Eine grundsätzliche Genehmigung aus Washington. Trotzdem verliert die Nvidia-Aktie an Boden. Diese Diskrepanz ist der Kern der Geschichte: Ein US-Handelsministeriums-Vertreter bestätigte diese Woche, dass eine kleine Anzahl von Nvidias H200-KI-Chips bereits an Kunden in China ausgeliefert wurde. Das Volumen nannte der Beamte „trivial“, ohne Zahlen oder Käufer zu benennen.
Die Aktie schloss die Woche bei 177,46 Euro, ein Minus von 2,14 Prozent allein am Freitag und fast 4 Prozent auf Wochensicht. Der Kurs bewegt sich damit unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 181,83 Euro, aber deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 165,34 Euro. Der RSI liegt bei 48,8 — ein neutraler Wert, der die Unsicherheit der Anleger widerspiegelt statt eine klare Richtung vorzugeben.
Die eigentliche Hürde
Die H200-Exportfreigabe ist kein fertiger Vertriebskanal. Sie ist ein Einzelfallverfahren. Seit Dezember 2025 vergibt die Trump-Regierung bedingte Freigaben und hat inzwischen rund zehn chinesischen Firmen den Kauf erlaubt, darunter Alibaba, Tencent, ByteDance und JD.com. Jeder genehmigte Käufer darf bis zu 75.000 Chips über Nvidia direkt oder autorisierte Distributoren beziehen.
Die chinesische Nachfrage übersteigt das verfügbare Angebot um ein Vielfaches. Chinesische Technologiekonzerne haben für 2026 zusammen mehr als zwei Millionen H200-Chips bestellt — Nvidias gesamter Lagerbestand liegt bei etwa 700.000 Einheiten. Peking selbst bremst zusätzlich: Die chinesische Regierung hat Technologiefirmen mitgeteilt, H200-Käufe nur in Ausnahmefällen zu genehmigen, etwa für universitäre Forschungslabore.
Einen Tag nach der Freigabe durch das Handelsministerium verhängte Präsident Trump zudem einen Zoll von 25 Prozent auf dieselben Chips, gestützt auf eine neue nationale Sicherheitsverordnung. Der Lizenzweg ist offen. Liefervolumen, chinesische Zustimmung und Zoll-Ökonomie bleiben ungeklärte Variablen, kein verlässlicher Umsatzstrom.
Das bullische Szenario
Befürworter sehen im Lizenzrahmen selbst eine strukturelle Öffnung, die es vor wenigen Monaten noch nicht gab. Das Bureau of Industry and Security prüft Anträge für H200 und ähnliche Chips inzwischen fallweise — eine direkte Folge von Trumps Ankündigung vom 8. Dezember 2025. Die Investmentbank KeyBanc hat ihr Kursziel für Nvidia angehoben und verwies dabei auf starke Nachfrage nach den KI-Produkten sowie höhere Kapazitäten bei der CoWoS-Verpackungstechnik.
Über China hinaus trägt der breitere Ausbau der KI-Infrastruktur die bullische Argumentation weiter. Das durchschnittliche Analysten-Kursziel liegt bei 264,07 Euro — ein Aufwärtspotenzial von fast 49 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs. Diese Einschätzung stützt sich vor allem auf den westlichen Hyperscaler-Zyklus, der Nvidias Rechenzentrumsgeschäft dominiert, unabhängig davon, wie sich China entwickelt.
Das bärische Szenario
Die Gegenseite argumentiert nicht nur mit Skepsis gegenüber chinesischen Stückzahlen. Es geht um eine wachsende Wettbewerbslücke — und einen Markt, den Nvidia möglicherweise bereits aufgibt. Huawei hat im März 2026 seinen Ascend-950PR-Chip vorgestellt und beansprucht für sich etwa die 2,8-fache FP4-Leistung von Nvidias H20. Der Konzern plant für dieses Jahr rund 750.000 ausgelieferte Einheiten, Massenproduktion ab April, volle Lieferfähigkeit in der zweiten Jahreshälfte 2026.
Chinesische Hyperscaler reagieren bereits darauf. Drei mit den Beschaffungsgesprächen vertraute Personen berichteten Reuters, dass ByteDance, Tencent und Alibaba neue Bestellgespräche mit Huawei aufgenommen haben. Die Produktion dürfte dabei unter der Nachfrage bleiben, weil US-Beschränkungen bei fortschrittlicher Chip-Fertigungsausrüstung Chinas Kapazitäten begrenzen.
Bemerkenswert: Trotz Genehmigungen sowohl aus den USA als auch aus China haben H200-Lieferungen nach China über die triviale Pilotmenge hinaus noch nicht begonnen. Auch Nvidias eigenes Management klingt nicht nach Aufbruchsstimmung. Im letzten Earnings Call räumte der Konzern ein, für den Ausblick „keinerlei Umsatz aus China-Rechenzentrumsgeschäft“ einzuplanen.
Selbst der diplomatische Fortschritt trägt einen bürokratischen Vorbehalt. Das Bureau of Industry and Security hat dem Kongress eine vertrauliche Liste der H200-Lizenzanträge samt Genehmigungsstatus übergeben und prüft jeden Antrag einzeln — inklusive der Bestätigung, dass die Chips nicht militärisch genutzt werden. Hinzu kommt ein Angebotsproblem: Der H200 hängt von TSMCs fortschrittlicher Verpackungskapazität ab, die über Nvidias gesamte Produktpalette hinweg bereits ausgelastet ist.
Ausblick
Solange die H200-Lieferungen nach China „trivial“ bleiben, dürfte sich der Kurs vor allem an westlichen Hyperscaler-Investitionen und Produktzyklen orientieren — nicht an China-Nachrichten. Weiten sich die chinesischen Genehmigungen deutlich über die aktuelle Handvoll Firmen aus und lässt der Zoll-Druck nach, könnte das die bullische These in Richtung des Analysten-Konsens neu entfachen.
Verhärtet sich Pekings restriktive Haltung dagegen weiter, oder gewinnt Huaweis Ascend-950PR-Rampe zur vollen Lieferfähigkeit in der zweiten Jahreshälfte 2026 an Fahrt, könnte die China-Chance für Nvidias Geschäftsmodell weiter schrumpfen — bis zur Bedeutungslosigkeit. Das nächste konkrete Signal: neue Angaben des Handelsministeriums zu tatsächlichen H200-Liefervolumina und Lizenzgenehmigungen, dazu Fortschritte bei der für dieses Jahr erwarteten Vera-Rubin-Plattform.
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