Ein Gerücht über eine Verzögerung, ein schnelles Dementi, ein Kurssprung. Nvidia zeigt am Freitag, wie empfindlich der Markt derzeit auf jedes Signal rund um die nächste KI-Chip-Generation reagiert. Die Aktie schließt bei 184,60 Euro, ein Plus von 4,04 Prozent an einem einzigen Handelstag.
Kyber-Gerüchte vom Tisch
Berichte vom 7. Juli hatten Zweifel gesät. Angeblich sollte die kommende KI-Plattform Kyber NVL144 erst 2028 kommen, zwei Jahre später als geplant. Nvidia widersprach umgehend und erklärte, die Entwicklung liege im Zeitplan.
Kyber NVL144 ist die nächste Rack-Plattform nach Vera Rubin. Sie verbindet mehrere Grafikprozessoren zu einem gemeinsamen Cluster für KI-Training und Inferenz. Allein die Klarstellung ließ die Aktie um über ein Prozent steigen, weil sie Sorgen um die Roadmap zerstreute.
Passend zum Timing meldete sich Goldman Sachs mit einer neuen Einschätzung. Die Bank sieht Nvidia nach dem jüngsten Rückgang als unterbewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne liegt bei 21,7 – nahe am Durchschnitt des S&P 500 und weit unter dem eigenen Fünfjahresschnitt von 72.
Spekulation um Kapitalrückführung
Neben der Kyber-Frage rückt die Kapitalstrategie in den Fokus. Nvidia hatte seit dem Rekordhoch vom 14. Mai rund eine Billion Dollar an Marktwert verloren.
Bank-of-America-Analyst Vivek Arya nennt mehrere Gründe für den vorangegangenen Ausverkauf. Höhere Speicherkosten drücken die Bruttomarge. Custom-ASIC-Chips der Konkurrenz greifen Marktanteile an. Hinzu kommt eine breite institutionelle Eigentümerstruktur sowie Kritik an der Kapitalverwendung: Nvidia parkt Mittel in Lieferantenfinanzierungen, statt stärker auf Rückkäufe oder Dividenden zu setzen.
Citi-Analyst Atif Malik meldete sich nach einem Gespräch mit dem Investor-Relations-Team des Unternehmens zu Wort. Nvidia bekräftigte demnach das Ziel, in diesem Jahr die Hälfte des Cashflows an Aktionäre zurückzugeben. Malik bleibt bei seiner positiven Einschätzung und verweist auf den guten Zugang zu DRAM-Speicher in einem angespannten Markt. Für ihn bleibt Nvidia die bevorzugte Wahl unter den großen Rechenzentrums-Chipherstellern.
Charttechnik und Marktumfeld
Der Freitagsanstieg hievt die Aktie zurück über den 50-Tage-Durchschnitt von 181,22 Euro, ein Abstand von 1,87 Prozent. Zum Rekordhoch vom 14. Mai bei 202,50 Euro fehlen noch 8,84 Prozent. Vom Jahrestief bei 140,30 Euro aus dem Juli 2025 hat sich der Kurs bereits um 31,58 Prozent erholt.
Auf Jahressicht steht ein Plus von 14,59 Prozent, über zwölf Monate sind es ebenfalls 31,58 Prozent. Der RSI von 58,6 lässt noch Spielraum nach oben, bevor die Aktie als überkauft gelten würde. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 36,42 Prozent zeigt allerdings, wie stark die Stimmung rund um KI-Investitionen weiterhin schwankt.
Das operative Kerngeschäft liefert unterdessen solide Zahlen. Die Erlöse im Rechenzentrumssegment erreichten im ersten Quartal einen Rekordwert, für das zweite Quartal stellt das Management weiteres Wachstum in Aussicht.
Der Blick nach vorn
Die nächsten Impulse kommen von den Großkunden selbst. Microsoft und Alphabet legen am 29. Juli ihre Zahlen vor, Amazon folgt Anfang August. Nvidias eigener Quartalsbericht für das zweite Fiskalquartal 2027 steht am 26. August an.
Die Investoren werden dabei genau beobachten, ob die Cloud-Anbieter ihre KI-Ausgaben wie erwartet fortsetzen. Ein weiterer Faktor bleibt die Positionierung der Leerverkäufer: Mit rund 16,7 Milliarden Dollar ist das Short-Interest bei Nvidia das höchste unter den großen Chipherstellern. Für einen Short Squeeze reicht die Positionierung nach Einschätzung von Marktbeobachtern derzeit aber nicht aus.
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