Nvidia-Aktien schließen die Woche bei 174,36 Euro, ein Plus von 2,98 Prozent allein am Freitag. Auf Wochensicht steht dennoch ein Minus von 4,21 Prozent zu Buche. Die Schwankungen lenken den Blick auf eine Frage, die Anleger seit Monaten umtreibt: Öffnet sich Nvidias China-Geschäft in den kommenden Monaten wirklich, oder bleibt es politisches Pfand?
Ausgangslage: China bleibt nur halb geöffnet
Nvidias Chip-Geschäft in China hängt an einem Lizenzsystem, das sich ständig verschiebt. Es gibt keine verlässliche Regelung. China lieferte einst mindestens ein Fünftel der Data-Center-Umsätze des Konzerns. Im April sperrte die Trump-Regierung den Marktzugang und verlangte fortan eine Exportlizenz.
Vorherige Exportkontrollen zwangen Nvidia bereits, den abgespeckten H20-Chip zu entwickeln. Im Dezember änderte Trump dann den Kurs: Der leistungsstärkere H200-Chip darf nach China gehen – vorausgesetzt, die USA erhalten 25 Prozent vom Verkaufserlös.
Der tatsächliche Warenfluss bleibt trotzdem dünn. Einen Monat vor Mitte März 2026 gab es praktisch noch keine Bewegung. Immerhin bestätigte Nvidias Finanzchefin den Analysten, dass eine „kleine Zahl“ an H200-Produkten für den Verkauf nach China freigegeben wurde.
Das US-Handelsministerium erteilte separat rund zehn chinesischen Firmen grünes Licht für den H200-Kauf – darunter Alibaba, Tencent und ByteDance, mit einem Limit von 75.000 Einheiten pro Kunde. Bislang wurde trotz dieser Freigabe kein einziger Chip ausgeliefert. Der Deal steckt in einem rechtlichen Schwebezustand fest, gefangen zwischen dem Tech-Rivalität mit den USA und Pekings eigenen Lieferkettenauflagen. Lizenziert, aber kaum ausgeführt – das trifft die Lage am besten. Von einem funktionierenden Umsatzstrom kann keine Rede sein.
Die entscheidende Frage
Der weitere Weg hängt davon ab, ob sich das China-Geschäft von einer genehmigten, aber schlafenden Lizenz in einen echten, skalierten Lieferstrom verwandelt. Oder ob Pekings eigene Beschränkungen und die anhaltende Tech-Rivalität die Sache auf unbestimmte Zeit einfrieren. Das ist keine Frage einer einzelnen Umsatzzahl, sondern eine strukturelle Weichenstellung: Löst sich der diplomatische und regulatorische Stau, in welche Richtung auch immer?
Bull-Szenario: Wachstum läuft auch ohne China
Das Kerngeschäft im Rechenzentrumsbereich wächst unabhängig von China weiter. Im ersten Fiskalquartal 2027 legte der Data-Center-Umsatz um 92 Prozent zu, der Nettogewinn kletterte um 211 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
CEO Jensen Huang beschreibt die aktuelle Phase in großen Worten. Er nennt sie „den Aufbau von KI-Fabriken, die größte Infrastrukturexpansion der Menschheitsgeschichte“. Der Data-Center-Umsatz erreichte im ersten Quartal 75,246 Milliarden Dollar.
Der Ausblick für das kommende Quartal deutet auf weitere Beschleunigung hin. Das Management rechnet mit einem Umsatzsprung von rund 12 Prozent gegenüber dem ersten Quartal – das entspräche einem Plus von 95 Prozent im Jahresvergleich. Sollte obendrauf noch eine China-Freigabe kommen, wäre das reiner Bonus, kein rettender Befreiungsschlag. Ein Umfeld, das zum Analystenkonsens passt: Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 263,90 Euro, das wäre ein Aufschlag von 51,4 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.
Bear-Szenario: China bleibt politisch gedeckelt
Das China-Potenzial ist durch politisches Design begrenzt, nicht nur durch Ausführungsverzögerungen. Die Prognose für das zweite Quartal von 91,0 Milliarden Dollar (plus/minus 2 Prozent) schließt Data-Center-Umsätze aus China explizit aus. Selbst eine positive Wendung würde also zur bestehenden Prognose hinzukommen, statt bereits eingepreist zu sein. Bleibt die Pattsituation bestehen, entfällt ein möglicher Rückenwind komplett.
Die generelle Stimmungsempfindlichkeit verschärft das Bild. Ein Beta von 2,202 verstärkt jede KI-Blasen-Nervosität am Markt – die Aktie trifft es besonders hart, sobald die Risikobereitschaft wackelt. Charttechnisch notiert der Kurs 2,59 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 178,99 Euro, der RSI von 47,2 signalisiert einen unentschlossenen Markt ohne klaren Trend. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 38,10 Prozent zeigt, wie schnell die Stimmung rund um die China-Frage die Aktie in beide Richtungen bewegen kann.
Ausblick
Solange die Nachfrage im Kerngeschäft in diesem Tempo weiterwächst, bleibt die fundamentale Wachstumsstory intakt – unabhängig vom China-Status. Das stützt die Position der Aktie 4,80 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 166,37 Euro.
Lockern Pekings Lieferkettenauflagen und die Tech-Rivalität sich so weit, dass genehmigte H200-Lieferungen tatsächlich fließen, spricht das für eine Neubewertung Richtung Analystenziele. Hält der Stillstand dagegen an, dürfte der Spielraum nach oben in der bisherigen Handelsspanne zwischen dem 52-Wochen-Tief von 139,78 Euro und dem Hoch von 202,50 Euro begrenzt bleiben.
Der nächste konkrete Test kommt mit den Quartalszahlen zum zweiten Fiskalquartal, erwartet für Mitte August 2026. Dann dürfte vor allem interessieren, was das Management zum Fortschritt bei den China-Lizenzen und zur Nachfrage nach den Blackwell- und Rubin-Chips zu sagen hat.
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