Nvidia-Aktien schließen am Freitag bei 184,60 Euro. Das Papier legt an diesem Tag 4,04 Prozent zu, auf Wochensicht steht ein Plus von 7,34 Prozent. Der Kurs nähert sich damit wieder seinem Rekordhoch — während Anleger auf eine einzige Frage starren: Wird aus jahrelang blockierten H200-Chip-Verkäufen nach China endlich Umsatz?
Freigabe erteilt, Lieferung ausständig
Das US-Handelsministerium hat rund zehn chinesischen Firmen grünes Licht gegeben, Nvidias H200-Chip zu kaufen. Alibaba, Tencent und ByteDance zählen dazu, das Limit liegt bei 75.000 Einheiten pro Kunde. Ausgeliefert wurde bislang trotzdem kein einziger Chip. Der Deal steckt im rechtlichen Niemandsland fest, gefangen zwischen dem Tech-Rivalitätskonflikt der USA mit China und neuen Lieferkettenregeln aus Peking.
CEO Jensen Huang sagte auf der NVIDIA GTC 2026, sein Unternehmen habe bereits Kaufaufträge chinesischer Kunden für den H200 erhalten. Die Produktion für diesen Markt laufe wieder an. Die Lage lässt sich damit präzise beschreiben: Die Fertigung reagiert bereits auf die regulatorische Freigabe, in den Büchern taucht davon aber noch nichts auf. Kein bestätigter Versand, kein gebuchter China-Umsatz. Angesichts der Nähe zum Rekordhoch ist dieser Unterschied keine Randnotiz.
Die entscheidende Kennzahl
Nvidias eigene Prognose rechnet China komplett heraus. Für das zweite Quartal des Fiskaljahres 2027 nennt der Konzern eine Umsatzerwartung von 91,0 Milliarden Dollar, plus oder minus zwei Prozent — ohne jeden China-Beitrag aus dem Data-Center-Geschäft. Damit wird die Ausgangsfrage binär: Beginnen die H200-Lieferungen nach China noch in diesem Quartal zu fließen und liefern einen Bonus obendrauf? Oder bleibt der rechtliche Stillstand bestehen, sodass China reine Optionalität bleibt statt echter Umsatzlinie?
Bullen-Szenario: Das Kerngeschäft braucht China nicht
Das Wachstum von Nvidia sieht auch ohne China beeindruckend aus. Im jüngsten Quartal meldete der Konzern 81,61 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 85,2 Prozent zum Vorjahr und über den Erwartungen der Analysten. Der Nettogewinn kletterte auf 58,32 Milliarden Dollar — mehr als das Dreifache des Vorjahreswerts.
Das Data-Center-Segment trägt die Hauptlast: 75,25 Milliarden Dollar Umsatz, ein Zuwachs von 92 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Nvidias Management hat sich zudem zu Lieferverpflichtungen im Volumen von 119,0 Milliarden Dollar bekannt. Diese Summe zeigt, wie tief das Auftragsbuch tatsächlich reicht — ein Vertrauenssignal, das weit über eine einzelne Region hinausgeht.
Sollten die chinesischen Lieferungen unter den neu erteilten Lizenzen tatsächlich anlaufen, wäre das ein reiner Bonus obendrauf auf eine bereits robuste Prognose. Der Markt hat diesen Fall bislang nicht eingepreist. Technisch liegt die Aktie 1,87 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt bei einem moderaten RSI von 58,6 — Raum nach oben, ohne dass die Aktie bereits überkauft wirkt. Das durchschnittliche Analystenkursziel von 264,03 Euro impliziert noch gut 43 Prozent Potenzial vom aktuellen Niveau aus.
Bären-Szenario: Rechtlicher Stillstand und schwindender Marktanteil
Das Risiko: Die China-Chance bleibt länger theoretisch, als der Markt erwartet. Eine regulatorische Freigabe ist keine Lieferung, und der Deal hängt weiterhin im rechtlichen Niemandsland zwischen den beiden Großmächten fest.
Hinzu kommt: Nvidias Wettbewerbsposition in China war bereits vor dem aktuellen Streit eingebrochen. Huang selbst formulierte es unverblümt: „Wir sind zu 100 Prozent draußen aus China.“ Und weiter: „Wir sind von 95 Prozent Marktanteil auf null gefallen.“ Die US-Exportpolitik habe sich seiner Einschätzung nach „bereits weitgehend als Bumerang erwiesen“ — ein Markt, den man an heimische Rivalen abtritt, mache strategisch keinen Sinn.
Manche Analysten sehen die Erosion sogar weitergehen. Bernstein schätzt, Nvidias China-Anteil könnte von 66 Prozent im Jahr 2024 auf rund 8 Prozent in den kommenden Jahren fallen. Bei einem anhaltenden Patt konkurriert Nvidia weiter mit zunehmend leistungsfähigen chinesischen Alternativen wie Huawei um AI-Infrastrukturbudgets — während die H200-Chance ein reiner Auftragsrückstand bleibt, kein ausgelieferter Umsatz.
Auf der Bewertungsseite kommt Druck von der Kursseite hinzu. Die Aktie notiert 12,02 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt, die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 36,42 Prozent. Das lässt wenig Puffer, falls der erhoffte China-Katalysator ausbleibt oder sich die Stimmung rund um AI-Investitionen insgesamt abkühlt.
Ausblick: Bestellungen müssen zu Lieferungen werden
Solange das Data-Center-Geschäft im Tempo des jüngsten Quartals weiterwächst, trägt die Wachstumsgeschichte auch ohne China. Beginnen die ausstehenden H200-Lieferungen tatsächlich, als anerkannter Umsatz zu erscheinen, wäre das ein zusätzlicher Schub auf eine Prognose, die China bereits ausklammert — ein Szenario, das die Aktie in Richtung des 52-Wochen-Hochs von 202,50 Euro und darüber hinaus tragen könnte.
Zieht sich der rechtliche Stillstand dagegen weiter hin und wandern chinesische Kunden verstärkt zu heimischen Alternativen ab, bleibt die China-Chance eine Schlagzeile statt eines Umsatztreibers. Der bereits deutliche Abstand zu den längerfristigen Durchschnittslinien würde dann wenig Polster gegen Enttäuschung bieten.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Quartalsbericht zum zweiten Fiskalquartal 2027. Entscheidend wird dort nicht die Zahl der Bestellungen sein, sondern ob das Management erstmals tatsächliche Versandvolumina nach China beziffert.
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