Jensen Huang hat sich diese Woche nicht mit einer gewöhnlichen Prognose zufriedengegeben. Vor dem KI-Gipfel in Schottland, in Anwesenheit von König Charles III., kündigte der Nvidia-Chef an, das Unternehmen werde 2027 doppelt so viele Chips verkaufen wie 2026 – gemessen an der Stückzahl, nicht am Umsatz.
Für mich ist das die eigentliche Nachricht des Tages, mehr noch als der brave Kursaufschlag von 2,54 Prozent, den die Aktie am Donnerstag auf 219,34 US-Dollar verzeichnete.
Wer eine Verdopplung des Absatzvolumens verspricht, während die eigene Umsatzprognose für das bis Januar 2028 laufende Geschäftsjahr „nur“ bei rund 70 Prozent Wachstum auf etwa 673 Milliarden US-Dollar liegt, öffnet ein Spannungsfeld: entweder sinken die Durchschnittspreise deutlich, oder die 70-Prozent-Zahl ist konservativ gerechnet. Beides wäre für Anleger relevant, und beides bleibt vorerst Spekulation.
Die Lieferkette glaubt Huang – und das ist bezeichnend
Bemerkenswert finde ich, wie unmittelbar der Markt reagierte. Samsung Electronics legte am Freitag um 3,37 Prozent zu, SK hynix sogar um 6,42 Prozent – beides Zulieferer, die an High-Bandwidth-Memory verdienen, dessen Preise laut Berichten je Generation um 30 bis 50 Prozent steigen. Auch der Philadelphia Semiconductor Index und der koreanische Kospi zogen an.
Für mich ist das ein Vertrauensvotum der gesamten Halbleiterkette in Nvidias Wachstumsversprechen, nicht nur ein Nvidia-spezifisches Phänomen. Morgan Stanley beziffert, dass Nvidia, Alphabet und AMD 2027 zusammen rund 85 Prozent des globalen HBM-Angebots verbrauchen werden – Nvidia allein 37,3 Prozent.
Wenn der HBM-Anteil an den Materialkosten einer GPU von etwa 20 auf über 50 Prozent steigt, wie berichtet wird, dann hängt Nvidias Verdopplungsplan an einer Speicherkette, die laut SK Hynix, Samsung und Micron für 2027 bereits ausverkauft ist.
Neue Kapazität kommt frühestens Ende 2027 oder 2028. Das ist aus meiner Sicht das eigentliche Risiko der Story – nicht Nachfrageschwäche, sondern physische Lieferengpässe.
Die operativen Zahlen stützen Huangs Optimismus zumindest kurzfristig. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 meldete Nvidia einen Rekordumsatz von 96,2 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 106 Prozent gegenüar dem Vorjahr, getrieben vom Data-Center-Segment mit 89 Milliarden US-Dollar.
Die Bruttomarge lag bei 75 Prozent nach GAAP. Für das dritte Quartal stellt Nvidia 108 Milliarden US-Dollar in Aussicht, mit einer Schwankungsbreite von 2 Prozent – allerdings ohne China-Data-Center-Umsatz, ein Vorbehalt, den man nicht überlesen sollte.
Konkurrenz aus China holt auf dem Papier auf
Parallel dazu meldete Huawei auf der Huawei Connect in Shanghai vorgezogene Roadmap-Daten: Der Ascend 960DT soll bereits im ersten Quartal 2027 statt später verfügbar sein, mit bis zu 4 PFLOPS FP4-Rechenleistung.
Nach den vorliegenden Vergleichswerten erreicht dieser Chip zwar das Doppelte an Speicher und Leistung der Vorgängerserie, bleibt aber bei FP8-Rechenleistung bei etwa der Hälfte und bei FP4 bei rund einem Drittel dessen, was Nvidias B300 leistet.
Aus meiner Sicht relativiert das die Schlagzeilen, wonach Huawei „aufholt“: Die Lücke schrumpft, schließt sich aber nicht. Zugleich zeigt Huangs eigene Einschätzung – China könne bis 2030 fortschrittliche Lithografie in Massenproduktion bringen – dass er den langfristigen Wettbewerbsdruck durchaus ernst nimmt.
Bewertungstechnisch notiert die Aktie mit einem Marktwert von rund 4,46 Billionen Euro etwa 5,4 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro, aber gut 34 Prozent über dem Tief vom 30. März.
Der Kurs liegt knapp 3 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt und 12 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt – ein Bild moderater, nicht überhitzter Stärke, das zur RSI-Lesart von 53 passt.
Mein Fazit
Unterm Strich spricht für Nvidia, dass Nachfrage, Kundenzusagen und Analystenreaktionen der letzten Tage in dieselbe Richtung zeigen: Wachstum bleibt strukturell, nicht nur zyklisch.
Die Risiken liegen weniger in der Nachfrage als in der Lieferkette – knappe HBM-Kapazitäten könnten Huangs Verdopplungsversprechen ausbremsen, egal wie stark die Auftragsbücher sind. Wer die Aktie beobachtet, sollte deshalb weniger auf die nächste Umsatzzahl schauen als auf die Speicherpreise und Kapazitätsmeldungen der koreanischen Zulieferer.
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