger Tech-Giganten abhängig.
Die Bruttomargen lagen bei rund 75 Prozent, ein Wert, den kaum ein anderes Unternehmen dieser Größenordnung erreicht. Zum Vergleich: Im Automobilbau gelten zehn Prozent als respektabel. Diese Margen erlauben es Nvidia, massiv in Forschung und Entwicklung zu investieren und gleichzeitig Aktionäre zu belohnen: Der Konzern kündigte ein Aktienrückkaufprogramm im Volumen von 80 Milliarden Dollar an.
Vera: Der unterschätzte Angriff auf Intel und AMD
Neben dem RTX Spark verdient ein weiteres Produkt Aufmerksamkeit, das von vielen Marktteilnehmern noch unterschätzt wird: der Vera-Prozessor. Nvidia hat mit Vera einen Serverprozessor entwickelt, der direkt auf die Bedürfnisse von KI-Anwendungen zugeschnitten ist. Klassische Prozessoren von Intel oder AMD wurden ursprünglich für andere Aufgaben optimiert und stoßen bei der Koordination großer KI-Systeme an Grenzen.
Vera liefert laut verfügbaren Analysen das Doppelte an Rechenleistung pro Watt gegenüber vergleichbaren x86-Prozessoren und die vierfache Dichte pro Serverrack. Für Rechenzentren, die jeden Quadratmeter und jede Kilowattstunde optimieren müssen, sind das keine theoretischen Zahlen, sondern direkte Kostenvorteile. Für das laufende Geschäftsjahr soll der Vera-Prozessor bereits 20 Milliarden Dollar Umsatz beisteuern, und Marktbeobachter sehen hier mittelfristig ein adressierbares Marktvolumen von 200 Milliarden Dollar.
Was Anleger abwägen sollten
Das Bild ist beeindruckend, aber nicht ohne Risiken. Drei Punkte verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Erstens die geopolitische Abhängigkeit: Der US-chinesische Technologiekonflikt ist Nvidia bereits teuer zu stehen gekommen. Der Export bestimmter Chips nach China ist eingeschränkt, was direkte Umsatzverluste bedeutet. Gleichzeitig versucht Washington gegenzusteuern: Die amerikanische Export-Import-Bank stützt über die sogenannte ExportAI-Initiative die internationale Nachfrage nach US-KI-Technologie, indem sie ausländischen Staaten und Unternehmen Finanzierungen ermöglicht. Das federt einen Teil des China-Ausfalls ab, macht Nvidia aber zum Spielball geopolitischer Entscheidungen.
Zweitens die Finanzierungsstruktur im Unternehmenskundensegment: Nvidia hat im jüngsten Quartal 18,6 Milliarden Dollar in private Unternehmen und Infrastrukturfonds investiert, oft in eigene Kunden. Das klingt zunächst wie eine Stärkung des Ökosystems, birgt aber das Risiko eines Kreislaufs: Nvidia finanziert die Nachfrage nach seinen eigenen Produkten. Sollten Risikokapitalflüsse in KI-Startups versiegen, könnte dieser Mechanismus unter Druck geraten.
Drittens der chinesische Wettbewerber Huawei: Weitgehend unbeachtet von westlichen Investoren arbeitet Huawei an alternativen Chip-Architekturen, die ohne westliche Fertigungsausrüstung auskommen sollen. Gelingt dieser Ansatz, könnte Nvidia nicht nur den chinesischen Markt verlieren, sondern auch in anderen Regionen unter Druck geraten, die sanktionssichere Technologie bevorzugen.
Bewertung: Günstig für ein Unternehmen dieser Qualität?
Bei einem für das Geschäftsjahr 2028 erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 23 bis 24 wirkt Nvidia auf den ersten Blick nicht billig. Zum Vergleich: Der Technologiesektor handelt im Schnitt bei rund 26 mal Jahresgewinn. Angesichts eines erwarteten Umsatzwachstums von rund 85 Prozent im laufenden Jahr und Bruttomargen jenseits der 70 Prozent stellt sich die Frage, ob diese Kennzahl die Lage tatsächlich erfasst.
Marktbeobachter, die das Gewinnwachstum ins Verhältnis zur Bewertung setzen, kommen auf einen PEG-Wert (Kurs-Gewinn-Wachstums-Verhältnis) von unter 0,6. Werte unter eins gelten als Hinweis auf eine günstige Bewertung relativ zur Wachstumsdynamik. Allerdings sind solche Kennzahlen bei Hochwachstumsunternehmen immer mit Vorsicht zu genießen: Sie funktionieren nur, solange das Wachstum anhält.
Analysten erwarten, dass Nvidia seinen Umsatz bis zum Geschäftsjahr 2029 auf über 660 Milliarden Dollar steigern kann, ausgehend von einem Niveau von rund 391 Milliarden Dollar im laufenden Jahr.
Fazit
Nvidia hat in wenigen Jahren eine Position aufgebaut, die kaum ein Technologieunternehmen je innehatte: Es ist gleichzeitig Hardware-Hersteller, Softwareplattform und zunehmend Infrastrukturprovider für die gesamte KI-Industrie. Der RTX Spark und die Microsoft-Kooperation zeigen, dass Jensen Huang keine Nische unangetastet lassen will. Die Risiken sind da, die Marktstellung aber einzigartig. Diesen Spagat zu bewerten, ist eine der interessantesten Aufgaben für Anleger im laufenden Jahr.
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